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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.11.2015

Kultur der EmpathieLernen vom Heiligen Martin

Joachim Bauer im Gespräch mit Nana Brink

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Junge als Martin von Tours verkleidet bei einem Laternenumzug in Berlin. (dpa/picture alliance/Maurizio Gambarini)
Ein Junge als Martin von Tours verkleidet bei einem Laternenumzug in Berlin. (dpa/picture alliance/Maurizio Gambarini)

Wie lernen Kinder am besten empathisches Verhalten? Durch Vorleben und gute Beispiele, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer. Zu den Vorbildern gehört für ihn auch heute noch die Legende um Martin von Tours, der einst seinen Mantel mit einem Bettler teilte.

Vielen Kindern und Erwachsenen ist sie vertraut: Die Legende um Martin vom Tours, der seinen Mantel in zwei Hälften geteilt und damit einem frierenden Bettler  geholfen hat. Sie soll sich am 11. November 397 abgespielt haben.   

Solche Geschichten von Mitgefühl und Selbstlosigkeit seien auch heute noch wichtig und müssten Kindern immer wieder erzählt werden, sagte der Neurobiologe Joachim Bauer im Deutschlandradio Kultur:

"Das Verhalten von St. Martin ist der Ausdruck einer zutiefst empfunden Menschlichkeit. Und die Empathie gehört zum Menschen dazu, egal welcher Religion wir angehören. Es ist ein zutiefst menschlicher Zug, empathisch sein können und es auch tatsächlich zu sein."

Eltern könnten diese Grundausstattung vor allem durch einen empathischen Umgang mit ihren Kindern fördern. Alle im menschlichen Gehirn angelegten Systeme entwickelten sich durch deren Anwendung:

"Die Fachleute haben da diesen schönen Begriff des 'Use it or loose it', also 'Benütze es oder verliere es'. Das ist ein neurobiologisches Grundgesetz. Im Falle der Empathie-Systeme heißt das, dass Kinder selbst erleben sollen, dass Erwachsene einfühlsam mit ihnen umgehen."


Joachim Bauer im Jahr 2013 während der ARD-Talksendung "Anne Will" (Karlheinz Schindler, dpa picture-alliance)Joachim Bauer, Psychotherapeut und Autor (Karlheinz Schindler, dpa picture-alliance)

Willkommenskultur als wichtiges Beispiel       

Gelebte Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen sei auch ein wichtiges Beispiel für Kinder,  meinte Bauer. Die Empathie gehöre zu unserer Kultur:

"Wenn jetzt so eine Bewegung durch unser Land geht, wo viele sagen: 'Lass uns diesen Menschen,  die aus so fürchterlichen Kriegsgebieten fliehen müssen mit Sack und Pack und Kind und Kegel, helfen, lass uns den Mantel, den wir haben, ein Stück weit teilen und etwas abgeben.' Das ist ein gutes Vorbild, das wir den Kindern zeigen."

Der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer  lehrt am Uniklinikum Freiburg. Er ist Träger des Forschungspreises der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie und Sachbuch-Autor.


 

Das Interview im Wortlaut: 

Nana Brink: Heute ist Sankt-Martins-Tag – werden Sie bestimmt merken, wenn Sie es nicht eh schon wissen, wenn es dunkel ist und die Laternenkinder auf die Straßen strömen. Aber wer war denn eigentlich dieser Martin von Tours?

Sprecher: In einem ungewöhnlich kalten Winter flehte ein notdürftig bekleideter Bettler am Stadttor von Amiens die vorübergehenden um Erbarmen an. Da Martin nichts als seinen Soldatenmantel besaß, zog er sein Schwert, teilte den Mantel und schenkte eine Hälfte dem Bettler. In der folgenden Nacht erschien Martin Christus im Traum, der jenes Mantelstück trug, das Martin dem Armen gegeben hatte.

Brink: Der heilige Martin hat also seinen Mantel in zwei Teile geteilt, er hat selbstlos gehandelt, er hat geteilt, er hat abgegeben. Darüber diskutieren wir ja sehr viel in diesen Tagen der Flüchtlingskrise. Und bei uns ist jetzt der Neurobiologe und Sachbuchautor Professor Joachim Bauer. Er lehrt am Uni-Klinikum in Freiburg. Ich grüße Sie, guten Morgen!

Joachim Bauer: Guten Morgen!

