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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.07.2015

Kultur im NetzNeues Literaturmagazin sucht Sponsoren

Von Gerd Brendel

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Thierry Chervel, Gründer des Online-Kulturmagazins "Perlentaucher". (imago stock&people)
Auch "Perlentaucher"-Gründer Thierry Chervel hat sich in die Debatte eingeschaltet. (imago stock&people)

Literaturkritiker, Journalisten wie Perlentaucher"-Gründer Thierry Chervel (Foto) und Blogger diskutieren seit Längerem, wie man eine neue Literaturzeitschrift ins Netz bringen kann. Nun sollen endlich Taten folgen: In Berlin fand ein erstes Gründungstreffen statt.

Am Anfang stand das Unbehagen an der Literaturkritik in den Feuilletons der großen Zeitungen.

"Mich hat das so angeödet, dieses Gefühl mit den Zeitungen, die so ein Tanker sind, wo man nichts Neues machen kann, und ich dachte: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall."

So sehr verdrossen hat die Journalistin und Literaturkritikerin Sieglinde Geisel der Alltag in den Feuilletonredaktionen, dass sie sich die gebeutelten Haustiere aus den Bremer Stadtmusikanten zum Vorbild nimmt. Jetzt hat sie mit gleichgesinnten zu einem ersten Gedankenaustausch geladen, nein, nicht in ein Räuberquartier wie im Märchen, sondern in die Redaktionsräume des "Merkur" in Berlin-Charlottenburg. Unterwegs zu ihrem digitalen "Bremen", einer Literaturzeitschrift im Internet, diskutierten Blogger, Internet-Redakteure, Kollegen, eine Literaturagentin und Verlagsmacher die entscheidenden Fragen:

"Was soll drin stehen? Wer soll schreiben?"

Und vor allem in welcher Form?

"Man kann Videos einbinden, man kann Gespräche machen, man kann literarische Quartetts machen. Alles, was einem so einfällt, kann man machen."

Was im Netz fehlt, sind redaktionelle Inhalte

Thierry Chervel, einer der Initiatoren des Treffens, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Online-Magazins "Perlentaucher". Wolfram Schüttes Plädoyer für ein neues digitales Literaturmagazin erschien hier und die anschließende Debatte, geführt von Bloggern wie Jan Drees oder Thomas Brasch. Denn es ist ja nicht so, dass die Literaturkritik im Netz nicht stattfindet, nur eben weitgehend als Ein-Mann- oder Ein-Frau-Betrieb. Was fehlt, ist eine Redaktion, die bündelt, Themen setzt, den Austausch mit den lesenden mündigen Usern pflegt und vor allem dem Ganzen ein digitales Gesicht gibt.

"Das heißt nicht, dass man nicht inhaltlich anspruchsvolle Texte bringt. Inhaltliche Konzentration und formale Offenheit."

Nur wenn beides umgesetzt wird, hat das neue Magazin neben den schon existierenden Blogs und Online-Magazinen wie "Perlentaucher" überhaupt eine Chance. Wobei die grenzenlosen Möglichkeiten der Formen und der Verbreitung sich idealerweise auch im Inhalt spiegeln sollten, so Anja Seliger vom "Perlentaucher":

"Was ich am Interessantesten finde, aber da bräuchten wir mehr Geld für, ist ein europäisches Projekt zu haben. Eines, wo man auch auf Englisch mit Autoren und Kritikern in anderen Ländern versucht zu arbeiten."

Finanzierung durch eine Stiftung oder einen Sponsor

Stichwort Geld - auch darüber wird natürlich an diesem Abend gesprochen: Das Modell: Inhalt gegen Bezahlung wird schnell verworfen. Ideal, darin sind sich fast alle einig, wäre eine Finanzierung durch eine Stiftung oder einen Sponsor.

"Es sollte ein Medium, das groß angelegt ist, Unser Projekt sollte groß angelegt sein, nicht kleine Brötchen backen. Da gibt es so viele schon."

Und so entlässt Sieglinde Geisel am Ende eines Abends digitaler Höhenflüge die Runde mit einer Hausaufgabe in die Niederungen des realen Alltags: Gesucht werden potenzielle Geldgeber.

Mehr zum Thema:

Debatte - Ist die Literaturkritik in der Krise?
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 06.07.2015)

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