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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.03.2012

Kuhn: Kretschmann hat Bodenhaftung

Grüner Bundestagsabgeordneter über Erfolgsrezepte in Baden-Württemberg

Fritz Kuhn im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Fritz Kuhn, grüner Bundestagsabgeordneter und Kandidat für die OB-Wahl in Stuttgart. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Fritz Kuhn, grüner Bundestagsabgeordneter und Kandidat für die OB-Wahl in Stuttgart. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Ein Jahr ist jetzt die grün-rote Regierung in Baden-Württemberg im Amt und der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist beliebt im Ländle. Kretschmann zeige, "dass es darauf ankommt, ernsthaft und ohne 'sterile Aufgeregtheit' inhaltliche Politik zu machen. Das ist das Erfolgsrezept von Kretschmann. Er ist nicht eitel, sondern es geht ihm um Inhalte und das vermittelt er mit einer großen Seriosität", sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Fritz Kuhn.

Gabi Wuttke: Baden-Württemberg, Grün-Rot regiert, die Überraschung des Wahlsonntags ist heute ein Jahr alt. Und Winfried Kretschmann macht als Ministerpräsident noch immer Bella Figura, obwohl Stuttgart 21 gebaut wird, im Land gespart werden muss und der katholische Landesvater keinen Kreuzzug gegen Spritschlucker mehr führt. Fritz Kuhn ist Württemberger, ehemaliger Chef der Grünen, den Posten als Fraktionsvize im Bundestag hat er abgegeben, denn er will im Oktober Oberbürgermeister von Stuttgart werden. Guten Morgen, Herr Kuhn!

Fritz Kuhn: Guten Morgen!

Wuttke: Was haben Sie denn in den letzten zwölf Monaten von Winfried Kretschmann gelernt, um jetzt in Stuttgart zu kandidieren?

Kuhn: Also im Kern ist die große Lektion für mich und für alle, dass es drauf ankommt, ernsthaft und ohne sterile Aufgeregtheit inhaltliche Politik zu machen. Das ist das Erfolgsrezept von Kretschmann. Er ist nicht eitel, sondern es geht ihm um Inhalte, und das vermittelt er mit einer großen Seriosität.

Wuttke: Funktioniert es nur im tiefbürgerlichen Baden-Württemberg, dass das, was Sie gerade genannt haben, zuzüglich der Biederkeit, die man auch im Zusammenhang mit ihm erwähnt, einem grünen Ministerpräsidenten so große Beliebtheit beschweren kann?

Kuhn: Also das wird die Zukunft zeigen, ob das noch woanders gelingt, aber in Baden-Württemberg ist ja vieles von den Grünen zum ersten Mal gemacht worden. Es ist eines der Stammländer der Grünen, und natürlich hat Kretschmann und haben es die baden-württembergischen Grünen schon geschafft, auch in das bürgerliche Lager richtig reinzukommen, auch ehemalige CDU-Wähler zu gewinnen. Und ansonsten, wenn man das nicht schafft, kann man ein Flächenland natürlich auch nicht mit einer neuen Mehrheit versehen.

Wuttke: Aber nimmt man Winfried Kretschmann beim Wort, dann macht er überparteiliche Politik.

Kuhn: Nein, das stimmt nicht. Also der Atomausstieg, den er übern Bundesrat sehr vorangetrieben hat, auch die Energiewende, dass jetzt Windkraft eingesetzt wird, auch mehr Kinderbetreuung und solche Themen, Abschaffung der Studiengebühren, das sind schon grüne Kernthemen. Es gibt einen Unterschied: In Baden-Württemberg sind viele grüne Kernthemen in der ganzen Gesellschaft hegemonial geworden, mehrheitsfähig geworden, und deswegen sind wir jetzt eben dran, sie umzusetzen, vielleicht auch bald in Stuttgart, was die Stadtpolitik angeht.

Wuttke: Es heißt doch aber auch, wenn man sich dieses Jahr in Baden-Württemberg anschaut, erst kommt die Person von Winfried Kretschmann, die so außergewöhnlich ist im Zoo der deutschen Politik, dass er steht, dann kommt eine ganze Weile gar nichts und dann eine Partei.

