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Im Gespräch | Beitrag vom 13.11.2020

Künstler und Autor Johannes StüttgenDer Beuys-Erklärer

Johannes Stüttgen im Gespräch mit Ulrike Timm

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Johannes Stüttgen, einstiger Schüler von Beuys, steht am 07.01.2016 in der Kunstakademie in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in einem ehemaligen Atelierraum von Beuys.  (dpa / Rolf Vennenbernd)
Irgendwann musste Johannes Stüttgen sich entscheiden: Theologie studieren bei Joseph Ratzinger - oder Kunst studieren beim anderen Joseph, Joseph Beuys. Er wählte Letzteres und wurde Beuys' enger Wegbegleiter. (dpa / Rolf Vennenbernd)

Joseph Beuys prägt das Leben des Künstlers Johannes Stüttgen bis heute. Er war Beuys' Meisterschüler und engster Mitarbeiter. Zuvor studierte er beim späteren Papst Joseph Ratzinger. Heute engagiert sich Stüttgen auch für die Direkte Demokratie.

"Ratzinger war ein sehr guter Lehrer", erinnert sich Johannes Stüttgen. "Er gab vier Vorlesungen die Woche im größten Hörsaal der Universität von Münster, jeweils morgens um acht. Und der Hörsaal war immer brechend voll. Das will was heißen."

Stüttgen war beeindruckt von Ratzingers Intelligenz und seiner Bescheidenheit. Trotzdem entschied er sich gegen die Theologie und für die Kunst. "Ratzinger hat nichts falsch gemacht. Aber ich habe, was ich damals gesucht habe, dort nicht gefunden." Zunächst wurde er Puppenspieler, dann fand er zur Kunst. In den aufwühlenden Sechzigerjahren wurde er in Düsseldorf an der Kunstakademie angenommen. Und wählte Joseph Beuys zu seinem Lehrer.

Beuys als Mensch erkannt

"Schon in der ersten Begegnung habe ich ihn als sehr präsent wahrgenommen", erinnert sich der heute 75-Jährige. "Ich sah ihn in einem Gespräch mit seiner Klasse unter vielen anderen sitzen und erkannte ihn sofort. Ich sah einfach: Da sitzt ein Mensch. Fragen Sie mich nicht, woher ich das wusste."

Joseph Beuys prägt das Leben des Künstlers Johannes Stüttgen bis heute. Vier Jahre ist er sein Meisterschüler, 20 Jahre der engste Mitarbeiter des weltbekannten Künstlers. Und ebenfalls bis heute gilt Stüttgen als Erklärer des Werkes und des Menschen Beuys. "Joseph Beuys war jemand, der ganz unmittelbar erlebbar war. Nicht nur als Künstler, sondern als einer, der, wenn er auftrat, die Kunst an sich in Erscheinung brachte", sagt Stüttgen.

Der Künstler als Lehrer

Beuys' erweiterter Kunstbegriff war weiter gespannt und reichte tiefer als das, was vorher in der Kunst zu sehen war. Kunst wurde mit allen Sinnen und vor allem mit dem Geist erlebbar.

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Stüttgen beschreibt das so: "Beuys war eine Art Hebamme für das, was in seinen Studenten geboren werden wollte. Ich habe zum ersten Mal Arbeiten von ihm gesehen, als ich schon ein Jahr lang sein Student war. Für mich war er der Künstler als Lehrer. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass er überhaupt etwas Ausstellbares macht."

Die soziale Plastik

Eines der bekannten Werke von Beuys waren die 7000 Eichen von Kassel, sein Versuch, die Natur mit aufzunehmen in den Mitarbeiterstab des Künstlerateliers. Für Stüttgen zeigt sich erst heute, wie richtig Beuys mit seiner Fragestellung lag. Heute wachsen die 7000 damals gepflanzten Eichen in Kassels Stadtgebiet und genießen einen besonderen Schutz, weil sie Teil eines Kunstwerkes sind.

"Die ökologische Kraft geht eigentlich von dem Kunstbegriff aus. Aber das ist nicht für jeden gleich zu verstehen", meint Stüttgen.

Heute widmet er sich seiner unsichtbaren, weil sozialen Plastik - eines seiner bekanntesten sozialen Skulpturen ist ein Omnibus, der durch die Republik fährt und sich für direkte Demokratie einsetzt.

"Dass es sehr viel mehr Fans der direkten Demokratie gibt, als wir wissen, verrät mir meine künstlerische Intuition," sagt er.

(AB)

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