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Fazit | Beitrag vom 14.06.2020

Künstliche Intelligenz im MuseumErklär mir dieses Kunstwerk, Mia!

Von Christine Habermalz

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Eine Besucherin steht vor dem Kunstwerk "The Bride who Married a Camel’s Head" der kenianischen Künstlerin Wangechi Mutu. Neben ihr befindet sich ein Display, über das die Künstliche Intelligenz Mia zugänglich ist, die Fragen zu den Ausstellungsobjekten beantwortet.  (IBM )
Fragen zum Kunstwerk "The Bride who Married a Camel’s Head" der kenianischen Künstlerin Wangechi Mutu? Die Künstliche Intelligenz Mia steht bereit, sie zu beantworten. (IBM )

In Kunstausstellungen tauchen oft Fragen auf, die Erklärtexte oder Audioguides nicht beantworten. Diese Lücke soll nun eine App auf Basis künstlicher Intelligenz schließen, ihr Name: MIA. In einer Berliner Fotoschau kommt sie erstmals zum Einsatz.

Am Anfang meiner Verabredung mit Mia steht der Download der App. Die freundliche Dame am Empfang des Palais Populaire zeigt mir, wie das geht. MIA steht für "Museum Intelligent Assistant", ein von IBM entwickeltes lernendes Computerprogramm, das alle meine Fragen zu einzelnen Werken der Ausstellung "Time Present" beantworten soll.

Ich kann mir die entsprechende App entweder aus dem Appstore auf mein eigenes Smartphone laden, oder mir eines der 100 Leihgeräte ausleihen, auf denen schon alles installiert ist. Die Leiterin des Hauses, Svenja Reichenbach, begleitet mein erstes Date mit Mia. "Sie reden mit Mia, weil wir dachten, Mia ist auch ein schöner Name, eine Person, mit der man reden kann."

Autorin: "Ich werde jetzt hier begrüßt mit: ‚Hallo, ich bin Mia, eine künstliche Intelligenz. Ich bin hier, um mit dir über Bilder zu reden.‘ Da bin ich ja erst mal eingeschüchtert! Hoffentlich stelle ich intelligente Fragen für diese künstliche Intelligenz."

Reichenbach: "Das ist ja grade das Schöne an diesem Chat, den man ja ganz intim sozusagen nur mit Mia hat, dass man fragen kann, was man möchte. Und auch vielleicht mal eine Frage stellen kann, die man sich in einer öffentlichen Führung vielleicht nicht zu fragen trauen würde."

Mia hat keine Sprachfunktion, sondern sie ist ein Chat. Das macht es etwas mühsam, man muss jede Frage eintippen. Eine bewusste Entscheidung, sagt Svenja Reichenbach, denn es wäre wohl störend gewesen, wenn in der Ausstellung jeder in sein Handy murmeln würde.

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Das Ausstellunghaus der Deutschen Bank geht mit Mia und IBM innovative Wege. Es ist das erste Mal, dass die von IBM entwickelte KI-Software nicht in Produkten oder in Kundencentern, sondern in der Kunstvermittlung eingesetzt wird.

"Eine der Fragen, die Mia noch lernen muss"

In der gerade eröffneten Ausstellung "Time Present" werden 65 Fotoarbeiten von international herausragenden Künstlern gezeigt – von Andreas Gursky, Bernd und Hilla Becher, Miwa Yanagi oder Wim Wenders – Werke aus der 5000 Arbeiten umfassenden Fotokunstsammlung der Deutschen Bank.

Zu neun ausgewählten Werken gibt es zusätzlich zu einem Audioguide und Textinformationen nun auch noch Mia. "Natürlich sind das wunderbare und auch bedeutende Werke, die wir ausgewählt haben", erklärt Reichenbach. Aber vor allem seien es auch Werke, "die vielleicht besonders auch Fragen aufwerfen bei den Besuchern".

