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Profil / Archiv | Beitrag vom 27.01.2014

KünstlerlebenDer Zirkuspatriarch

Alexandre Romanes ist seiner Tradition treu geblieben

Von Bettina Kaps

(picture alliance / dpa)
In seiner Jugend arbeitete das Zirkuskind Alexandre Romanes mit wilden Tieren. (picture alliance / dpa)

Alexandre Romanes führt einen kleinen Familienzirkus. Er bewirbt ihn als "Einzigen Zigeunerzirkus Europas". In seiner Jugend domptierte der 62-Jährige Löwen und Tiger. Heute konzentriert er sich auf das, was er für wesentlich hält: die Kultur seines Volkes.

"Hühnerdiebinnen", sagt Zirkusdirektor Alexandre Romanes.

"Die Frauen gehen stehlen, Männer sind reine Engel."

Er spricht von Zigeunern – also von Menschen, wie ihn. Dabei wird nicht ganz klar, was er ernst meint und wo er scherzt. "Hühnerdiebinnen", so heißt jedenfalls das Stück, das sein Zirkus gerade in Paris aufführt. Alexandre Romanes spielt mit Worten, Vorurteilen und Klischees. Das ist seine Art sie zu bekämpfen.

"Man wirft uns vieles vor, was soll´s. Den Deutschen wirft man auch allerhand vor. Zeige mir einer das Volk, das keine Fehler hat – da ziehe ich sofort hin."   

Die sanfte Stimme passt nicht zu dem bulligen Typen mit dem strähnigen schwarzen Haar. Alexandre Romanes, 62 Jahre alt, lebt im Wohnwagen. Zwischen seinem und dem nächsten Anhänger hängt Wäsche zum Trocknen. In der Mitte des kleinen Platzes steht ein rotes Zirkuszelt, es verdeckt einen Teil der Wohnburgen vom Pariser Stadtrand. "Einziger Zigeunerzirkus in Europa" steht im Programm. Zigeuner, der verpönte Name – Romanes trägt ihn voller Stolz.

"Als unser Volk vor vielen Jahrhunderten nach Europa gezogen ist, haben uns die Griechen Zigeuner getauft. In Frankreich haben Intellektuelle das Wort "Rom" eingeführt, als ob sie damit die Vorurteile beseitigen könnten. Was für eine Dummheit!  "Tsigane".  Auf Französisch hat das Wort einen schönen Klang. Ich schreibe Gedichte, mir gefällt es."

Romanes hat viele Karrieren eingeschlagen, Poet ist nur eine davon. Alexandre wurde in der Pariser Zirkusfamilie Bouglione geboren, ihr gehört der bekannte Pariser Winterzirkus "Cirque d´hiver". Von klein an trat er als Akrobat in der Manege auf, später domptierte er Löwen und Tiger. Mit 20 Jahren sprang er ab.

"Der Zirkus meiner Eltern war mir zu groß. Die Menschen zählten nicht mehr viel. Wir hatten 40 Sattelschlepper und das Zirkuszelt erinnerte an eine Flugzeughalle. Ich wollte etwas ganz Kleines machen."

Als Kind hielt er es in keiner Schule aus

Alexandre wurde Straßenkünstler. Er balancierte auf einer Leiter, freundete sich eng mit dem Dichter Jean Genet an, und verliebte sich in eine Nicht-Roma, die Dichterin Lydie Dattas. Als Kind, sagt Alexandre Romanes, habe er es in keiner Schule ausgehalten. Stillsitzen, das Gebaren der Lehrer und ihr seltsames Unterrichtsprogramm erschienen ihm geradezu verrückt.

Aber dank Lydie lernte er Lesen und Schreiben, bei ihr begeisterte er sich auch für Poesie und klassische Musik. 20 Jahre lang lebte das Paar zusammen. Lydie Dattas hat er seinen ersten Gedichtband gewidmet, den der renommierte Verlag Gallimard veröffentlicht hat. Inzwischen hat er schon drei Bände publiziert.

