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Studio 9 | Beitrag vom 13.06.2017

Künstler und Aktivist Thiat Rappen für mehr Demokratie im Senegal

Von Moritz Behrendt

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Thiat (Heinrich-Böll-Stiftung/Andi Weiland)
Thiat, senegalesischer Rapper und Aktivist (Heinrich-Böll-Stiftung/Andi Weiland)

Anlässlich der deutschen G20-Präsidentschaft beraten in Berlin afrikanische Länder mit der Bundesregierung über Partnerschaften. Dabei gilt die ehemalige französische Kolonie Senegal als demokratisches Musterland in Westafrika. Für den Rapper Thiat ist das aber mehr Schein als Sein.

Die Slogans hat Thiat noch parat. "Meine Wahlkarte ist meine Waffe – geht wählen" - 2012 mobilisierte die Protestbewegung Y'en a marre im Senegal 200.000 Jungwähler. Die Folge: der "Alte" musste gehen. Präsident Abdoulaye Wade, 85 Jahre alt, wurde abgewählt.

Thiat und Y'en a marre hatten geschafft, wozu die senegalesische Opposition aus eigener Kraft nicht in der Lage war.

Angefangen hatte alles beim Tee, diesem grünen Tee, dessen ersten Aufguss die Senegalesen so dunkel und stark trinken wie einen Espresso. Stundenlang saß Thiat mit seinem Rapperkollegen Kilifeu und anderen Freunden zusammen. Wie so oft beklagten sie sich über die Probleme des Landes. Der Strom war mal wieder ausgefallen, die Regierung hatte keine Antworten auf die Alltagssorgen der Menschen. Dann sagten sie sich: Es reicht nicht, nur zu reden – wir müssen etwas tun.

Das war 2011 – die Geburtsstunde einer der einflussreichsten sozialen Bewegungen in Afrika: "Y'en a marre" – zu deutsch, "uns reicht's". Aus Thiat, dem Rapper der Band Keur Gui wurde ein Aktivist:

"Im Hiphop benennen wir die Dinge – als Aktivisten tun wir etwas – wir verbinden das Wort mit der Tat. Das ist eine logische Folge – als kritische Rapper haben wir auch die notwendige Street-Credibility, so dass wir da waren, als es darauf ankam."

Gegen die Abhängigkeit von den alten Kolonialmächten

Auch die Songs von Keur Gui sind hoch politisch: Thiat und Kilifeu rappen an gegen die Abhängigkeit Afrikas von den alten Kolonialmächten und den mächtigen Finanzinstitutionen in Washington. Und sie legen sich an mit Politikern im Senegal – egal, welcher Partei diese angehören. Wegen kritischer Texte saß Thiat bereits mehrfach im Gefängnis, das erste Mal, als er 16 war. 

Auch mit inzwischen 38 Jahren sieht sich Thiat vor allem als Rapper. Er trägt eine braune Strickmütze mit Bommel, dazu möglichst tief sitzende Jeans und ein T-Shirt, auf dem die Karte von Afrika gedruckt ist. Verglichen mit anderen Ländern auf dem Kontinent steht Senegal eigentlich gut da: Präsident Macky Sall wurde demokratisch gewählt, die Presse ist frei, von Menschenrechtsverletzungen hört man selten. Thiat reicht das aber nicht…

"Der Kampf für eine bessere Gesellschaft endet nie. Abdoulaye Wade (sprich: Abdoulai Whad) ist weg – aber wir setzen unsere Arbeit fort, als Wächter der Demokratie und wir wollen möglichst viele junge Leute anstiften, sich dafür zu interessieren, wie Politik funktioniert."

Machen und nicht reden

Wenn Thiat so redet – immer häufiger auch auf Konferenzen in Europa oder den USA, dann könnte man ihn für einen etablierten Vertreter der lebhaften Zivilgesellschaft im Senegal halten – doch da erhebt der Rapper Einspruch. 

"Die klassische Zivilgesellschaft schreibt und theoretisiert – wir machen! Und dann gab es auch immer die Kritik von etablierten Intellektuellen, die nichts damit zu tun hatte, was wir tun, sondern, wie wir aussehen. Nach dem Motto: Warum läuft Thiat mit Mütze und T-Shirt herum und nicht mit Hemd und Krawatte."

Nach dem Regierungswechsel in Dakar im Jahr 2012 versuchte der neue Präsident die Aktivisten von Y'en a marre für sich zu gewinnen:

"Macky Sall hat uns Jobs angeboten – in Botschaften und auch als Minister. Wir haben abgelehnt. Aber es ist ihm gelungen, andere Vertreter der Zivilgesellschaft zu 'kaufen' – Journalisten und Verleger. Er versucht, durch die Hintertür demokratische Errungenschaften wieder abzubauen – das ist seine Strategie, auch wenn er es nicht zugeben wird."

Im Juli stehen Parlamentswahlen im Senegal an – die Aktivisten von Y’en a marre haben bereits zu Großdemonstrationen aufgerufen. Einer von Thiats Mitstreitern, der schon bei der Teerunde im Jahr 2011 dabei war, geht als unabhängiger Kandidat ins Rennen. Bei Y'en a marre kann er dann nicht mehr mitmachen – das Prinzip ist unumstößlich, sagt Thiat.

Und er selbst? Reizt ihn ein Leben als Politiker oder Botschafter? Thiat hebt die Hände, schüttelt energisch den Kopf. 

"Ich bleibe lieber Thiat, Rapper und Aktivist im Senegal – immer bereit aufzustehen und gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen."

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