Brink: Wie sinnvoll sind denn solche Geschichten, die wir gerade gehört haben, von selbstlosen Menschen wie Martin von Tours? Ist es wichtig für uns, heute noch?

Bauer: Ich glaube, das sind sehr, sehr  wichtige Geschichten, und wir sollten sie auch unseren Kindern immer wieder erzählen. Und ich finde es ein bisschen traurig, dass wir jetzt zum Teil angefangen haben, man dürfe Sankt Martin gar nicht mehr nennen, weil das der interkulturellen Verständigung schade. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis.

Empathie ist ein zutiefst menschlicher Zug

Das Verhalten von Sankt Martin ist Ausdruck einer zutiefst empfundenen Menschlichkeit. Und die Empathie gehört zum Menschen dazu, ganz egal, welcher Religion wir angehören. Das ist ein zutiefst menschlicher Zug, empathisch sein zu können und es auch tatsächlich zu sein.

Brink: Empathie ist ja eines Ihrer ganz großen Themen. Sind wir denn von Geburt an mit dieser Fähigkeit eigentlich ausgestattet, mitzuempfinden?

Bauer: Ja, also es gibt Untersuchungen, die bereits bei wenigen Wochen alten Säuglingen zeigen, dass sie kooperatives Verhalten eindeutig einem gegnerischen oder konflikthaften Verhalten vorziehen. Und die Nervenzellsysteme, die Empathie möglich machen, die sogenannten Spiegelnervenzellen, wurden auch erst vor wenigen Jahren entdeckt. Und das ist eine dermaßen auch epochal wichtige Entdeckung gewesen, dass wir Empathie-Systeme in unserem Gehirn haben, dass ich diesen Systemen sogar eben ein eigenes Buch gewidmet habe, "Warum ich fühle, was du fühlst" ist der Titel.

Brink: Dann ist ja interessant, dass uns das ja dann irgendwie abhanden gekommen sein muss oder zumindest den Erwachsenen, sonst wäre die Welt ja eine andere als die, die wir sehen.

Empathie und Selbsterhaltungstrieb

Bauer: Ja, wir haben das alles noch immer in uns, aber wir bestehen nicht nur aus Empathie, sondern der Mensch besteht natürlich auch aus einem Selbsterhaltungstrieb. Und in einer übervölkerten Welt der knappen Ressourcen geraten Menschen natürlich auch aneinander, weil wir um knappe Ressourcen im Wettstreit sind. Und dann kommt es sehr leicht eben auch zu Konflikten. Und jetzt ist die Frage, wie wir das ausbalancieren.

Auf jeden Fall, eines ist klar: Der Mensch ist nicht für permanentes Leben in Konflikten gemacht, wir werden daran krank. Das sehen wir auch ganz konkret an klinischen Beispielen. Wenn Menschen jahrelang kämpfen müssen, dann werden sie am Ende krank, und global, politisch gesehen, ruinieren wir uns als Menschheit selber, wenn wir permanent nur gegeneinander kämpfen. Es geht also darum, dass wir einen gerechten, fairen Ausgleich finden, dass wir Gerechtigkeit anstreben zwischen uns. Und dann können wir auch unsere Empathie leben, die wir in uns tragen.

Brink: Dann nehmen wir doch noch mal das Beispiel des Heiligen Martins, auch weil es Ihnen ja so gut gefällt. Das Beispiel eines Menschen, der empfindet, und der dann sozusagen ja auch eine Konsequenz daraus zieht und teilt. Das ist ja ein positives Verhalten. Wie können wir das fördern, zum Beispiel als Eltern, wenn wir jetzt gerade die Kinder auf den Straßen heute sehen?

Bauer: Als Eltern können wir es dadurch fördern, dass wir selbst empathisch mit Kindern umgehen. Es ist ganz klar, beim Gehirn ist es so: Alle Systeme, die in unserem Gehirn beheimatet sind, entwickeln sich dadurch, dass wir sie benutzen. Die Fachleute haben da diesen schönen Begriff des use it or loose it, also benutze es oder verliere es. Das ist so ein neurobiologisches Grundgesetz.

