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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2005

Kühler Wahn

Isabelle Huppert gastiert in Berlin

Von Tobias Wenzel

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Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert (AP)
Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert (AP)

Gerade tourt Sarah Kanes Theaterstück "4.48 Psychose" um die Welt. Und zwar in der Pariser Inszenierung von Claude Régy, mit Isabelle Huppert als Hauptdarstellerin. Nach Stationen in New York, Los Angelas und Montréal macht die Pariser Truppe nun Station in Berlin.

Klaviermusik (aus: "Die Klavierspielerin"): "Sagen Sie mal, haben Sie kein Gehör für Kälte?!"

Ob, wie hier, als masochistische Erika in ihrem vielleicht berühmtesten Film "Die Klavierspielerin" oder als gereizte Martine in "Zwei ungleiche Schwestern": die französische Schauspielerin Isabelle Huppert versteht es, Frauen zu verkörpern, die nicht lachen, nicht einmal lächeln, die abweisend und kalt erscheinen. Und auch Isabelle Huppert selbst gibt sich den Journalisten gegenüber reserviert und kühl. Und will so gar nicht passen zur Vertrautheit und Gemütlichkeit suggerierenden Ambiente des Pressegesprächs im Kaminzimmer des Berliner Literaturhauses. Der Schauspielstar ist nicht nach Berlin gekommen, um einen neuen Kinofilm vorzustellen. Zum ersten Mal spielt Isabelle Huppert in Deutschland Theater, nämlich die Hauptrolle in Sarah Kanes Stück "4.48 Psychose". Auf die Frage, ob das Theater für sie etwas Besonderes sei, nimmt sie, wie in Zeitlupe, ihre Sonnenbrille ab und gibt die Antwort mit sichtlich gelangweilter Miene:

Isabelle Huppert: "Mir gefällt die Meinung, dass es keinen Unterschied zwischen dem Theater und dem Kino gibt. Auf diese Weise entkommt man auch den üblichen Clichés, das Theater sei lebendiger, weil das Publikum vor Ort sei. Das stimmt natürlich. Schließlich gehen die Leute sowohl ins Theater als auch ins Kino. Interessanter finde ich, wie sich ein Theaterstück wie '4.48 Psychose' von anderen Theaterstücken unterscheidet. Es hinterfragt das Theater selbst, es wirft die Frage des Warum und des Wie auf. Einige Theaterstücke werfen einfach mehr diese zwei Fragen auf als andere."

Rechts neben Isabelle Huppert sitzt ein Mann mit Stoppeln auf dem Kopf und im Gesicht: Claude Régy, der französische Altmeister der modernen Aufführung. Die Berliner Festspiele haben Claude Régys Inszenierung von "4.48 Psychose" nicht umsonst für das Festival "Spielzeit Europa" ins Haus der Festspiele geholt. Im Pariser Théatre des Bouffes du Nord feierte es 2002 Premiere und wurde ein Riesenerfolg. Jetzt gastiert die ganze Truppe für fünf Tage im Haus der Festspiele. Und allen voran Isabelle Huppert. Denn Sarah Kanes "4.48 Psychose" ist ein Monolog, oder ein Zwiegespräch mit sich selbst, wenn man mal von der Rolle des Psychiaters absieht.

Es ist das Sprechen einer psychisch Kranken vor dem Selbstmord. "Um 4.48 Uhr, wenn die Verzweiflung mich überkommt, werde ich mich aufhängen", heißt es in dem fünften und letzten Theaterstück der britischen Autorin. Das Autobiographische des Textes drängt sich geradezu auf. Auch Sarah Kane, die junge Unangepasste des britischen Theaters, war psychisch krank und musste am Ende ihres Lebens immer öfter Kliniken aufsuchen. Um 4.48 Uhr wurde sie regelmäßig von Depressionsschüben wach. Wahnvorstellungen folgten. Der Wahn hatte zu dieser Uhrzeit für sie eine unerträgliche Klarheit. Im Januar 1999 nahm sich Sarah Kane das Leben. Wenige Tage zuvor hatte sie ihrer Agentin das Manuskript zu "4.48 Psychose" übergeben. Fragt sich, ob man da als Schauspielerin nicht zwangsläufig an die Autorin denken muss.

