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Kompressor | Beitrag vom 03.07.2020

Künstlerin Cana Bilir-MeierGeschichte antirassistischer Kämpfe

Moderation: Max Oppel

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Auf dem Schwarz-Weiß-Filmstill sind die Hände einer Person zu sehen, die ein Foto halten. Courtesy: Cana Bilir-Meier, This Makes Me Want to Predict the Past, 2019Super 8-Film, digitalisiert, s/w, Ton, 16:02 min (Courtesy Cana Bilir-Meier)
Eine andere Geschichte erzählen: Cana Bilir-Meier greift in ihrem Film "This Makes Me Want to Predict the Past" das Thema Rassismus und Antirassismus in München auf. (Courtesy Cana Bilir-Meier)

"This Makes Me Want to Predict the Past" heißt ein Werk von Cana Bilir-Meier, das nun in Graz zu sehen ist. Der Super-8-Film behandelt Rassismus anhand des Anschlags am Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Die Arbeit besticht durch Perpektivenvielfalt.

Die Vergangenheit vorhersagen – ein Paradox. "This Makes Me Want to Predict the Past" heißt der Super-8-Film der Künstlerin Cana Bilir-Meier. Die Arbeit wird im Rahmen der am Freitag eröffneten Ausstellung "Image Wars" im Künstlerhaus "Halle für Kunst & Medien" in Graz gezeigt. In der Schau geht es um Bilder, die an Gewalt- und Terrorakte oder Traumata erinnern, die Gewalt aber auch steuern oder auslösen können.

Rückbezug auf frühe migrantische Kulturarbeit

"Der Titel spielt auf die Konstruktion von Vergangenheit und Zukunft an", sagt Bilir-Meyer über ihren Film, der sich mit dem rassistischen Anschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum im Jahr 2016 beschäftigt. Sie frage sich, wie Geschichte erzählt werde.

"Oft wird Geschichte als etwas abgeschlossenes gesehen", sagt sie und fügt an: "Wenn wir heute über diesen rassistischen Anschlag oder auch von denen in Halle und Hanau sprechen, dann ist es nicht heute, sondern in einer Geschichte rassistischer Kontinuität. Schon seit den 80er-Jahren gibt es rassistische Anschläge."

Zugleich verweist sie auf die Kontinuität der Kämpfe gegen Rassismus. "Wenn wir heute antirassistische Arbeit machen, müssen wir die Geschichte der antirassistischen Kämpfe mitdenken." Sie bezieht sich auf das erste aktivistische Theaterstück von migrantischen Kultuschaffenden in München 1982 – an dem auch ihre Mutter beteiligt war. Die Premiere wurde damals von einer Bombendrohung überschattet.

Bilir-Meiers Film ist 2019 entstanden und bei den diesjährigen Kurzfilmtagen in Oberhausen mit einem "Special Mention Award" ausgezeichnet worden. Die Künstlerin folgt darin zwei jugendlichen Mädchen durch das Einkaufszentrum und nimmt immer wieder Bezug auf das erste Theaterstück von 1982, man sieht Szenenfotos aus dem Stück: In einer Szene wird die Untersuchung eines Gastarbeiters nachgestellt, jemand schaut ihm prüfend in den Mund – im Film stellen die beiden Mädchen diese Szene auf der Treppe des Einkaufszentrums nach.

Rassistischer Täter mit Migrationshintergrund

Cana Bilir-Meyer belässt es indes nicht bei der Täter-Opfer-Zuweisung: "Mir ist wichtig, dass wir den Rassismus unserer eigenen Communities hinterfragen"; so wie beim Anschlag beim Olympia-Einkaufszentrum. "Der junge Mann, der den rassistischen Anschlag gemacht hat, hatte eine eigene Migrationserfahrung."

Welche Bedeutung hat das Medium Film für ihre Kunst? "Für mich ist das ein Werkzeug", sagt Bilir-Meier. "Als ich in der Schule war, habe ich viele Geschichten nicht erzählt bekommen. Geschichte von Migration – wie sind meine Großeltern hierher gekommen? Geschichte des Kolonialismus."

An der Kunstakademie sei das ähnlich gewesen. "Ich habe viele tolle Sachen gelernt, aber viele Arbeiten und Filme nicht gesehen." Die habe sie erst durch Communities und Freunde entdeckt. "Für mich ist Filmemachen auch eine Form, diese verlorenen Geschichten und die vielen Geschichten unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Die Vergangenheit mit dem Heute zu verknüpfen."

(mfu)

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