Im Falle der Empathie-Systeme heißt das, dass Kinder selbst erleben sollen, dass Erwachsene empathisch, also einfühlsam mit ihnen umgehen. Das heißt natürlich nicht Laissez-faire oder Verwöhnung. Sondern dass wir einfach auch immer wieder schauen, wie das Kind sich fühlt  und was ist jetzt für das Kind richtig, dass wir fürsorglich für unsere Kinder sind.

Und wenn Kinder spüren, dass die Erwachsenen fair, gerecht und fürsorglich mit ihnen umgehen, dann entwickeln sie auch bereits in den ersten Lebensjahren selbst ein ganz gutes Stück an Empathie, kümmern sich um andere, kümmern sich ja sogar um die Mama, wenn die sich mal weh getan hat, und zeigen dann ihrerseits Empathie.

Die Kunst des richtigen Vorlebens

Brink: Das heißt aber, eigentlich ist es wichtig, weil Kinder lernen ja von ihren Eltern, dass die natürlich auch das Verhältnis miteinander pflegen, also Empathie, das Vorleben sozusagen, was wir ja immer gern vergessen.

Bauer: Ja. Wenn jetzt so eine Bewegung durch unser Land geht, wo viele Gott sei Dank sagen- Mensch, lass uns diesen Menschen, die da aus so fürchterlichen Kriegsgebieten fliehen müssen mit Sack und Pack und Kind und Kegel, lass uns denen jetzt mal helfen, weil es uns im Vergleich zu denen doch viel besser geht, lass uns den Mantel, den wir haben, ein Stück weit teilen und was abgeben – das ist ein gutes Vorbild, was wir den Kindern zeigen.

Natürlich müssen diejenigen, die jetzt zu uns kommen, sich auch ein Stück weit einfügen. Das braucht natürlich von beiden Seiten ein Stück aufeinander zu gehen. Es ist nicht nur unsere Pflicht, anderen gegenüber empathisch zu sein, sondern auch die anderen müssen sich ein Stück weit in uns einfühlen und versuchen, uns auch das leicht zu machen, dass wir sie empfangen können.

Brink: Aber Sie haben ja gerade gesagt, gerade die Legende vom Heiligen Sankt Martin wäre ja eine gute, die wir uns nicht nehmen lassen sollten.

Bauer: Unbedingt, unbedingt. Das kann nicht heißen, dass wir uns verleugnen, also dass wir unsere guten alten Bräuche verleugnen. Und der Sankt-Martins-Brauch ist nun ganz gewiss ein Brauch, den wir nicht verleugnen sollen, nur weil er in anderen Religionen nicht vorkommt. Ich finde, das geht viel zu weit. Wir dürfen und sollen die bleiben, die wir sind, aber zu uns, zu der Art, wie wir hier sind. Zu unserer Kultur gehört eben die Empathie mit dazu.

Grenzen des Mitgefühls

Brink: Noch eine Sache zum Schluss angesprochen, die Sie selbst schon erwähnt haben: Es gibt aber auch Grenzen des Mitgefühls. Das heißt, das gehört auch dazu, dass wir das lernen oder unseren Kindern vermitteln?

Bauer: Ja, wenn wir heute immer wieder mal von diesem Burnout-Syndrom sprechen, dann kann man einen Satz sagen: Im Kern des Burnout-Syndroms steht die erschöpfte Empathie. Das heißt, überall da, wo Menschen geben, empathisch sind, anderen geben, verständnisvoll sind, anderen helfen, aber nichts dafür zurückbekommen, vielleicht Undankbarkeit sogar nur zurückbekommen oder Verachtung – ich denke an viele Berufe im Pflegebereich oder in den Schulen die Lehrkräfte –, überall, wo Menschen viel geben, aber dafür nicht eine Wertschätzung und keine Anerkennung zurückbekommen, dort brennen Menschen aus, dort erschöpft sich die Empathie.

Das ist eine sehr traurige Entwicklung, das heißt, überall da, wo wir empathisch sind, bedürfen wir und verdienen wir auch Anerkennung und Dankbarkeit. Und wir müssen ein bisschen haushälterisch umgehen: Also nicht unsere Empathie überall nur verstreuen wie sozusagen mit der Gießkanne nach allen Seiten, sondern schauen, wem schenken wir dieses kostbare Gut, wer verdient dieses kostbare Gut tatsächlich?

Brink: Der Neurobiologe und Sachbuchautor Professor Joachim Bauer. Vielen Dank, Herr Bauer, für das Gespräch!

Bauer: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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