Isabelle Huppert: "Nein, überhaupt nicht. Das ist ja nicht im wörtlichen Sinne der Bericht über ihren Selbstmord. Das Stück reflektiert natürlich ihren kranken Geisteszustand, aber doch auch den Zustand ihrer Gefühls- und Liebeswelt. Außerdem geht es vor allem darum, wie die Frau auf der Bühne erzählt, mal realistisch, mal poetisch. Auf jeden Fall vollkommen ungewöhnlich. Ich glaube nicht, dass Sarah Kane, als sie das Stück schrieb, eine Schauspielerin vor Augen hatte, die sich über ihren realen Selbstmord Gedanken macht. Deshalb habe ich überhaupt nicht das Gefühl, an ihr Verrat zu begehen, wenn ich sage: Ich stelle mir nicht die Frage nach ihrer Person"

Während der gesamten Theateraufführung verharrt Isabelle Huppert nahezu regungslos an der Rampe. Claude Régy liebt es, seine Schauspieler in unmittelbarer Nähe zum Publikum agieren zu lassen. Und er liebt es, Neues auszuprobieren. Aber das kann auch schmerzvoll sein, wie er zuerst 1974 bei seiner Pariser Aufführung von Peter Handkes "Ritt über den Bodensee" erfahren musste:

"Die Reaktion war schrecklich! Die Presse hat uns beschimpft. Ungefähr die Hälfte der Zuschauer hat den Saal verlassen. Sie waren übrigens so wutentbrannt, dass sie vor dem Theatersaal warteten, um dann, als das Stück zu Ende war, wieder hereinzukommen und uns auszubuhen. In 50 Jahren Theater habe ich niemals eine so große Wut des Publikums erlebt, seit der Schlacht von Hernani. Sarah Kane selbst hat mit ihren ersten Theaterstücken solche Reaktionen im Theatersaal erlebt. Sie sagte, dass sie darunter leide. Aber zugleich sei das ein Beleg dafür, dass etwas Tiefgreifendes passiert sei. Wenn die Leute den Saal nicht verließen, dann sei das meistens deswegen, weil nichts passiert und jeder vor sich hin döst/in Ruhe schläft."

So ist es kein Zufall, dass Claude Régy Sarah Kanes "4.48 Psychose" inszeniert hat. Beide sind Meister des Düsteren. Und das moderne internationale Theater ist ohnehin Régys Spezialität. Das Französische Theater ist ihm dagegen zuwider. Es stecke immer noch im 19. Jahrhundert, habe sich nicht wirklich vom Realismus befreien können. Und die meisten französischen Schauspieler suhlten sich am liebsten in ihrer eigenen Stimme. Sie seien deshalb unfähig, ganz in ihrer Rolle aufzugehen und ein Gespür für die Umgebung auf der Bühne zu entwickeln. Ganz anders Isabelle Huppert, die beim Spielen mit ihrem Umfeld eins wird. Und das, obwohl sie völlig unbeweglich da steht.

Claude Régy: "Ich hatte mich dazu entschlossen, dieses Stück mit Isabelle Huppert zu besetzen. Wir haben dann auf der Bühne einiges ausprobiert. Da ist uns schließlich die Idee gekommen, dass die Unbeweglichkeit der Schauspielerin ihr Wort mehr zur Geltung bringt und außerdem den Menschen in seiner Beziehung zum gesprochenen Wort. Isabelle fühlt sich sehr wohl in dieser starren Haltung. Und sie sagt, dass es viel weniger ermüdend ist, als man denkt. Man sollte auf jeden Fall nicht den Fehler begehen, zu sagen, das Stück sei sehr bewegend, weil sich darin eine Frau umbringt, und außerdem, weil es eine geradezu athletische Leistung einer Frau ist, eindreiviertel Stunden regungslos da zu stehen. Denn das Stück dauert ein Stunde und 45 Minuten und nicht zwei Stunden. Wir wollen ja mal nicht übertreiben."

Régy vermeidet den normalen Tonfall. Er lässt seine Schauspieler bewusst zu leise oder zu laut sprechen. Und monoton. Isabelle Huppert soll in "4.48 Psychose" so sprechen, als würde der Zuschauer das Gesprochene als Text vor sich sehen, ebenso wie die Zahlen, die in der Inszenierung an die Wand projiziert werden. Nicht nur in Kanes letztem Stück, auch in ihren sonstigen Rollen spielt Isabelle Huppert in der Regel gebrochene, depressive, in sich gekehrte Frauen. Eine aufgedrehte, scherzende Huppert wird man wohl nie erleben. Oder vielleicht doch?

Isabelle Huppert: "Oft spiele ich im Theater und im Kinofilm Menschen, die ihre Schwierigkeiten mit dem Leben haben und mit der Liebe. Aber hinter diesen Schwierigkeiten verbirgt sich, wie mir scheint, eher die Lust als das Gegenteil. Im Übrigen deprimiert mich eine schlechte Komödie viel mehr als eine gute Tragödie, als ein tragischer Film. Es gäbe da allerdings schon eine komische Kategorie, die ich gerne mal ausprobieren würde: eine Rolle, in der letztlich gar nichts passiert."

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