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Länderreport | Beitrag vom 16.09.2020

Künstlerdorf Worpswede bei BremenKulturoase am Teufelsmoor

Von Felicitas Boeselager

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Ein Jugendstilgemälde zeigt eine geschwungene Freitreppe eines Hauses, umringt von Rosen, Rhododendren und Geranien. Am obeneren Ende der Freitreppe steht eine junge Frau im Kleid. Rechts im Bild musizieren drei Herren, links hören drei junge Frauen sitzend zu, im Hintergrund steht ein bärtiger Mann. Im Bildvordergrund, auf der Treppe, liegt ein großer Windhund. (picture alliance / akg-images)
Intime Zusammenkunft in totaler Vereinzelung: Das Gemälde "Sommerabend" von Heinrich Vogeler aus dem Jahr 1905 zeigt eine Szene im Künstlerdorf Worpswede. (picture alliance / akg-images)

Künstler wie Paula Modersohn-Becker, Heinrich Vogeler oder Fritz Mackensen prägten Worpswede. Sie prägten das Künstlerdorf inmitten der Natur. Bis heute leben hier Kulturschaffende. Einige von ihnen wollen Worpswede wieder mehr Lebendigkeit verleihen.

"Wir stehen jetzt im Neubau, in einem aus den 70er-Jahren stammenden Museumsbau in der Großen Kunstschau Worpswede. Und zwar in unseren Sammlungsräumen, in den Räumen, die zu dem gehören, was man gemeinhin als Dauerausstellung bezeichnet."

Jörg van den Berg ist der Direktor der großen Kunstschau Worpswede. An diesem Morgen führt er durch sein Haus. In der Dauerausstellung hängen vor allem Bilder der ersten Künstler-Generation von Worpswede, zum Beispiel Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Ottilie Reylaender und natürlich Paula Modersohn-Becker. 

"Aber das sehen Sie eben auch schnell beim Durchlaufen, es ist keine kunsthistorisch korrekte Hängung: Es gibt in den wenigsten Fällen monografische Räume. Und in jedem der Räume gibt es Störungen, Provokationen, Irritationen durch, ja: eigentlich die zeitgenössische Kunst."

Zeitgenössische Kunst von Marie Uelzen

Und das wird gleich in diesem Raum, der Fritz Mackensen gewidmet ist, sichtbar. Er hat die Künstlerkolonie im ausgehenden 19. Jahrhundert gegründet. Zusätzlich zu den fünf Werken von Mackensen hängt hier ein Teppich der zeitgenössischen Künstlerin Marie Uelzen, die auch aus Worpswede kommt. 

"Sie sehen die Silhouette von Mackensen, und Sie sehen in diesen Kopf jeweils eingestickt Worte wie Schwärmer, Begnadeter, aber eben auch Rassist. Marie Uelzen ist in die Historie ziemlich tief eingestiegen und diese Worte sind Selbst- und Fremdbezeichnungen."

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Im Nachbarraum hängt ein großes Jugendstil-Gemälde von Heinrich Vogeler, der berühmte "Sommerabend". Ein Bild von der Terrasse vom Barkenhoff, Vogelers Haus in Worpswede. Es blühen Rosen und Hortensien, und die Malerfreunde treffen sich abends zum Musizieren.

"Es ist eigentlich eine total intime Situation. Aber keine der Figuren im Bild interagiert mit einer der anderen. Es ist eigentlich eine totale Vereinzelung. Ein Problem der heutigen Gesellschaft, das durch Corona immer virulenter wurde." 

Wegen der Kunst und wegen der Natur

So verweist auch die Kunst im nächsten Raum auf ein hochaktuelles Thema. Gemälde vom Teufelsmoor, neben einer Skulptur, die zeigt, wie sehr der Kohlendioxid-Ausstoß in den letzten 70 Jahren zugenommen hat. Natur und Naturschutz spielen in Worpswede eine fast ebenso große Rolle wie die Kultur. Denn die zahlreichen Touristen, die herkommen, zieht es nicht nur in die Museen, sondern auch in die Natur.

Die Hamme im Naturschutzgebiet Teufelsmoor: Helmut Kück sitzt links im Bild auf seinem Torfkahn. Im Hintergrund stapeln sich weiße Wolken über einem breiten Fluss. (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)Die Hamme im Naturschutzgebiet Teufelsmoor: Helmut Kück sitzt auf seinem Torfkahn. (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)
Mit einem Torfkahn – einem schwarz angemalten Holzboot – geht es über die Hamme durchs Teufelsmoor. Die Landschaft, die Generationen von Künstlern und Künstlerinnen gelockt und inspiriert hat. Ein Moor, das Jahrhunderte lang unzugänglich und nutzlos war.

"Da wächst nichts drauf und deshalb hat man es als das taube Moor bezeichnet. Und das taube Moor heißt im Plattdeutschen 'datt duuve Moor'. Daraus wurde das 'Düvelsmoor'. Und wenn man das Düvelsmoor ins Hochdeutsche übersetzt, dann kommt man zum Teufelsmoor. Und so ist diese Region zu ihrem Namen gekommen."

Torfschiffer auf der Hamme

Das erzählt Helmut Kück vom Verein der Adolphsdorfer Torfschiffer. Er fährt Touristen die Hamme auf und ab. Wege, die die Torfschiffer vom 18. bis ins 20. Jahrhundert befuhren, um Torf nach Bremen zu bringen und dort als Heizmittel zu verkaufen.

"Nach Bremen zu kommen, das dauerte insgesamt zwei bis drei Tage, geschlafen haben die hier an Bord. Vorne in der Spitze, da ist die Kajüte, da unter der Klappe. Dort haben sie Heu oder Stroh gehabt, und da haben sie geschlafen."