Wir stehen vor Andreas Gurskys berühmter großformatigen Fotografie: Die Singapur Börse von 1997. Eine Weitwinkelaufnahme des hektischen Aktienhandels auf dem Parkett, vollgestopft mit Menschen, Computern, digitalen Anzeigen. Ich fange einfach an und tippe in meinen Chat:

"Hm… ‚Was will uns der Künstler sagen?‘ Das fragen doch bestimmt alle, oder? Ah, jetzt kommt ein ganz langer Text: ‚Andreas Gursky zeigt das Geschehen an der Börse ein wenig so wie ein modernes Musical, eine Art Choreografie. Er hat das Bild digital bearbeitet, wahrscheinlich sind die Farben der Jacken in Wirklichkeit nicht ganz so leuchtend.‘ Ah! ‚Er zeigt die fiebrige, fast fröhliche Energie des asiatischen Aktienmarktes, kurz bevor er im Sommer 1997 crasht.‘"

Okay. Das nächste Werk ist aus der Serie "Girls in Cars" der iranischen Fotografin Shirin Aliabadi. Es zeigt fünf aufreizende junge Mädchen in einem Auto, lachend und gestylt, die Haare nur dürftig mit einem Kopftuch bedeckt. Durfte die Künstlerin das Werk auch im Iran ausstellen, will ich von Mia wissen. Aber das weiß sie leider nicht. Allerdings erzählt sie mir sehr ausführlich Allgemeines über die Zensur im Iran und dass das Museum of Contemporary Arts in Teheran viele Moderne Kunstwerke in seiner Sammlung hat, diese aber dem Publikum nicht gezeigt werden. Und dass aber viele junge Leute trotzdem Mittel und Wege finden, die Zensur zu umgehen und es viele kleine unabhängige Galerien gibt. Nicht genau das, was ich wissen wollte, aber interessante Info, danke Mia.

"Okay, dann ist das eine der Fragen, die Mia noch lernen muss", sagt Reichenbach.

Mia begibt sich nicht auf schlüpfriges Parkett

Ich bin in Experimentierlaune. Der Konzeptkünstler Ottmar Hörl ist der nächste – mit einem Werk "Schwäbischer Traum" von 1989. Ich kenne die Arbeit nicht – wohl kann ich mich aber an seine berühmten grünen Hasen von Nürnberg erinnern – und daran, dass er mal wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole angezeigt wurde, wegen seiner Gartenzwerge, die den Hitlergruß zeigen. 

Mia, frage ich: "Was darf Kunst? Sollten Gartenzwerge den Hitlergruß zeigen dürfen?"

Die Antwort: "Ah: ‚Leider kann ich dir zu diesem Thema nichts erzählen. Frag mich bitte etwas anderes.‘"

Fazit: Für tiefergehende Auseinandersetzungen über die Kunst ist Mia offenbar noch nicht gerüstet. Und auf schlüpfriges Parkett begibt sie sich schon gar nicht. Soll sie auch nicht, sagt Reichenbach. Deswegen darf sie sich ihre Informationen auch nicht selber aus dem Netz zusammensuchen, sondern kann nur auf das zurückgreifen, mit dem sie gefüttert wurde – vom Kuratorenteam des Hauses und den Technikern der IBM. Zu viel Autonomie will man der lernfähigen Software dann doch nicht erlauben.

"Mia soll schon sehr konkret Fragen zu den Bildern beantworten - und nicht abschweifen vielleicht in Thematiken, die nichts mit dem Werk zu tun haben", erklärt Svenja Reichenbach.

In der Tat. "Kennst du Siri?", will ich am Ende noch ein bisschen mit MIA plaudern. "Ich habe von ihr gehört, sie soll ein netter Gesprächspartner sein", antwortet sie. "Mein Fachgebiet ist jedoch Kunst. Lass uns lieber wieder darüber reden."

Die Ausstellung "Time Present - Photography from the Deutsche Bank Collection" im Palais Populaire ist noch bis 8. Februar 2021 zu sehen. Dort erklärt die künstliche Intelligenz "Mia" die Kunstwerke.

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