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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.05.2011

Künstler mit der Kamera

Brassai-Ausstellungen in Berlin

Von Barbara Wiegand

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Brassai galt als Fotokünstler (hier ein Kameraobjektiv) (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Brassai galt als Fotokünstler (hier ein Kameraobjektiv) (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)

Berühmt wurde der ungarische Fotograf Brassai vor allem durch Aufnahmen seiner Wahlheimatstadt Paris. Nun widmen sich gleich zwei Ausstellungen in Berlin dem Künstler: in der Surrealismus Sammlung Scharf Gerstenberg und in der Sammlung Berggruen.

"Heute Vormittag mit Picasso verabredet. Die Metro ist überfüllt, Busse fahren selten. Ich gehe lieber zu Fuß." Ein wenig wortkarg beschreibt Brassai seinen Weg ins Pariser Atelier des spanischen Künstlers, dem er 1932 erstmals begegnet. Der gebürtige Ungar hielt sich zwar zurück, wenn es darum ging, einer bestimmten Szene zugerechnet zu werden. Er war aber eigentlich ein großer Kommunikationskünstler, nicht nur im Umgang mit Picasso.

Und normalerweise sicher redseliger. Das zeigt ein Blick in den lesenswerten Katalog mit seinen zahlreichen Anekdoten. Aber vor allem die Fotos lassen den Betrachter spüren, wie nah Brassai den Künstlern - und ihrer Kunst - in seinen Fotos gekommen ist. Kuratorin Kylikki Zacharias:

"Er war eigentlich Zeit seines Lebens ein Einzelgänger, obwohl er mit unendlich vielen Künstlern befreundet war und ein wirklich sehr ausschweifendes, ausuferndes soziales Leben hatte. Er hat nicht nur in Künstlerkreisen verkehrt, sondern in den allerhöchsten sozialen Kreisen in Paris. Hat dort das Nachtleben erkundet, auf den Märkten in den Bordellen, den Theatern, den Varietes."

Klug gehängt zwischen den Gemälden und Skulpturen der Sammlung Berggruen kann man nicht nur die Portraitfotografie Brassais, sondern auch die Kunst neu entdecken. Herrlich etwa das Foto von Matisse, wie er im weißen Kittel, nüchtern wie ein Arzt bei der Visite, eine erotisch posierende Nackte zeichnet. Daneben der Scherenschnitt der blauen Seilspringerin, die grazil geradewegs aus dem Atelier herausgehüpft scheint.

Man blickt hinein ins ärmliche Studio von Giacometti, in dem die spiddeligen Skulpturen offensichtlich aus dem lehmigen Fußboden empor gewachsen sind – und bewundert daneben die grazilen Originale. Oder man entdeckt die Pfeifen aus der abfotografierten Sammlung von Georges Braque in einem kubistisch zersplitterten Gemälde wieder.

Und manchmal schafft Brassai in seinen Fotos auch neue Werke. Wenn Pablo Picasso im übermächtigen Schatten seines Ofen sitzend zum geheimnisvollen Mythos wird, und ein Stuhl mit Büchern drauf und Pantoffeln davor Spuren des normalen Menschen zeigt

"Als er bei Picasso zu Besuch war und Picasso kam zurück in den Raum, und sah einen Stuhl und davor zwei Pantoffeln, die hatte Brassai fotografiert. Und Picasso sprang auf und sagte, die Pantoffeln habe ich nie so hingestellt, das hast du gemacht. Also, er hat sich das Recht des Künstlers herausgenommen, hier und da auch mal etwas zu verändern."

So wie Brassai ein Gespür für die Eigenheiten der Künstler und entwickelte, so sehr hatte er auch einen Blick für das Wesen der Dinge am Wegesrand. Das zeigen die in der Sammlung Scharf-Gerstenberg ausgestellten Graffiti-Fotos, die Brassai über Jahre von Pariser Mauern und Hauswänden gemacht hat.

"Heutzutage, wenn wir Graffiti hören, dann denken wir natürlich sofort an Spraymaler. Das war damals nicht so, das Wort kommt von Graffiare, nämlich Kratzen. Es handelt sich hier auch vor allem um Kratzbilder, also Kratzspuren in Mauern und Hauswänden."

Und wenn man die gestrichelten, geritzten Gesichter, die tierischen Formen und krakeligen Umrisse betrachtet, dann ist nie ganz klar, ob sie von Menschenhand geschaffen wurden, oder ob die Löcher mit den Ritzen drum herum zufällig ein Gesicht erkennen lassen. Ob der Putz absichtlich den Formen eines mächtigen Stiers nach abgeklopft wurde, oder einfach abgeblättert ist. Sicher ist dagegen, dass Brassai all diese Wesen für sich und seine Fotografie entdeckt hat.

Und zwar so, dass einem manchmal mulmig wird, wenn sie einen aus tiefen "Augenhöhlen" unverwandt anschauen. Oder dass man lächelt, über ihre Skurrilität. Die Figuren wirken so lebendig - und doch ganz fantastisch. Womit sie gut zu den multimedialen Arbeiten von Jean Dubuffet passen, mit denen sie jetzt konfrontiert sind – und zur Surrealistensammlung des Hauses überhaupt. Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie

"Vielleicht kann man das mal so sagen, dass ja auch die Surrealisten in ihrer Zeit Werke entworfen haben, die einer reichen Fantasiewelt entspringen. Und das können wir bis heute auf den Straßen sehen: Graffitis zeichnen sich durch eine wunderbare Fantasie seitens ihrer Schöpfer aus. Nicht mit dem Anspruch, das große Kunstwerk zu sein. Gerade nicht bei den hier gezeigten Graffitis. Das sind künstlerische Äußerungen von Menschen, wie sie und ich und all die Zuhörer, die auch gern mal hingegangen sind auf der Toilette in früheren Jahren ein Strichmännchen zu machen, oder sich zu verewigen in einer Baumrinde. Damit fängt das alles an."

So ist die Graffiti-Fotoausstellung vielleicht keine Schau großer Kunst, aber sicherlich genauso eine Entdeckung wert, wie die wunderbaren Künstlerportraits in der gegenüber gelegenen Sammlung Berggruen. Es ist ein bescheiden, aber durchdacht inszenierter Ausstellungsdoppelpack, der einen immer wieder faszinierenden Blick auf die Facetten in Brassais Werk eröffnet.

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