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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.08.2016

Kritisch, aber gläubigRio Reiser und die Religion

Hannes Eyber im Gespräch mit Philipp Gessler

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Rio Reiser, der eigentlich Ralph Christian Möbius hieß, auf einem Bild aus den späten 80er-Jahren. (Imago Stock & People/teutopress)
Rio Reiser, der eigentlich Ralph Christian Möbius hieß, auf einem Bild aus den späten 80er-Jahren. (Imago Stock & People/teutopress)

So wenig der vor 20 Jahren verstorbene Rio Reiser auch mit der Amtskirche anfangen konnte, so stark sei sein Interesse für Religion gewesen, sagt sein Biograph Hannes Eyber. Der Sänger habe jeden Tag in der Badewanne die Bibel gelesen.

Philipp Gessler: Gestern vor 20 Jahren starb auf einem Hof in Schleswig-Holstein, im nordfriesischen Fresenhagen, Rio Reiser mit gerade einmal 46 Jahren. Reiser, mit bürgerlichem Namen Ralph Christian Möbius, war einer der bedeutendsten Liedermacher deutscher Sprache in den 70er- bis 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine Ikone der linken Szene, gerade in Berlin, vor allem im alternativen Kreuzberg. Nicht besonders bekannt ist Rio Reisers religiöse oder spirituelle Seite, obwohl sie einen in seinen Liedtexten manchmal geradezu anspringt. Über diesen Aspekt habe ich mit Hannes Eyber gesprochen. Eyber war ein Freund Rio Reisers und hat mit ihm seine Autobiographie "König von Deutschland" geschrieben. Meine erste Frage an Eyber war, ob er noch häufig an seinen alten Freund Rio denke.

Hannes Eyber: Ja, also, ich meine, das war schon eine sehr intensive Zeit, und als ich da die Nachricht bekam, dass er gestorben ist, das hat mich nicht nur beeindruckt, sondern sehr traurig gemacht. Eigentlich war er so eine Art Lebensgefährte, was mein eigenes Leben betraf.

Ein sexueller Leidensweg

Gessler: Darf ich Sie direkt fragen – Lebensgefährte auch im Sinne von …

Eyber: Nicht in erotischer Art. Also da waren wir grundverschieden, aber ich hatte dadurch, dass wir eine sehr intensive Nähe hatten, so habe ich seinen sexuellen Leidensweg doch wahrgenommen und mitbekommen.

Gessler: Aber es war ja nicht nur ein Leidensweg. Er hatte ja Freunde.

Eyber: Ja, aber – ich spreche mal von Liebe –, wenn man Liebe meint, meint man ja, das auch immer glauben zu müssen, dass Liebe was Ewiges ist, und ich glaube, bei ihm war es genauso, dass er sich, da er ja als Homosexueller jetzt speziell auf jüngere Menschen fixiert war, waren da immer ganz große Enttäuschungen verbunden. In die Jungs, in die er sich verliebt hatte, musste er dann häufig dann doch häufig feststellen, dass die nach 14 Tagen irgendwie sich verheiratet hatten oder irgendwie andere Freunde. Also das hat nie funktioniert, und ich meine auch, dass das ein Grund ist für seine schönen Liebeslieder.

Legenden über seinen Tod

Gessler: Er ist jetzt beinah vor 20 Jahren gestorben. Es ist etwas unklar, woran er gestorben ist.

Eyber: Da werden dann so Legenden gebildet. Das war eine ziemlich klare Angelegenheit. Er war schwerer Alkoholiker und ist an einem Alkoholikersymptom gestorben, das heißt Ösophagusvarizen. Das ist eine Krampfader, die sich im Schlund bildet, wenn die Leber nicht funktioniert, und diese Krampfader ist geplatzt und eigentlich ist er erstickt.

Gessler: Wir wollen aber über Rio Reiser als Künstler sprechen. Es sind seine Texte und Lieder so stark, dass sie noch heute viele Menschen bewegen. Vielleicht sogar fast noch mehr als zu Lebzeiten, habe ich mittlerweile den Eindruck. Der religiöse Bezug ist in vielen von denen sehr deutlich. Haben Sie Rio Reiser als einen religiösen Menschen erlebt?

Eyber: Ich will mal so sagen, als gläubigen Menschen, was wir also jetzt im kirchlichen Sinne glauben, nicht, aber er hat sich speziell mit der Bibel, mit all den Texten sehr, sehr stark beschäftigt, und das schon von Kindheit an, also war für ihn die Bibel irgendwie so eine Fundstätte nicht nur von Geschichten, sondern auch von Argumenten, wie das reale Leben häufig an der Bibel vorbeiging, und das hat ihn eigentlich lebenslänglich nicht nur geprägt, sondern er hat sich lebenslänglich damit beschäftigt, aber nicht als Kirchgänger oder als praktizierender Christ. So habe ich ihn nie erlebt.

