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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2008

Kritische Töne in angepasster Optik

Das Theater an der Ruhr zeigt die "Theaterlandschaft Iran"

Von Stefan Keim

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Drei Frauen, grau gekleidet, erstarrt im Nirgendwo. Züge fahren vorbei, im Hintergrund zeigt die Bühne offene Toilettenkabinen. Niemand kommt, niemand geht. Hier ist Endstation, "Terminal" heißt das Stück des iranischen Theatermachers Siamak Ehsaei.

Manisch hackt eine Frau auf einem Hühnchen herum, die andere putzt den Boden, immer näher an den Rand des Wahns gleitend. Dabei erzählen sie von einem vergifteten Kaffee, der dann doch nicht getrunken wurde, von Blut das in den Schnee tropft, von verlorenen Männern. "Terminal" ist das Stück einer Übergangsgesellschaft ohne Ziel und Hoffnung. Es gibt keine Entwicklung, nach einer Stunde ist einfach Schluss. Wo soll es auch hingehen, wenn die Demokratisierung gestoppt wurde, der konservative Islam allmächtig zu sein scheint?

Mit diesem dichten, düsteren Stück der Emruz Teatre Group begann die "Theaterlandschaft Iran" im Theater an der Ruhr. Intendant Roberto Ciulli und sein Ensemble gastieren seit vielen Jahren beim Fadjr-Festival in Teheran, der Leistungsschau der iranischen Bühnen. Nun haben sie sechs heraus ragende Produktionen nach Mülheim eingeladen. Drei Tage lang laufen jeweils ein modernes und ein traditionelles Stück. Die Theatermacher wollen erkunden, ob das Neue und das Alte wirklich als Gegensätze zu denken sind, ob es nicht Verbindungspunkte gibt, interessante Vermischungen von Form und Inhalt.

"Sacrificed" – Geopfert – heißt das Stück einer Studentengruppe, die mit ziemlich groben, derben Mitteln naives Volkstheater spielt. Autor und Regisseur Sirous Hemmati ist Professor an der Universität von Teheran. Er erzählt von einem Mann, der als Kind Schlachter werden wollte, später aber von diesem für religiöse Riten zentralen Beruf nichts mehr wissen will. Parallel versucht auch ein Schaf – gespielt von einer jungen Schauspielerin – seinem Schicksal als Opfertier zu entkommen. Beide sehen ein, dass sie sich fügen müssen. Dieser konservative religiöse Lehrstoff kommt zwischendurch recht witzig daher. Interessant ist vor allem der Technikeinsatz. Wie in "Terminal" gibt es Videoeinspielungen, westliche Musik mit groovendem Rhythmus begleitet das fromme Finale. Auch wenn die Botschaft brav bleibt, probieren die Studenten experimentelle Formen aus. Tradition und Moderne sind hier kein Widerspruch.

Im Vergleich zu iranischen Theatergastspielen der Vorjahre ist die Bildersprache vorsichtiger geworden. Alle Frauen tragen Kopftücher, die nicht allzu weit nach hinten rutschen. Berührungen zwischen Mann und Frau sind ohnehin tabu. In "Terminal" sitzt eine Schauspielerin mit offenen, langen weißen Haaren auf der Bühne. Bald steht sie auf, die Frisur bleibt zurück, es ist eine Perücke, unter der sie selbstverständlich ein Kopftuch trägt. So spielen die Theatermacher mit den Vorgaben der Zensur, zeigen die Grenzen ihrer Freiheit. Wobei laut Roberto Ciulli die Zensoren im Iran keine Theaterfeinde sind, im Gegenteil. Es sind Regisseure, die auf Zeit dieses Amt ausüben und als eine Art Mittler fungieren zwischen den Vorgaben der Mächtigen und den Ideen der Theaterkünstler. "Viele Zensoren sind meine Freunde", sagt Ciulli. Die "Theaterlandschaft Iran" schärft den Blick, löst das Schwarzweiß der Medienberichte in ein in vielen Schattierungen schillerndes Grau auf, in dem das Leben im Iran statt findet. Für die Theatermacher ist die Lage allerdings schwieriger geworden, Präsident Ahmadineschad und seine Regierung sind keine Freunde künstlerisch-politischer Meinungsäußerungen.

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