Das Teufelsmoor ist ein Naturschutzgebiet. Auf der Fahrt durch die weite Landschaft fliegen viele verschiedene Wasservögel vorbei, ein beliebtes Ausflugsziel für Vogelbeobachter. 

Überschwemmte Ackerfläche am Rande des Teufelsmoors mit Baumreihen im Hintergrund in der Dämmerung  (imago images / blickwinkel / C. Kaiser)Moorlandschaft bei Worpswede: Aus dem "tauben Moor", auf dem nichts wächst, wurde das "Teufelsmoor". (imago images / blickwinkel / C. Kaiser)
Die kleine Rundfahrt führt an drei Holzhütten vorbei. Sie sind fast das einzige Zeichen der Zivilisation, so friedlich ist es an diesem Tag auf der Hamme. Früher wurde in diesen Hütten Torf umgeschlagen, heute sind sie Gasthäuser, Ausflugsziele für Fahrradfahrer. 

"Hier waren ja regelmäßig Gäste, auch damals schon, und hier waren auch Worpsweder Künstler, Maler. Nicht der Modersohn, der hat 100 Jahre vorher gelebt, aber die, die in den 50er-Jahren hier in Worpswede gelebt haben. Die verkehrten hier auch. Und dann abends, wenn die einen verzehrt haben, dann hat Onkel Willi zu denen gesagt: 'West du wat? Heute bruchst Du ned beturen, aber wenn du das nächste mal wieder kummst, dann bringst Du den Tuschkasten und Pinsel mit und molst mi en Bild an 'ne Wand'."

Bilder, die man sich heute noch in der Gaststube der Melchershütte ansehen kann. 

"So jetzt sind wir im Herzstück, wir stehen jetzt im sogenannten Rotundenraum, die Worpsweder Rotunde."

Einzigartiger Rotundenraum

Zurück in der Großen Kunstschau. Jörg van den Berg ist inzwischen im Altbau des Museums angekommen. 1927 gebaut, gehört die Rotunde zum sogenannten Hoetger-Ensemble, gemeinsam mit dem Café Worpswede und dem Logierhaus, in dem heute die Verwaltung des Museums sitzt. Der Expressionist Bernhard Hoetger kam 1914 als Bildhauer und Architekt nach Worpswede.

"Dieser Rotundenraum ist in Deutschland und in Europa einmalig als Konstruktion: Er ist eigentlich architektonisch ziemlich absurd, weil Hoetger einen riesigen Kreis in den Raum reinsenkt, um eben eine runde Außenwand - mit einem eingehängten Oberlicht - zu beleuchten. Und damit noch nicht genug: In der Mitte baut sich eine viereinhalb Meter hohe Kuppel auf."

Der runde, weiß-gelbe Raum ist so ungewöhnlich, dass er fast unwirklich wirkt. Auch mit diesem Ort will van den Berg wichtige zeitgenössische Stimmen, Künstler, herlocken, damit Worpswede ein lebendiges Künstlerdorf bleibt und nicht zum Museumsdorf wird.

Ein Anliegen, dass Philine und Bhima Griem teilen. Die beiden sind erst vor wenigen Monaten von Berlin nach Worpswede gezogen und haben hier gemeinsam die Leitung der Künstlerhäuser übernommen. Eine der ältesten Stipendiatenstätten in Deutschland.

"Wir verstehen uns als Kunstproduktionsstätte, als Ort, an dem Kunst hergestellt wird, an dem über Kunst gesprochen wird, als Ort, an dem man auch ein Stück weit gemeinsam lebt. Weil es hier verbundene Atelierhäuser gibt. Auch dadurch, weil man sich hier sehr gut bewegen kann, auch weil es nicht so viele andere Reize gibt."

Atelierhäuser aus den 70ern

Die weißen, in den 70er-Jahren gebauten Atelierhäuser reihen sich vor den sogenannten Hammewiesen aneinander. Sie liegen etwas außerhalb vom Dorfkern und haben jeweils Platz für ein, oder zwei Künstler. Ihre Architektur lädt zum Denken und Arbeiten ein:

"Es hat einen großen Arbeitsraum. Außer einer Wohnung, das ist eine Schriftstellerwohnung, die hat keinen großen Arbeitsraum. Was ganz besonders ist, sind diese Oberlichter, die nach Norden ausgerichtet sind. Und da kommt dann Licht rein."

"Und so viele Fensterdurchbrüche wie es geht, die auch die Landschaft ein Stück nach innen holen sollen. Und den Blick immer mehr auf die Weite lenken. Es ist eigentlich egal, welches Wetter hier ist: Der Blick ist eigentlich immer super spektakulär. Man kann zu jeder Tageszeit hier rausgucken und es ist sehr besonders, finde ich."

20 Kilometer kann man hier in die Ferne blicken, über weite Wiesen, auf denen Pferde grasen. Deren Galopp ist manchmal bis in die Ateliers spürbar, erzählt Philine Griem. 

Draußen, bevor die Hammewiesen beginnen, erstreckt sich die Wiese der Künstlerhäuser. Auch hier wird Kunst produziert.

"Es ist hier eine schöne Wiese, aber die ist genauso Atelier, wie es die Häuser sind. Also hier ist das Außenatelier und somit der Experimentierraum, auf dem Künstler sich ausprobieren sollen."

Philine und Bhima Griem wollen die Künstlerhäuser renovieren, sich ein neues Konzept für die Zusammenarbeit dort überlegen. Ihr Ziel ist es, dass die Kunst, die in Worpswede entsteht, wieder Aufsehen erregt und sichtbar wird in der öffentlichen WahrnehmungEs gibt noch viel zu tun - und genauso viel zu entdecken in Worpswede.

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