Gessler: Also war der Glaube von ihm, wenn man das beschreiben kann, vielleicht schon ein Glaube an Gott oder eher das Nutzen der Bibel als eine Art Quelle für seine Inspiration.

Eyber: Erst mal Letzteres. Ich glaube, es war mit eine Quelle für seine Inspiration, aber auch es war ein Teil, von dem er daran geglaubt, dass es nicht eine Religion gibt, und das war, glaube ich, auch sein Credo oder sein Glaubensbekenntnis zu Karl May. Er hat mir gerade in der Richtung ein paar Stellen immer vorgelesen, in denen Karl May ja auch irgendwie nicht von einer Religion sprach, sondern von Religionen. Also da kam alles zusammen, eigentlich schon fast mehr im Lessingschen Sinne, also dass Christentum, Judentum, der Islam eigentlich ja alle aus der gleichen Quelle entstammt sind. Hinzu kommt jetzt die Rockmusik, eben diese Magie und Mystik und Okkultismus, der in den 60er-Jahren bei den bekannteren Rockmusikern irgendwie ein bisschen angesagt war. Ich meine, da gehörten die Stones zu, da gehörte Led Zeppelin zu, da gehörten also verschiedene angesagte Bands zu, die sich auch ein bisschen, glaube … Also für alle beeindruckend war die Figur des Jesu, so als Leitfigur. Ich meine, manche neigen ja dazu, zu sagen, dass er eine Art Popstar war.

Gessler: Jesus Christ Superstar – das kommt ja aus der Zeit.

Eyber: Also das ist dann die Ableitung. Das war dann schon das Verwässerte daran. Das war ja dann das Musical, glaube ich, Ende der 60er-Jahre, was dann daraus entstanden ist.

Gessler: Also es war viel Spiritualität auf jeden Fall, aber wenn man in seine Biografie schaut, ist natürlich schon auffällig, Religion war sein Lieblingsfach, im Grunde das einzige Fach, in dem er richtig gut war. Er kommt aus einer Familie, bei der die Eltern aus der bekennenden Kirche stammten, hat fast täglich in der Bibel gelesen.

Eyber: Bis zum Schluss.

Gessler: Bis zum Schluss. Haben Sie mal mit ihm über seinen Glauben direkt gesprochen oder nicht?

Eyber: Ich hoffe, da jetzt nichts Falsches zu sagen. Ich hatte den Eindruck, dass er im christlichen Sinne kein Gläubiger war. Er glaubte irgendwie an die grundlegende Gerechtigkeit im Menschen, und davon glaubte er, und das ist dann vielleicht auch so immer ein bisschen das Defizit von so außergewöhnlichen Menschen, dass sie glauben, dass sie eventuell diese Gerechtigkeit und diese Wahrheit vertreten, verkörpern und auch gleichzeitig so eine Art Form von Märtyrertum auf sich tragen. Er hatte gesagt, wenn es möglich wäre, dass ich alles Schlimme, Schlechte, alles, was in dieser Welt nicht passieren sollte, aber passiert, auf mich laden könnte, dann wäre ich erlöst. Das war sein Credo.

Gessler: Also eine Märtyrergestalt, eine Jesus-Gestalt fast.

Eyber: Das war schon so ein bisschen die Neigung. Ich meine, er hat jeden Tag gebadet zum Schluss und jeden Tag in der Badewanne in der Bibel gelesen und geblättert, und immer wieder mit irgendeinem neuen Kapitel ist er zurückgekommen, und darüber hat man geredet, aber was ihn sehr beschäftigt hat, war zum Schluss Johannes-Evangelium und die Bergpredigt. Das waren schon so die Headlines, mit denen er sich beschäftigt hat, und das, muss man schon sagen, sehr intensiv, und wie gesagt, seit frühster Jugend. Das hat ihn immer begleitet.

"Manchmal auch ein bisschen schwülstig"

Gessler: Und mit der Amtskirche konnte er gar nichts anfangen, oder?

Eyber: Da hat er keinen Kontakt gehabt. Ich meine heute, dass auf einem evangelischen Kirchentag Lieder von Rio Reiser nicht der falsche Ort wären.

Gessler: Hat man oft den Eindruck, wenn man sie liest, es sind tatsächlich sehr viele Bezüge zur Bibel, aber sie schweifen dann in der Regel immer wieder ab, und sie kriegen eine Art poetischen Wert.

Eyber: Sie haben was ein bisschen Poetisches, manchmal auch ein bisschen schwülstig und kitschig, aber dagegen ist ja nichts einzuwenden, aber dass er versucht, irgendwie Leid, Gutes wie Schlechtes, auf sich zu ziehen, das kann man schon in den Texten, wie sagt man, rauslesen und raushören, auch vor allen Dingen in seinem Vortrag. Da muss man sagen, er hat immer, um es mal ein bisschen übertrieben auszudrücken, geblutet. Das war immer ernst, es ging immer, aus meiner Sicht, um Leben und Tod, wenn der auf der Bühne stand.

