Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 03.08.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 24.03.2021

Kultur hinter der ScheibeSchauspielern in Schaufenstern

Von Ernst-Ludwig von Aster

Hinter dem Schaufenster eines Optikers steht eine Schauspielerin vor einem roten Vorhang. Sie trägt eine schwarze Schlaghose und eine auffällige schwarze Perücke. Sie spricht in ein gelbes Mikrofon. Daneben öffnet eine Frau mit Maske die Tür. (Ernst-Ludwig von Aster)
Brillen und Chansons: In Berlin bietet ein Optiker hinter Glas Künstlern eine Bühne. (Ernst-Ludwig von Aster)

Für Klein- und Solokünstler gibt es seit einem Jahr quasi Auftrittsverbot. Staatliche Unterstützung kam spät und spärlich. In Berlin treten jetzt einige Künstler wieder auf. Sie spielen vor Publikum hinter einer Schaufensterscheibe.

Eine Passantin kommt mit Einkaufstüten über den Bürgersteig. Sie stutzt und stoppt vor dem Schaufenster eines Brillengeschäfts. Aus kleinen Boxen klingt ein Limerick: "Der Auerhahn, der Auerhahn, der schaut mich ganz schön sauer an. Stört mich aber nicht, weil ich grad penne. Und zwar mit seiner Auerhenne. Das war Heinz Erhardt."

Gerd Normann steht lächelnd hinter der Scheibe vor dem Mikrofon und breitet die Arme aus: "Hallo! Dankeschön. Halten Sie die Abstände ein, setzen Sie die Maske auf, dass sich die Aerosole bei Lachanfällen nicht in der Straße verteilen."

Lachen mit Abstand und Anstand: Das ist Normanns Botschaft. Der Wortakrobat mit Vorliebe für Tierlimericks steht sonst in Berliner Kabaretts auf der Bühne oder füllt Schützenhallen im Sauerland:

"Dankeschön! Die Krefelder Straße hat zugehört, wunderbar. Ich begrüße sie! Hier ist das Entenfuß-Showfenster. Hier treten Künstler auf, die in den Theatern gerade nicht auftreten können, weil die Theater geschlossen sind. Hier dürfen sie auftreten im Showfenster."

Kulturtankstelle Schaufenster

Die Passantin eilt weiter. "Gehen" ist mit Kreide auf eine Hälfte des Bürgersteigs geschrieben, "Stehen" auf die andere. Eine rote Banderole trennt den Gehweg. Sie ist aufgespannt zwischen zwei Mikrofonständern.

Margrit Lüder steht auf der richtigen Seite und achtet darauf, dass vor dem Schaufenster alle in die richtige Richtung laufen. Sonst verkauft Lüders hier in Berlin-Moabit Brillen und Kontaktlinsen: "Man hat ja Verständnis für die Künstler und da habe ich gedacht, das ist leicht zu machen und ich unterstütze die gerne. Das ist ja auch ein bisschen Aufmerksamkeit für die Straße und den Laden. Von daher können wir nur gewinnen."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Darum hat sie ihr Schaufenster freigeräumt. Sie bringt Kultur hinter die Scheibe für das Publikum auf der Straße. Im Schaufenster macht sich jetzt Lina Lärche vor einem roten Samtvorhang mit Schlaghose und schwarzer Perücke Lina Lärche für ihren Auftritt bereit.

"Es erinnert ein bisschen an die Herbertstraße in Hamburg. Das war auch eine kleine Nebenidee, dass die Künstler sich jetzt so prostituieren müssen, weil sie nicht auftreten dürfen. Und von daher ist das auch so gewollt", sagt Lüders.

Lärche begrüßt ihr Publikum: "Hallo, ja hier! Standing Ovations in der Krefelder Straße. Wieder ist es ausverkauft hier! Ich freue mich wahnsinnig. Schön guten Tag, bitte bleiben Sie mal stehen!"

Eine Frau mit zwei Einkaufstaschen am Fahrradlenker stoppt: "Ich wohne hier im Kiez. Und bin echt begeistert. Ich habe echt wunderschöne Musik gehört, tolle Darbietungen. Falls ich mich mal raus wage, dann bleibe ich hier echt mal gerne stehen."

