Seit 17:30 Uhr Tacheles

Samstag, 19.10.2019
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles

Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

KulturbetriebFrankreichs Festivalsommer ist in Gefahr

Streit um Reform der Arbeitslosenregelung für freie Künstler

Von Ursula Welter

Podcast abonnieren
Streik Avignon Künstler (dpa / picture alliance / epa / Sipa Tschaen)
Bereits 2003 streikten die Künstler und Techniker beim Festival von Avignon - das droht sich in diesem Sommer zu wiederholen. (dpa / picture alliance / epa / Sipa Tschaen)

Freie Künstler und Techniker in Frankreich haben ein prekäres Leben, das aber abgefedert wird vom Recht auf schnellen Bezug von Arbeitslosengeld. An der Regelung wird seit Jahren gerüttelt. Jetzt wieder, kurz vor dem Festivalsommer.

2003 fiel der Festivalsommer aus, in Avignon, in Aix-en-Provence, an mehr als 50 Standorten bleiben die Theater und Bühnen leer, gingen die "intermittents" stattdessen auf die Straßen, protestierten gegen Änderung ihres Sonderstatus.

Mit 507 Stunden Arbeit binnen zehn Monaten erwirken Künstler, Bühnentechniker, alle, deren Arbeit im Kulturbetrieb Unterbrechungen kennt, das Recht auf Arbeitslosengeld. Anders als in anderen Branchen reichen im französischen Kulturbetrieb dreieinhalb Monate Arbeit für acht Monate Entschädigung aus der Sozialkasse:

"Die Arbeitslosenversicherung besteht aus bestimmten Regeln, und diese Regeln haben einen Anhang. In Punkt acht und zehn sind die spezifischen Entschädigungen für Künstler und Techniker, so wie es dort auch Regeln für Journalisten und andere Berufe gibt, also Bestimmungen, die angepasst sind an Berufe, die mit Unterbrechung ausgeübt werden."

Matthieu Grégoire, Soziologe an der Universität der Picardie, hat ein Buch über den Jahrhundertkampf der „intermittents" geschrieben. Die Sonderstellung der Schauspieler, Kameraleute, Bühnenbildner gehe auf die Anfänge der Filmbranche zurück. Die Regelung sollte die Lücken füllen, die sich in Ermangelung fester Verträge und fester Gehälter im Kulturbetrieb auftat.

"Seit '84 werden die speziellen Regeln immer wieder in Frage gestellt", sagt Grégoire im französischen Rundfunk.

Diesmal geht es um eine Vereinbarung, die Arbeitgeber und drei französische Gewerkschaften im März ausgehandelt hatten. Eine Vereinbarung, die die Regierung am 18. Juni auf den Weg bringen und zum 1.7. in Kraft treten lassen wollte. Stattdessen musste sie nun einen Vermittler einschalten. Die Organisationen der "intermittents" und die linke Gewerkschaft CGT machen mobil, protestieren vor allem gegen die geplanten längeren Karenzfristen bis zur ersten Arbeitslosenzahlung, sagen, das sei eine Abschaffung des Sonderstatus durch die Hintertür und wehren sich, nicht zuletzt, gegen die geplanten Beitragsanhebungen.

"Wir nehmen die Festivals nicht in Geiselhaft, wir wollen nur, dass unsere Stimme gehört wird. Schade um den Niedergang unserer Kultur, denn davon leben eine Menge Leute", sagt einer der Streikenden.

Eine Milliarde Euro an 100.000 Bezugsberechtigte

Konservative und sozialistische Regierungen haben sich an Reformen versucht. Der Aufschrei ist jedes Mal groß. Auch die Solidarität. Wie schon 2003 schickte die Truppe der "Comédie Française", die als einzige im Land feste Verträge kennt, in dieser Woche einen Appell an den Staatspräsidenten. Im ganzen Land wird Verständnis artikuliert für die Proteste der Techniker und Künstler, die mal die abendlichen Fernsehnachrichten stören, mal in den Theatern Erklärungen verlesen, oder, wie gerade geschehen, das Festival der Weltmusik in Toulouse boykottieren.

Der Rechnungshof hatte der Regierung zuletzt noch einmal vorgerechnet, dass der Sonderstatus der freischaffenden Künstler und Techniker die Arbeitslosenversicherung teuer zu stehen komme. Eine Milliarde Euro Verlust gingen à conto dieser Regelung für die gut 100.000 Bezugsberechtigten, sagt Rechnungshofpräsident Didier Migaud:

"Die fehlende eine Milliarde Euro, das ist die Diskrepanz zwischen Beitragszahlung und dem, was ausgezahlt ist. Diese Zahl ist unstrittig."

Im Kulturbetrieb kommt das reine Rechenspiel aber nicht gut an. Auch nicht der Vorwurf, viele Produktionsgesellschaften würden die Arbeitslosenversicherung bewusst ausbeuten, indem sie die Verträge mit Künstlern und Bühnentechnikern entsprechend gestalteten. Tatsächlich hat die Regelung zwei Seiten: Mancher Empfänger kann sich mit dem Geld gerade über Wasser halten, andere bekommen üppige Bezüge für geringsten Aufwand.

Jack Lang, der früher Kulturminister, sieht im Sonderstatus der „intermittents" keine verdeckte Kultursubvention durch die Sozialkasse und will auch von Missbrauch jetzt nichts hören, da der Festivalsommer erneut gefährdet ist:

"Die Sache ist dringend, es besteht Handlungsbedarf angesichts der Gefährdung der Sonderregelung für die künstlerischen Teilzeitkräfte, denn das ist eine unersetzliche Talentschmiede, eine Unterstützung für die nachwachsenden Generationen im Kulturbetrieb."

Am Montag soll ein Demonstrationszug Richtung Kulturministerium in Paris ziehen. Regionale Büros des Arbeitsministeriums wurden bereits besetzt. "Die Liste unserer Protestmöglichkeiten ist lang", sagt die Gewerkschaft CGT.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsThe Great Nowitzki in Frankfurt
Dirk Nowitzki steht anlässlich der Buchpräsentation von "The Great Nowitzki" bei einem Fototermin im Schauspielhaus. Das Buch wurde vom deutschen Autor Thomas Pletzinger verfasst, der links neben ihm steht. (picture alliance/Silas Stein/dpa)

In der „FAZ“ wird über die Anziehungskraft des zurückgetretenen Basketball-Profis Dirk Nowitzki gestaunt. Als dieser auf der Frankfurter Buchmesse seine Biographie vorstellt, reichen „die Warteschlangen für Signaturen dreimal durchs ganze Foyer“.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur