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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.02.2017

Kritischer Journalismus in Mexiko"Sie machen Hackfleisch aus dir"

Von Ellen Häring

Die mexikanische Journalistin Carmen Aristegui (EFE /dpa / Jose Mendez)
Die mexikanische Journalistin Carmen Aristegui (EFE /dpa / Jose Mendez)

Journalisten leben gefährlich in Mexiko. Nirgendwo – außer im Kriegsland Syrien – wurden in den letzten Jahren so viele Medienschaffende ermordet. Zwei mexikanische Journalistinnen erzählen, wie und warum sie trotz Lebensgefahr weiter kritisch berichten.

Wenn Carmen Aristegui morgens um acht Uhr auf Sendung geht, dann hören ihr Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner im In- und Ausland zu. Allerdings, über Monate hinweg herrschte großes Schweigen, denn ihre Sendung wurde im vergangenen Jahr eingestellt. Man könnte auch sagen: verboten.

Ihr Vergehen: Sie hatte zusammen mit ihrem investigativen Team einen spektakulären Korruptionsskandal aufgedeckt. Der Präsident Enrique Pena Nieto und seine Gattin höchstpersönlich waren die Protagonisten. Es ging um das dubiose Geschäftsgebaren beim Bau ihrer eigenen Villa.

Ein klarer Fall von Zensur

Dass der Präsident auch höchstpersönlich gegen die beliebte Journalistin interveniert hat, gibt er nicht zu. Liegt aber auf der Hand, meint Carmen Aristegui. "Es ist ja völlig unlogisch, dass ein privates Medienunternehmen das Programm abschafft, das die meisten Zuhörer hat, also auch das meiste Geld bringt", sagt sie. "Man müsste ja schön blöd sein, so etwas zu tun. Es sei denn, es mischt sich da noch jemand von oben ein."

Ein klarer Fall von Zensur, aber nicht nur das. Aristegui wurde mit Strafanzeigen wegen Verleumdung überzogen, obwohl alle Recherchen bis heute wasserdicht sind und der Präsident sich öffentlich wegen der Korruptionsaffäre entschuldigen musste. Aber das Ziel bleibt: Aristegui soll mürbe gemacht und finanziell ruiniert werden.

Dabei hat Carmen Aristegui Glück. Sie ist zu bekannt, um sie einfach aus dem Weg zu räumen. Ihre Kollegin Marta Durán, kennt andere Fälle – und ihren eigenen: "Ich wurde Zuhause angerufen, auf dem Anrufbeantworteter war eine Morddrohung. Ich hab die Aufnahme zusammen mit der registrierten Telefonnummer zur Polizei gebracht und Anzeige erstattet", berichtet sie. "Es vergingen Monate – dann kam die Polizei zu dem Ergebnis, es sei ein Kind gewesen, das gespielt habe."

Die Ermittlungen wurden eingestellt

Dass der Täter fünf Mal versucht hatte anzurufen, dass es sich um eine tiefe Männerstimme handelte, dass eine Stimmanalyse hätte Klarheit bringen können – all das zählte nicht. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Fall erledigt. Für die Polizei. Nicht für Marta Durán. "Ich war in höchster Aufregung", sagt sie. "Denn in innerhalb von zwei Monaten hatten fünf Journalisten Morddrohungen bekommen, unter anderem ich. Wir kannten uns nicht untereinander. Aber drei von den fünf wurden ermordet."

Wer sich als Journalist mit Korruption, Drogenmafia und der Allianz zwischen Politik und organisierter Kriminalität beschäftigt, bewegt sich auf lebensgefährlichem Terrain, zumal in der Provinz: "Wenn du Lokalreporter bist und dich keiner kennt, dann bringen sie dich einfach um", sagt Durán. "Oder sie foltern dich. Aber nicht nur das: Sie machen Hackfleisch aus dir, sie zerstückeln den Körper, schmeißen ihn in den Abwasserkanal oder legen deinen Kopf vor die Eingangstür der Zeitung, für die du arbeitest. So ist es gerade im Bundesstaat Tamaulipas geschehen."

Die blanke Angst vieler Journalistinnen und Journalisten befördert die Selbstzensur. Sie schreiben über bestimmte Themen einfach nicht mehr. Die Verquickung von Politik und Drogenkartellen gehört dazu.

Pressefreiheit existiert nicht mehr

Wer kritisch nachfragt und investigativ recherchiert, muss mit Sanktionen der privaten Medienunternehmen rechnen. So wie Carmen Aristegui. Und auch Journalisten, die sich für ihre Hofberichterstattung – und für ihr Schweigen - bezahlen lassen, gibt es in Mexiko zuhauf. Pressefreiheit – eigentlich in der mexikanischen Verfassung als Grundrecht verankert – existiert nicht mehr. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung in diesen Tagen zum Thema veröffentlicht.

Und dennoch: Carmen Aristegui ist inzwischen wieder auf Sendung – jeden Morgen. Ihre Redaktionsräume, in die bereits nach wenigen Wochen filmreif eingebrochen wurden, sind in Mexiko. Aber ihre Sendung ist im World Wide Web. Die digitale Ausstrahlung macht sie unabhängig. Es gibt nur noch einen, der ihr die Arbeit streitig machen kann. Der Hörer – denn das Programm finanziert sich über Klicks: "Wir können unsere Arbeit machen, weil wir einen sehr guten Traffic haben, sehr, sehr viele Hörer", sagt sie. "Wir finanzieren uns über die Klickzahlen, und das läuft gut, wir haben sogar unsere Redaktion erweitert und konnten neue Ausrüstung kaufen für unsere Live-Sendung. Und ich vertraue einfach darauf, dass das Publikum und unsere Hörerschaft uns treu bleiben."

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