Gessler: Und mit dieser, sagen wir mal, Spiritualität, die er ausgedrückt hat auch auf der Bühne, wurde er da manchmal gerade in linken Kreisen, und er war ja mitten in der linken Szene drin, wurde er da manchmal ein bisschen schief angeschaut?

Eyber: Ich glaube, das war nicht der Fall, weil er in dem Moment so authentisch war, dass die mehr davor … Das war so beeindruckend, dass sie das irgendwie glaubten, er ist auf unserer Seite, also mit der Kraft, mit der er da seine … das ging jetzt nicht ins Spirituelle rein, sondern es ging mehr in die Sache, der hat den Rock, der hat die Power. So. Es ging mehr um, wenn man spricht von den Linken oder von den Veranstaltungen, auf denen die gespielt hatten, ging mehr um, werden wir bezahlt. Das war meistens die linke Auseinandersetzung, sollte alles umsonst sein. Also dass Musiker auch essen, trinken und schlafen müssen, das wurde eigentlich dann … ach, Geld wollt ihr auch. Das war so eine Haltung. Was aber viel mehr war als jetzt das Spirituelle, war das Sexuelle. Die Sache mit dem Schwulsein oder Homosexuellsein, das war in der Zeit, wir sprechen von den 70er-Jahren, kein Thema beziehungsweise das spielte ganz woanders statt. Da muss ich noch dazusagen, dass Rio für mich nicht das Klischee des Homosexuellen erfüllt hatte. Er war eben gar nicht promiskuitiv, er hat sich nicht in den Schwulenkneipen und Schwulensaunas rumgetrieben. Also bei ihm war eben diese Neigung, dass er sich … sich verlieben in unschuldige Knaben. Das war mehr so die Richtung.

"Den Glauben hat er noch gehabt"

Gessler: Das wir heute negativ sehen, ich finde auch, zu Recht negativ sehen. Jetzt hat Rio Reisers Glaube oder seine Spiritualität ja auch viel mit diesen, sagen wir mal, sozialistischen Gedanken zu tun, wenn wir urchristlich alle teilen alles. Es gibt ja da durchaus Verbindungen oder die Bewahrung der Schöpfung, Bewahrung der Natur, die dann später in den 80er-Jahren in seinen Texten auch immer wichtiger wurde. Also sehen Sie das auch so?

Eyber: Ja, ich glaube, das war die Verbindung. Ich glaube, das war auch dann die Brücke … Das haben wir ja da auch irgendwie dargestellt, dass in seiner Familie da mit seinen verschiedenen Brüdern, also sein einer älterer Bruder, der hatte ja mehr so dieses, wie kann man das nennen, also nicht linke Christentum, aber der hatte sich irgendwie auch in diese Richtung entwickelt, und sein älterer Bruder kam so Mitte der 60er-Jahre, auch wahrscheinlich hervorgerufen durch den Vietnamkrieg, mehr mit der linken Ideologie, und da hat sich was nicht nur gemischt, sondern was gedeckt. Ich meine, das Ziel war ja, alle sind gleich, aber dass irgendwie so eine Gleichheit hergestellt wird, dass ein gemeinschaftliches Leben möglich ist, das fängt im Kleinsten an. Also auch dieses Wort Kommune kam ja damals raus durch die …, was dann immer wieder im Munde ist, weil hier durch diese Berliner Kommune, die da also doch mehr so eine Zeitungskommune war, das hat sich … bis zu seinem Lebensende hat er daran, wenn wir vom Glauben sprechen, geglaubt, dass das möglich sei, was aber häufig mit großen Schwierigkeiten verbunden ist.

Gessler: Aber der Glaube daran war dann immer noch stark.

Eyber: Er wurde ja da auch, das muss man sagen, zum Schluss seines Lebens, er wurde ja auch ein bisschen oder sehr intensiv dadurch geschützt. Er wusste immer, wo er hingehen konnte. Wenn er draußen in der Welt als Solist seine Kunst gemacht hat, und wenn er dann sehr erschöpft wiederkam, ging er eigentlich in seine Burg zurück, in der da seine Mitbewohner waren, und die waren natürlich zum Schluss nicht mehr allzu viele. Den Glauben hat er noch gehabt, aber der wurde natürlich getrübt, dass das nicht immer so funktioniert.

Gessler: Vielen Dank, Herr Eyber! Das war ein Gespräch mit Hannes Eyber, den Mitautor der Autobiografie von Rio Reiser, "König von Deutschland: Erinnerungen an Ton Steine Scherben und mehr", mit einem Vorwort von Rocko Schamoni, bei Kiepenheuer und Witsch erschienen beziehungsweise neu aufgelegt, 328 Seiten, 9,99 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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