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Kompressor | Beitrag vom 23.01.2017

Künstlerin lebt im Flughafen Lyon "Ich fühle mich völlig zu Hause"

Von Philip Artelt

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Die Künstlerin Nobuyo am Klavier im Flughafen Lyon - sie ist vor einem Jahr hier gestrandet (Philip Artelt)
Die Künstlerin Nobuyo am Klavier im Flughafen Lyon - sie ist vor mehreren Monaten hier gestrandet (Philip Artelt)

In vielen Bahnhöfen in Frankreich steht ein Klavier, das jeder benutzen kann. In Lyon kann man oft einer ganz besonderen Klavierspielerin an so einem öffentlichen Piano zuhören: der Künstlerin Nobuyo, die seit mehreren Monaten im Flughafen lebt.

Tief in die Musik versunken sitzt Nobuyo am Klavier, Ende 40, asiatische Gesichtszüge, eine zarte Erscheinung in weißem, leicht angeschmutztem Gewand. Gelegentlich bleibt jemand stehen und hört ihr zu. Beethoven, Mondscheinsonate. Nobuyo reist nicht ab, sie kommt nicht an, sie ist einfach da. Sie übt, seit Monaten schon, zwischen dem Surren von Rolltreppen und dem Schaben von Rollkoffern auf dem Boden.

"Dieser Ort ist ganz besonders für mich. Ich liebe die Architektur. Ich liebe dieses Klavier und das ganze Umfeld."

Die große Empfangshalle mit dem Glasdach, für Nobuyo ist sie Konzertsaal und Wohnzimmer.

Mit 32 Cent kam sie in Frankreich an

Nobuyo, aufgewachsen in Japan, kommt Ende der 90er nach Kanada. Jobbt in einem Restaurant, verlässt Kanada und hinterlässt einen Schuldenberg. Reist der Kunst hinterher: Mexiko, Schweden, Türkei, Artist Residencies, Workshops, Silberschmiede, Lithographie, Glasmalerei. Mit 32 Cent kommt sie in Frankreich an – und schließlich zu Fuß an den Flughafen Lyon.

"Als ich hier ankam, war ich darauf gefasst, zu verhungern."

... aber soweit kam es nicht, die Sicherheitskräfte, die seit den Anschlägen in Paris in martialischen Uniformen patrouillieren, brachten Nobuyo Essen. Heute kennt sie hier jeder, ständig grüßt sie ein Flughafenmitarbeiter, und sie grüßt in gebrochenem Französisch zurück.

Eine Künstlerin spielt an einem öffentlichen Klavier im Flughafen Lyon - die Künstlerin lebt dort (Philip Artelt)Eine Künstlerin spielt an einem öffentlichen Klavier im Flughafen Lyon - die Künstlerin lebt dort (Philip Artelt)

Die im Flughafen Lyon lebende Künstlerin Nobuyo auf dem Boden sitzend vor - teils leeren, teils gefüllten - Einmachgläsern (Philip Artelt)Sicherheitskräfte im Flughafen Lyon brachten der Künstlerin Essen (Philip Artelt)

"Immer, wenn ich die Sicherheitsleute und die Soldaten sehe, frage ich: Soll ich den Flughafen verlassen? Aber sie antworten: Nein, nein! Du kannst bleiben! Und jeder fragt mich: Geht es dir gut? Brauchst du etwas? Am Anfang verwirrte mich das, aber bald sah ich es als ein Zeichen von Gott, dass ich hierbleiben soll… zumindest für eine gewisse Zeit."

Schlafstätte im Wickelraum

Also zog sie ein, am Flughafen, schlief im Wickelraum der Toilette und kochte ihr Essen über einem Teelicht… ein bisschen wie Tom Hanks, der im Film "The Terminal" am New Yorker Flughafen mit ungültigem Visum gestrandet ist.

Ausschnitt "Terminal":
Frau: Sie wohnen in der Nähe?
Synchronstimme Hanks: Gate 67.
Frau: Moment, haben Sie gerade Gate 67 gesagt?

"Trois-Rivières ist der Ort, an dem ich meine erste Flusswanderung gemacht habe..."

Trois-Rivières, drei Flüsse – das ist das Thema, das sich durch Nobuyos künstlerisches Werk, durch ihre abstrakten Bilder in mattem Blau, Grün und Erdfarben zieht. Trois-Rivières, das ist auch der Name eines Ortes in Kanada, an den Nobuyo – wie an so viele Orte in ihrem Leben – mehr durch Zufall gelangte.

"Als ich den Namen Trois-Rivières hörte, erinnerte mich das sofort an eine Geschichte aus dem japanischen Buddhismus: Drei Flusspassagen nach dem Tod, etwa so wie der Styx in der europäischen Mythologie."

"Jetzt ist das hier mein Haus"

Die drei Flüsse ließen Nobuyo nicht mehr los, und schließlich verwandelte sie das Thema in ein Musikstück.

Nobuyo führt in ihr "Atelier", die Flughafenkapelle, wo zumeist reisende Muslime ihre Gebete abhalten. Auf dem Boden breitet sie ein paar mit braunroter Farbe bekleckste Glasscherben aus, dazu eine Skizze auf zerrissenen Müsli-Kartons. Auf dem Glas sollte eigentlich ein abstraktes Gemälde entstehen – über die drei Flüsse natürlich – aber irgendwo auf ihrer Reise ging die Scheibe zu Bruch.

"Ich mag, wie sie zerbrochen ist. Als ich in einer Werkstatt Glas geschnitten habe, war ich frustriert. Aber als ich diese Bruchstücke hier sah, war ich beinahe froh: Vielleicht sind sie genau das, was ich haben wollte."

Nobuyo hat Vertrauen in ihre Kunst. Und sie vertraut den Menschen, die sie und ihr Wirken wie durch ein Wunder hier am Flughafen akzeptieren.

"Jetzt ist das hier mein Haus. Ich habe das Gefühl, hier eine große Familie zu haben. All die Menschen, die mir helfen wollen. Ich fühle mich sicher, weil ich ihnen am Herzen liege. Ich fühle mich völlig zu Hause."


Nobuyo in ihrem "Atelier", der Flughafenkapelle mit den mit Farbe beklecksten Glasscherben (Philip Artelt)Nobuyo in ihrem "Atelier", der Flughafenkapelle (Philip Artelt)

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