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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.11.2009

Künstler mit biografischen Brüchen

Zur Entwicklung des Begriffs Chamisso-Literatur

Von Jörg Plath

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Früher war es schlimmer. Früher, in den 70er-Jahren, sprach man ratlos von Gastarbeiterliteratur, Minderheitenliteratur, Migrantenliteratur, Multikultiliteratur, hybrider oder interkultureller Literatur. Heute etabliert sich für Autoren, deren Eltern oder Großeltern keine Deutschen sind, die aber auf Deutsch schreiben, die Bezeichnung Chamisso-Literatur.

Der Namensgeber Louis Charles Adélaide de Chamisso war Franzose, floh als Neunjähriger mit seinen Eltern vor der Revolution über den Rhein und wurde durch seine Balladen und "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" zum deutschen Nationaldichter Adelbert von Chamisso.

Nach ihm ist der Preis für die "andere deutsche Literatur" benannt, den die Robert-Bosch-Stiftung seit 1985 verleiht. Einer der Preisträger, Ilija Trojanow, prägte die Formel "Döner in Walhalla", wobei der Döner zunächst eine Pizza war und mittlerweile durch Sushi, Lammcurry, Falafel und Gulasch ergänzt wird.

Aus zarten Anfängen sind so viele unterschiedliche Stimmen geworden, dass sie nicht mehr als eine Strömung wahrgenommen werden. Arbeitssuche und Flucht vor Diktatur, Krieg und Elend brachten nach Italienern, Griechen und Türken vor allem Spanier, Iraner, Libanesen und Osteuropäer nach Deutschland. Sie schrieben zunächst über die Reise, den Grenzübertritt, das fremde Deutschland.

Heute ist ihr Themenspektrum so breit wie das der deutschen Kollegen. Das Interkulturelle trat zugunsten der Literatur zurück. Aus schreibenden Einwanderern wurden Künstler mit dem Wissen um biographische Brüche – wie die mit dem Chamisso-Preis ausgezeichneten Terézia Mora, Radek Knapp, Zsuzsa Bánk, Asfa-Wossen Asserate und Feridun Zaimoglu. Manchmal erinnert erst der Chamisso-Preis daran, dass die von Kritik und Lesern geschätzten Autoren keine Deutschen sind oder zumindest ihre Eltern und Großeltern nicht – nicht anders als seinerzeit übrigens Franz Kafka oder Paul Celan.

Das Gespräch zum Thema mit dem in Polen geborenen und in Deutschland lebenden Chamisso-Preisträger Artur Becker können Sie mindestens bis zum 25.4.2010 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

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