Kuhn: Also, ob das jetzt gerade ein Zoo ist oder nicht, das müssen andere entscheiden, aber das Besondere in Baden-Württemberg ist ja, dass Winfried Kretschmann von der Partei breit getragen wird, von vielen anderen, auch vor Ort in den Kommunalparlamenten, dass wir auch eine Reihe von Oberbürgermeistern schon haben, denken Sie an Dieter Salomon oder Boris Palmer in Tübingen, also die Partei ist einen langen Weg in diesem schwarzen Land gegangen, bis vor einem Jahr dann so ein Wahlsieg möglich war. Das ist nicht ein singuläres Ereignis, sondern schon ganz, ganz lange vorbereitet und mit intensiven Bemühungen versehen gewesen.

Wuttke: Zur Biederkeit, über die wir schon gerade kurz gesprochen haben, gesellt sich beim Realisten Winfried Kretschmann Bescheidenheit und Bedächtigkeit, das haben Sie mit anderen Worten auch so gesagt. Sollte sich das zu Herzen nehmen, wer in Deutschland derzeit ein erfolgreiches politisches Alphatier werden will?

Kuhn: Also, es gibt in der Politik immer unterschiedliche Karrieren und unterschiedliche Erfolgsrezepte, aber dass es einen Kernpunkt gibt, nämlich dass man im Herzen für Inhalte brennen muss und die intellektuell und geistig dann umsetzen muss mit Ernsthaftigkeit, das gilt allgemein. Mit welchem Stil drumrum das dann versehen wird, ist vielleicht noch zufällig. Also was die Leute nicht mehr mögen, sind die Politikerinnen und Politiker, wo man das Gefühl hat, der Inhalt ist ihnen egal, es geht um die Machtposition und sonst um gar nichts – und da ist eben Winfried Kretschmann im Baden-Württemberg ein Gegenbeispiel. Übrigens so bieder, wie sie ihn beschreiben, ist er ja nicht, das halte ich für eine Fehleinschätzung.

Wuttke: Es gilt ja als Kompliment, das wird ja als Kompliment benutzt.

Kuhn: Er ist nicht – Max Weber hat es genannt – er ist nicht ausgezeichnet von steriler Aufgeregtheit, er hat nichts Flattriges, sondern er hat Bodenhaftung, und das ist Kern des Erfolgsrezepts.

Wuttke: Aber erstaunlich, dass Sie das jetzt nicht als Kompliment verstanden haben, denn so habe ich es gemeint und mich damit eingereiht in all die nicht nur in Baden-Württemberg, die sehr erstaunt über die Person von Winfried Kretschmann sind.

Kuhn: Ich sehe da keinen Widerspruch. Ich finde nur, dass diese Bezeichnungen und die Attribute, die gegeben werden, manchmal nicht genau genug sind – deswegen mein Einwand.

Wuttke: Aber um – wir haben ja mit Ihnen noch im Bundestag zu tun – auf das Thema von Stuttgart nach Berlin zu kommen, wenn es um Bescheidenheit und Bedächtigkeit und um Erfolgsrezepte geht, Herr Kuhn: Keiner der Grünen, die Ihre Partei in den nächsten Bundestagswahlkampf führen wollen, sind der Bedächtigkeit und Bescheidenheit verdächtig.

Kuhn: Also wir führen ja gerade in Berlin eine Debatte um den Punkt, wer uns in die nächste Bundestagswahl als Spitzenkandidaten führen wird …

Wuttke: Das war gemeint.

Kuhn: Ja, das wollte ich deswegen auch in einfachen Worten zum Ausdruck bringen. Und die Debatte muss jetzt rasch entschieden werden, denn jeden Tag, wo die Debatte noch geführt wird, kommen wir weg von den Inhalten. Die Medien interessieren sich dann nicht für die grünen Inhalte, und die sind dringend notwendig, damit die Regierung Merkel abgelöst werden kann. Auch hier ist es so: Zuerst brauchen Sie klare Inhalte und dann die richtigen Personen dazu.

Wuttke: Und auch ein bisschen Bedächtigkeit und Bescheidenheit?

Kuhn: Das kann ja nie schaden.

Wuttke: Im Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur Fritz Kuhn von den Grünen, ein Jahr nach dem Wahlsieg von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Herr Kuhn, besten Dank!

Kuhn: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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