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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.12.2010

Kuba transparent im Internet

Neue Möglichkeiten für die Opposition

Von Peter B. Schumann

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Der kubanische Dissident Guillermo Farinas (AP)
Der kubanische Dissident Guillermo Farinas (AP)

Zwar erteilte Kuba dem Regimekritiker Guillermo Fariñas keine Erlaubnis, den Sacharow-Preis in Straßburg persönlich entgegenzunehmen, aber fünf Tage vor der Verleihung hat zumindest der Straßen-Protest die Grenzen überwunden. Über neue Medien bahnen sich Oppositionelle zunehmend Wege in die Welt.

Es geschah Mitte Dezember, am Tag der Menschenrechte. Eine Gruppe von 60 Damen in Weiß, Frauen und Mütter politischer Häftlinge, zog wie so oft friedlich durch ein Viertel von Havanna und rief nach "Freiheit". Doch da umringte sie eine Menschenmenge und beschimpfte sie als "Würmer" und "Vaterlandsverräter": "Haut endlich ab, diese Straße gehört Fidel!"

Stunden später war das Material im Internet zu sehen, aufgenommen mit einer Handy-Kamera. Die Oppositionellen analysierten die Bilder. Sie erkannten in der angeblich spontanen Gegendemonstration Gesichter, die ihnen von ähnlichen repressiven Akten nur allzu vertraut waren. Offensichtlich gibt es eine Spezialeinheit, die das inszeniert. Von "Spontaneität" oder gar einer "Explosion des Volkszorns" – wie es in den offiziellen Medien über solche Ereignisse oft heißt – kann also keine Rede sein. Hier war der Beleg, einer von vielen, dokumentiert im Internet. Dort ist auch Yoani Sánchez aktiv, Kubas berühmteste Bloggerin.

"Das Internet ist ein Raum, den die Regierung nicht regulieren, nicht beschränken kann. Dort haben wir die Mauer des Schweigens einen Spalt breit geöffnet und eine Form des unabhängigen Journalismus innerhalb Kubas etabliert. Diese Beiträge finden im Internet eine viel größere internationale Aufmerksamkeit als jeder andere auf der Insel geschriebene Text."

Mit ihren kritischen Einschätzungen des schwierigen Alltagslebens hat sie seit 2007 die innerkubanische Opposition verändert und eine ganz neue friedliche Form des Widerstands gegen das Regime der Brüder Castro begründet. Ihr war es auch zu verdanken, dass die spanisch-sprachige Ausgabe von CNN Anfang Juli melden konnte:

"Der kubanische Psychologe Guillermo Fariñas hat seinen vier Monate andauernden Hungerstreik abgebrochen. Auf dem Foto, das uns die Bloggerin Yoani Sánchez geschickt hat, sieht man, wie er gerade ein erstes Glas Wasser zu sich nimmt."

Fariñas konnte seine Aktion beenden, nachdem die Regierung Castro die Freilassung von 52 politischen Häftlingen angekündigt hatte. Und CNN en español belegte die Nachricht mit einem Foto aus erster Hand. Yoani Sánchez hatte es dem Sender per Handy übermittelt. Neue Kommunikationsmittel wie das erst seit 2008 jedem Kubaner zugängliche Handy machen das Regime transparenter. Für mehr Einsicht in den kubanischen Alltag sorgen auch Hunderte von Bloggern, die dem großen Vorbild Sánchez gefolgt sind. Mit ihren Berichten und Kommentaren unterlaufen sie die Zensur. Auf einer Seite mit dem Titel "Wir bitten ums Wort" äußerte sich beispielsweise am 13. Dezember José Gabriel Barrenechea zu dem von Raúl Castro angekündigten Reformprozess.

"In Kuba hat eine Reform begonnen, die kein anderes Ziel hat als die Verteidigung der Interessen des Staates und vor allem seiner ideologischen Kader. Die Maßnahmen gleichen teilweise jenen, die gewöhnlich der Internationale Währungsfonds kleinen, in die Krise geratenen Dritte-Welt-Länder auferlegt, so zum Beispiel die Reduzierung der öffentlichen Ausgaben durch Entlassung von einem Viertel der Beschäftigten. Die zusätzlichen Einsparungen im Bildungs- und Gesundheitswesen bedeuten einen Rückfall in die von den regierenden Demagogen hart kritisierten Zeiten der vorrevolutionären Republik."

Die Regierung kann sich dieser Welle oppositioneller Blogs, Mails und Twitter nur durch eine Zugangsbeschränkung erwehren. Aber restlos kann sie die Hunderttausende von Kubanern, denen sie einen Anschluss gewährt, nicht kontrollieren. Deshalb finden sich im Internet neben Texten und hausgemachten Videos auch regime-kritische Kurzfilme wie "Monte Rouge", der Erstling von Eduardo del Llano.

Nicanor kocht sich gerade einen Kaffee, als zwei seltsame Typen erscheinen, um Mikrofone in seiner Wohnung zu installieren. Sie wissen genau, dass er im Filminstitut als Chauffeur arbeitet und dass er nebenbei und verbotenermaßen als Wohnungsvermittler tätig ist. Nachdrücklich überzeugen sie Nicanor von einer dringlichen Abhöraktion gegen seine kritischen Freunde. Sie kann jedoch nur in der Toilette stattfinden, weil die Agenten lediglich zwei Mikrofone besitzen, denn selbst der Staatssicherheitsapparat muss sparen.

Eine Satire über die Grenzen und die Korruption des sonst so allmächtigen "Dienstes". Eduardo del Llano hat sie zusammen mit ein paar Freunden und eigenen Mitteln gedreht und später dem nationalen Filminstitut und dem internationalen Filmfestival vorgelegt. Beide lehnten sie ab. Eines Tages tauchte das Werk in einem exil-kubanischen Fernsehsender in Miami auf. Eduardo del Llano:

"Viele Leute in Miami glaubten tatsächlich, dies sei ein Untergrundfilm und ich sei in Gefahr. Aber 'Monte Rouge' ist doch nur unterhaltend, absurd, auch kritisch, richtet sich aber nicht gegen die Regierung – wie die in Miami das immer gleich missverstehen."

Die kritischen Sentenzen des Satirikers del Llano fanden auch auf der Insel nicht immer das richtige Verständnis. Er hatte zum Beispiel. am Drehbuch des Spielfilms "Alicia am Ort der Wunder" von Daniel Díaz Torres mitgearbeitet, und der war lange Zeit verboten, weil darin angeblich Fidel Castro verunglimpft wurde. "Monte Rouge", diese kleine Stasi-Satire, ist inzwischen ein Kultobjekt im Internet. Dort agieren auch Gorki Águila und seine Punk-Rock-Band "Porno para Ricardo", allerdings gegen das Regime und seine Führungsriege.

Von Raúl Castro, dem "Tyrannen-Saurier" singen sie, von "Raúl, dem Lügner und Schwindler, gegen den sich das Volk erheben wird". Vor vier Wochen schlug das Regime wieder einmal zu, ließ ein Rollkommando, den sogenannten Volkszorn, vor der Wohnung des Bandleaders aufmarschieren und neue Texte und Aufnahmen konfiszieren. Doch ihre alten anarchistischen Songs bleiben zugänglich – im Internet: der neuen Quelle für Transparenz in Kuba.

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