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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 02.08.2013

Künstlerkolonie und grüne Oase

Ein Besuch in Ein Karem

Von Marta Kupiec

Granatapfel als Inspirationsquelle (picture alliance / dpa  - Heiko Wolfraum)
Granatapfel als Inspirationsquelle (picture alliance / dpa - Heiko Wolfraum)

Vor den Toren Jerusalems liegt die Künstlerkolonie Ein Karem. Wolkenkratzer sucht man hier vergeblich, stattdessen locken Wiesen, Wälder und Gärten.

Der Kirchenplatz vor der St.-John-Kirche in Ein Karem ist selten leer. Besonders zu den Messezeiten füllt sich die kleine Franziskanerkirche mit Pilgern aus der ganzen Welt, die sich bei Johannes dem Täufer, dem Vorläufer Jesu Christi, besondere Gnaden erbeten wollen. In einem kleinen Laden nebenan, gefüllt mit örtlichem Handwerk feilschen gerade spanische Wallfahrer um den Preis.

Tag für Tag beobachtet dieses bunte Treiben die israelische Künstlerin Ruth Havillo. Sie wohnt direkt an der Kirche. Der Klang der Glocke dringt in ihr Atelier, sie genießt das.

Jerusalem liegt vor der Tür - und doch fühlt man sich wie im Dorf

Ruth hat in Paris Kunstmalen studiert bevor sie nach Ein Karem zog. Sie liebt den ruhigen Ort, seine Wiesen, Wälder und Gärten statt staubiger Betonlandschaft. Voller Leidenschaft bemalt die Künstlerin Kacheln und verkauft sie als Namensschilder, Topfuntersetzer oder Schmuck.

"Schauen Sie mal, ich habe hier Kacheln mit der Landschaft und der Architektur von Ein Karem. Es sind Pflanzen, Kakteen, die typisch für diese Umgebung sind. Dazu gehören auch Früchte wie Granatäpfel oder Weintrauben, die es hier zahlreich gibt. Das alles ist meine Inspiration. Im Ort lebe ich schon 25 Jahre, weil ich die Architektur hier liebe. Es ist ein Teil von Jerusalem, aber man fühlt sich wie im Dorf. Überall grüne Flächen, man kann nur hoffen, das es so bleibt."

Die grüne Oase war sicherlich auch den Byzantinern, Römern, Juden und Arabern lieb, die hier einst lebten. Die archäologischen Funde in Häusern aus Sandstein und in schmalen Gassen bezeugen ihre Anwesenheit. Für den New Yorker Maler Yitzhak Greenfield, der Ende der 60er Jahre nach Ein Karem zog, eine Inspirationsquelle.

"In meinem Leben gab es diverse Perioden, es gab Zeiten da lebte ich in Kibbuz – damals zeichnete ich die dortigen Arbeiter und die Landschaften. Als wir nach Jerusalem und Ein Karem zogen, ließ ich mich nicht nur von der Stadt inspirieren, sondern auch von ihrem historischen und spirituellen Hintergrund."

Immer wieder erinnert sich Greenfield an seinen Umzug nach Ein Karem. Ein Bild der Verwüstung bot sich dem Maler.

"Das Dorf lag weit weg von der Stadtmitte, die Straßen waren kaputt, aber ich wusste ganz genau, das wird sich ändern. Ein Karem ist eine biblische Stadt, Juden lebten hier schon von Anfang an, danach kamen die Byzantiner und haben den Ort übernommen, die Araber kamen, die Römer kamen. In dem Krieg von 1948, als die arabischen Länder den Plan abgelehnt haben dieses Gebiet zu teilen, wurden wir von mehreren arabischen Ländern angriffen. Das Resultat war die Evakuierung vieler Araber und Muslime."

Zu den jüdischen Einwanderern, die der arabischen Bevölkerung folgten und in breiten Strömen aus Nordafrika, aus dem Irak, aus dem Jemen und aus Osteuropa kamen, gehörte auch Isaac Ivriani. Auch der impressionistische Maler fand in dem 3000-Seelen-Dorf ideale Bedingungen für seine Arbeit: Ruhe, Weite und viel Geschichte. Wer seine Galerie besucht, bekommt nicht nur schöne Bilder zu sehen, sondern wird auch musikalisch verführt.

Ein Karem - die biblische Stadt

"Ich bin ein Jude aus dem Iran. Jedes hübsche Objekt kann für mich eine Quelle der Inspiration sein. Die meisten Menschen lieben meine farbfrohen Stadtansichten von Jerusalem. In dem Präsidentenpalast dort befindet sich mein Zyklus über Noah, ein gigantisches Werk voller Dramatik."

Ein weiteres Werk im Auftrag der Knesset kann man auf dem Tempelberg bewundern oder als Kunstabdruck in dem kleinen Laden von Ola, einer ukrainischen Jüdin, die erst seit 5 Jahren in Ein Karem lebt. In der grünen Oase hat die Designerin ihre zweite Heimat gefunden. Hier genießt sie das entspannte jedoch moderne Leben, das jenem in Tel Aviv gleicht, verkauft Kunst und Handarbeit von lokalen Künstlern.

"Es sind Keramik, Bilder, Schmuck und T-Shirts mit dem Stadtplan von Ein Karem. Wenn Sie mich nach meinem Lieblingsplatz fragen – ich liebe hier die Natur, lebe in der Nähe eines Waldstücks, wo Blumen und Pilze wachsen. Hier in der Mitte des Dorfes liebe ich es am meisten. Ich mag die Schokobar – sie machen den besten Kaffe und die beste Schokolade. Jedes Mal wenn man rein kommt, bekommt man gute Laune."

Und noch einer würde Ein Karem gegen nichts anderes tauschen, obwohl die Mietpreise steigen und immer neue Bewohner in den Ort ziehen. David, der Tischler, seit 1953 im Ort, schätzt das großstädtische Flair und eine wolkenkratzerfreie Gegend. In seiner Werkstatt bearbeitet er gerade Olivenholz und schnitzt daraus Holztabletts – typisch für das Heilige Land. Mit Feuer in den Augen schildert er die bewegte Geschichte seiner geliebten Stadt.

"Diese Stadt ist überschaubar im Vergleich zu Jerusalem. Am besten man kommt am Samstag, am Schabbat. Menschen von überall kommen hierher, die Parkplätze sind voll. An diesem Feiertag versteht man, dass Ein Karem anders ist als Jerusalem und seine Altstadt. Eine Menge von Geschichten ist mit Ein Karem verbunden – manch einer hat hier Gold gefunden, welches Arabern gehörte, die hier in den 50er Jahren lebten. Es waren reiche Leute. Es gab Zeiten, da lebten hier 15000 Menschen, heute sind es nur 3000 und alle sind neu. Bis heute lebt unter uns Juden eine einzige christliche Familie, davor gab es Christen, Muslime und Drusen. Mindestens 60 Personen kenne ich nicht. Ob ich hier laufe oder in Tel Aviv, es kommt auf das Gleiche hinaus."

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