"Kultur tanken", nennt sie das. Vor dem Fenster steht eine kleine Spendenbox. Sie wird bewacht von einer Plastikente. Wer kann, der gibt. Die Künstler aber spielen so oder so.

Künstler ins Showfenster

Drinnen im Laden sitzt Gerd Normann und macht Pause zwischen den Brillen. "Künstler ins Showfenster" war seine Idee und sie war naheliegend. Normann ist Optiker und Wortkünstler. Er verkauft Brillen im Laden und Wortwitz auf der Bühne.

"Ab März war nix mehr. Dann bin ich so langsam immer saurer geworden, weil für die Künstler so wenig getan wurde. Und dann kam der nächste Lockdown, dann habe ich gedacht, gut dann muss ich selbst was für die Künstler tun", sagt Normann.

Der harte Lockdown ist für Bühnen- und Solokünstler seit einem Jahr Realität. Finanziell ist das ein Desaster und kulturell frustrierend – keine Bühne nirgendwo.

"90 Prozent haben gleich zugesagt. Die haben gesagt: 'Oh, ich will mal wieder auftreten! Ich will meinen Beruf ausüben, ich kann nicht." Die haben gesagt: Bei dir darf ich! Ich komme, gib mir einen Termin!'".

Hip-Hopper, Kabarettisten, Chanson-Interpretinnen – alle wollen im Showfenster spielen. Jetzt kommt ein Kunde in den Laden mit einem großen Bild unter dem Arm:

"Ich habe mal ganz spontan entschieden, ich sponsore das ganze System hier mal mit 10 Euro."

Normann bedankt sich: "Super, sehr schön. Dankeschön!"

"Jeden Tag eine gute Tat, dann bin ich auch schon weg."

Der 10-Euro-Schein kommt in die Kasse. Normann nickt. Es sieht so aus, als lächele er hinter der Maske: "Das ist auch so ein Feedback, das man bekommt, vom Publikum, die sehr, sehr dankbar sind. Es geht nicht ums Geld, auch den Künstlern nicht. Es ist auch Protest, ganz klar: 'Wir lassen uns jetzt nicht einfach ausschalten, sondern wir überlegen uns was'."

Mehr zum Thema

Aus den Feuilletons - Aufstehen für die Kunst
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 20.03.2021)

Erneuter Lockdown für Hamburgs Museen - "Sorry, wir haben geschlossen"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 21.03.2021)

Kreativ bleiben im Stillstand - „Begegnungen sind das Einzige, was bleibt“
(Deutschlandfunk Kultur, Stunde 1 Labor, 14.03.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Buch über Alexej NawalnyWas den Kremlkritiker antreibt
Eine drei Meter hohe Installation zeigt vor dem Brandenburger Tor einen "kleinen Alexej Nawalny", wie er den "übergroßen Wladimir Putin" tritt. Die Figur war Teil des Karnevalswagen des diesjährigen Düsseldorfer Rosenmontagszugs, den die Aktivisten von „Freies Russland NRW“ nach Berlin brachten. Entworfen hat sie der Düsseldorfer Künstler J. Tilly. (picture alliance / dpa /Jörg Carstensen)

Wieso ist der Kremlkritiker Alexej Nawalny freiwillig nach Russland zurückgekehrt, obwohl ihm klar war, dass er inhaftiert werden könnte? Vor Ort könne er mehr bewirken als vom Ausland aus, sagt Politikwissenschaftler Jan Matti Dollbaum.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

Friedrich Ani: "Letzte Ehre"Im Dunkel des Alltags
Friedrich Ani sitzt in brauner Lederjacke mit einem Bein auf einem Geländer und blickt ernst ins Off des Bildes. (Imago/Sabine Gudath)

Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Femizid: In seinem neuen Kriminalroman "Letzte Ehre" gelingt es Friedrich Ani, eine Sprache für das Leiden und das Schweigen der Opfer zu finden. Es ist sein bislang persönlichster Roman. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur