Kritischer Blick auf das sozialistische Ungarn

21.09.2007
Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas, einst mit Veröffentlichungsverbot belegt, betreibt eine sehr persönliche "Spurensicherung" jener Zeit. Die Texte in seinem Erzählungsband kreisen um das Ineinander von Anpassung und Widerstand, Partizipation und Verweigerung im sozialistischen Ungarn. Das Buch bietet auch Fotos des Autors.
Als Zeitschriftenfotograf und Journalist geriet Péter Nádas in den 1960er Jahren immer wieder in Konflikt mit den Richtlinien der KP Ungarns. 1968, als die Truppen des Warschauer Pakts gewaltsam den Prager Frühling beendeten, gab er die journalistische Arbeit auf und wurde freier Schriftsteller. Doch 1969, nach dem zweiten Erzählungsband, erhielt er ein siebenjähriges Veröffentlichungsverbot. Wenn der Schriftsteller nun in einem Band eine sehr persönliche "Spurensicherung" jener Zeit betreibt, dann scheint er über jeden Verdacht der Kollaboration erhaben. Doch so einfach liegt der Fall nicht.

Fünf sehr unterschiedliche Texte und eigene Fotos enthält das Buch. Sie kreisen um das "paranoide" Ineinander von Anpassung und Widerstand, Partizipation und Verweigerung im sozialistischen Ungarn: In "Liegengebliebene Aufzeichnungen eines Provinzjournalisten" erzählen Menschen von jahrelangen anonymen Diffamierungen eines beliebten Schuldirektors und davon, dass Funktionäre den Denunzianten deckten.

"Spurensicherung" schildert eine alte Villa bei Buda, die der ungarischen Staatssicherheit als geheime Folterstätte diente. Der Erzähler vergleicht die Räume des Anwesens mit Fotos, Skizzen und den im Samisdat kursierenden Memoiren "Freiwillige für den Galgen" des Häftlings Béla Szász’, einem der wenigen Überlebenden des ersten Schauprozesses 1949.

"Parasitäre Systeme" ist ein Essay über den "geistigen und mentalen Trümmerhaufen" des Kalten Kriegs, der, so Nádas, auf beiden Seiten der Mauer zu Lügen und Illusionen führte und bis heute führt. Die Erzählung "Heute" schildert eine ungenannte Schockerfahrung, die einen Jungen innerlich lähmt, während das äußere Leben ungerührt weitergeht.

Am Ende steht das Gespräch "Die Haut zu retten", in dem sich Nádas mit schmerzhafter Offenheit über seine Kontakte mit Kulturfunktionären und Verlegern äußert, über die Strategien, offenen Lügen und Kuhhändel beider Seiten.

Jeder dieser Texte ist für sich lesenswert und lässt an Péter Esterhazys schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Arbeit seines Vaters für die ungarische Stasi in "Verbesserte Ausgabe" denken. Nádas’ seltene Selbstvergewisserungen scheuen das Risiko der Selbstentblößung nicht, und er weiß als großartiger Autor, die moralischen Grautöne des Überlebenspragmatismus zu zeigen, das vergiftende Spiel des Kompromisses um des eigenen Wohls oder das der Freunde willen.

Dennoch ist "Spurensicherung" eine ärgerliche Angelegenheit: Es fehlen nicht nur Angaben zur Entstehungszeit der Texte. Es werden auch die zahlreichen erwähnten und dem hiesigen Leser meist unbekannten Personen, ob Freunde oder Funktionäre, nicht vorgestellt. Sogar die Biografie des Autors, die im Interview eingehend diskutiert wird, muss man sich zusammenreimen. So bleibt vieles unverständlich. In editorischer Hinsicht ist der von Ruth Futaky und Akos Doma übersetzte und eigens für den deutschen Leser zusammengestellte Band eine Katastrophe.

Ein Gutes hat er allerdings: Er macht darauf aufmerksam, was in Deutschland fehlt. Wie wünschenswert wäre ein solches Buch von einem deutschen Autor, besser noch von vielen! Doch die Deutschen haben, so hat Nádas einmal in einem Essay über Sascha Anderson geschrieben, gleich zwei Systeme, ein gutes und ein böses. Und statt sich selbst zu prüfen, gingen sie "in Deckung beim Guten". Péter Nádas zeigt, dass auch das vermeintlich schützende Gute die Totalität des eigenen Lebens beschädigen kann.

Rezensiert von Jörg Plath

Péter Nádas: Spurensicherung.
Aus dem Ungarischen von Akos Doma und Ruth Futaky
Mit Fotos des Autors
Berlin Verlag. Berlin 2007
172 Seiten, 16 Euro