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Kompressor | Beitrag vom 05.05.2015

Künstlerin Silvina Der MeguerditchianArmenische Rezepte der Uroma im Biennale-Pavillon

Von Jule Hoffmann

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Silvina Der Meguerditchians Urgroßmutter im Kreis ihrer Familie. Sie hat 340 Rezepte für Volksmedizin hinterlassen. (Silvina Der Meguerditchian)
Silvina Der Meguerditchians Urgroßmutter im Kreis ihrer Familie. Sie hat 340 Rezepte für Volksmedizin hinterlassen. (Silvina Der Meguerditchian)

Handschriftliche Rezepte ihrer Uroma stellt Silvina Der Meguerditchian als eine von 15 Künstlern im armenischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale in Venedig aus. Wie auch Gewürze und Heilerde füllen sie Leerstellen in ihrer armenischen Zugehörigkeit.

"Ja, ich heiße Silvina Der Meguerditchian – Der-Megu-erditschan? – nee. Also ich schreib dir das so, dass deutsche Phonetik … Der Me-ger-ditsch-ian – Der Meguerditchian – Perfekt!"

Silvina Der Meguerditchian steht in ihrem Atelier in Berlin Charlottenburg. An den Wänden hängen Exponate für den armenischen Pavillon in Venedig. Ausgangspunkt der dortigen Ausstellung mit dem Titel "Schätze" ist ein Heft mit handgeschriebenen Rezepten, das ihre armenische Urgroßmutter der Familie hinterlassen hat: rund 340 Rezepte für Volksmedizin in osmanisch-türkischer Sprache.

"Ja, also in dem Heft gibt es 340 Rezepte, aber die ersten 60 – ich hab auch gestaunt – sind, um Augenkrankheiten zu heilen. Ich hab einige genommen, die sehr metaphorischen Charakter haben, wie zum Beispiel – grob übersetzt – für Augen, die schauen, aber nicht sehen, so ist irgendwie der Titel dieses Rezeptes oder für weinerliche Augen oder andere für Augen, die entzündet sind wegen Rauch … ja, also ich musste an sehr viele Sachen denken, als ich das gelesen habe."

Großmutter überlebte die Verfolgung

Die armenische Schrift der Urgroßmutter beschreibt Der Meguerditchian als "Hieroglyphen", die sie in zwei Sprachen "entziffert" hat: Neben den handschriftlichen Rezepten sind fotografische Abbildungen der Zutaten und ins Papier gestanzte chemische Formeln zu sehen. Außerdem zeigt die Ausstellung wie in einem Herbarium zahlreiche gescannte getrocknete Pflanzen aus Anatolien, woher ihre armenischen Großeltern stammen. Die Großmutter überlebte als Kind während der Verfolgung der Armenier im Ersten Weltkrieg eine Deportation durch die Wüste.

"Naja, also diese Generation hat nicht viel erzählt. Es kam so eruptionsartig, also plötzlich vielleicht ein Satz. Es lief viel mehr über was nicht erzählt wurde. Aber ich weiß schon, dass sie so ein paar Sachen erzählt hat. Also das haben viele gesagt: wir sind gelaufen, gelaufen und gelaufen. Oder dann hat sie von ihrer Mutter erzählt, dass die Mutter einfach sich hingesetzt hat zum Schlafen und dann ist sie nicht mehr aufgestanden."

 Fotografische Abbildungen von Zutaten für alte armenische Rezepte, darunter der bis ins 17. Jahrhundert weltweit beliebte "Lange Pfeffer". (Silvina Der Meguerditchian )Fotografische Abbildungen von Zutaten für alte armenische Rezepte, darunter der bis ins 17. Jahrhundert weltweit beliebte "Lange Pfeffer". (Silvina Der Meguerditchian )

Wie Kostbarkeiten präsentiert die Künstlerin einige der Zutaten aus den Rezepten in ihrem Atelier: Ein Säckchen mit Langem Pfeffer, der bis ins 17. Jahrhundert überall auf der Welt zum Einsatz kam, bevor er vom sogenannten "echten" Pfeffer abgelöst wurde. Ein anderes Säckchen enthält rote armenische Heilerde, die gegen Vergiftung wirken soll. Die konkreten Substanzen stellen für Der Meguerditchian Fragmente ihrer armenischen Zugehörigkeit dar. Sie füllen eine Leerstelle aus.

Wie man in der Antike vielleicht mal einen Fuß von einer Skulptur gefunden hat und anhand des Fußes versucht, die ganze Skulptur aufzubauen, so versuche ich ein bisschen zu rekonstruieren, um besser zu verstehen und um besser mich selbst zu verstehen.

Biennale-Pavillon im Zentrum für armenische Kultur

Die Vernichtung der Armenier in der Türkei jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal, aus diesem Anlass befindet sich der Armenische Pavillon der Biennale auf der Insel San Lazzaro Degli Armeni in der Lagune von Venedig. Dort steht ein bedeutendes Zentrum armenischer Kultur mit einer umfangreichen Sammlung armenischer Kunstwerke, Bücher und Manuskripte.

"Das ist eigentlich ein sehr wichtiger Ort für die Armenier aus der Diaspora. Und das finde ich sehr sehr interessant. Unsere Installationen reihen sich sozusagen in diese Konvolut von Erbe sozusagen."

Die armenische Künstlerin Silvina Der Meguerditchian (Privat)Die armenische Künstlerin Silvina Der Meguerditchian (Privat)

Bereits 2007 kuratierte Der Meguerditchian einen ersten sogenannten Armenischen Diaspora-Pavillon, in dem armenische Künstler aus verschiedenen Ländern ausstellten. Im Vordergrund stand dabei der transnationale Gedanke. Dass auf der Biennale einzelne Nationen ihre Künstler präsentieren, empfindet Der Meguerditchian als überholt. Identitätssuche und die Frage nach der Zugehörigkeit betreffen nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern alle Menschen, sagt Der Meguerditchian, besonders in den Städten.

"Ich finde, unsere Identität ist sehr vielschichtig, der Mensch heute lebt mit so vielen Kulturen gleichzeitig. Wenn du zum Beispiel in Kreuzberg groß geworden bist, dann ist das ... also für dich ist es Alltag und Teil von deiner Identität. Dieser Weg in die Schule, diese Geschäfte, diese Menschen in den Geschäften ... und das gehört auch zu dir und wenn du dann da hinfährst in die Türkei, dann wird dir das auch nahekommen und du wirst das als irgendwas, das zu dir gehört, empfinden."

Künstlerin beschreibt Identitäten als Gärten

Geboren in Argentinien, aufgewachsen mit armenischen Großeltern, neben Berlin auch Wohnsitze in Paris und Istanbul. – Welche Identität ist für die Künstlerin am stärksten?

"Also ich würde antworten mit einem Kunstwerk von mir. Ich habe ein Kunstwerk gemacht, eine Videoarbeit, heißt 'Meine Gärten', also 'Gardens of Mine' und ich empfinde jede Zugehörigkeit von mir wie einen Garten, der gepflegt werden muss, und ich befinde mich immer auf dem Weg von einem Garten in den anderen. Und das würde ich sagen, entspricht meinem Wesen, nicht mich einem bestimmten Garten hauptsächlich verschreiben zu müssen, sondern diese Möglichkeit und diese Fähigkeit, alle diese Gärten mit Wasser, mit Samen, mit Wärme zu bestellen."

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