Für Romanes, so scheint es, ist das Leben eine Art Kinderspiel voller Abenteuer. Die Barockmusik begeisterte ihn – also lernte er Laute spielen. Den deutschen Komponisten Silvius Leopold Weiss verehrt er besonders.

"Sieben, acht Jahre lang trat ich als Akrobat auf und konzentrierte mich gleichzeitig auf mein Instrument. Als ich bereit war, spielte ich in einem Orchester mit. Aber die Stücke gefielen mir nicht, deshalb trat ich als Solist auf."

Er spielte viele Jahre lang in Kirchen, bis ihn eine Katastrophe ereilte: Romanes verlor sein erstes Kind, das er mit einer anderen Frau hatte. Es wurde verschleppt, sagt er. Die Umstände sind verworren, Alexandre verfiel in eine Depression. Die Laute rührte er danach nie wieder an.  

Er schaut durch die offene Tür nach draußen zum Zirkuszelt, fragt, wie spät es ist.  

Erste Zuschauer stehen im Hof. Romanes springt auf, trommelt seine Leute zusammen. Die Töchter sind nicht fertig angekleidet.

"Wir bräuchten einen Tropfen deutsches Blut, aber den haben wir nicht."

Eine Frau im rosa Bademantel über dem langen bunten Rock stellt sich an die Kasse. Delia Romanes ist seine jetzige Frau, wenn sie lacht, blitzen ihre Goldzähne. Als junges Mädchen ist Delia aus Rumänien geflüchtet und in einem Roma-Lager bei Paris gestrandet. Alexandre ist ihr zufällig begegnet und hat sie auf der Stelle um ihre Hand gebeten. Das war vor 20 Jahren. Zusammen haben sie den Zirkus Romanes gegründet.

Schlichte Nummern, ohne Klamauk und Spektakel

Delia, die fünf Töchter des Paars, Vetter, Kusinen, Neffen und Nichten - rund 30 Leute versammeln sich in der Manege, die mit Teppichen ausgelegt ist. Ein Orchester spielt auf. Delia singt, Mädchen schwingen am Trapez, Jungen jonglieren, eine junge Frau balanciert übers Seil. Es sind schlichte Nummern, leichtfüßig und graziös, ohne Klamauk und Spektakel.

Alexandre Romanes steht wie ein Patriarch am Rand und schaut dem Treiben zu. Seine minimalistische Poesie hat ihm so viel Erfolg beschert, dass sein Zirkus sogar als Aussteller der französischen Delegation zur Weltausstellung von Shanghai reisen durfte.

Trotz der Ehrung hat Romanes mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten. So ist er zum Sprachrohr eines Volkes geworden, das immer hemmungsloser angegriffen wird. Er reagiert regelmäßig in großen Zeitungen wie Le Monde oder Liberation.

Sprecher: "Den amtlichen Zahlen nach leben 17.000 Zigeuner aus Bulgarien und Rumänien in Frankreich. Zieht man Frauen, Kinder und Alte ab, bleiben 3.000 bis 4.000 Männer übrig. Sie dürfen nicht arbeiten. Wer würde denn freiwillig in einem Käseladen verhungern? Frankreich ist nichts anderes mehr als ein Käseladen. Die Zigeunerslums, Diebstahl, Bettlerei -  das alles hat Frankreich hervorgerufen."

So elendig sie auch oft leben müssen - Alexandre Romanes liebt sein Volk und dessen Existenzweise über alles. Vor einem Jahr hat er in seinem Zirkuszelt das Festival "Tchiricliff" organisiert, um die Vielfalt der Zigeuner-Kultur zu präsentieren. In seinem Gedichtband  "Ein Volk von Flaneuren" hat er es so formuliert: "Eingezwängt zwischen Autobahn und Müllhalde nehmen die Zigeuner den letzten Platz in der Gesellschaft ein. Aber dieser Platz gefällt mir, ich wollte keinen anderen haben."

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