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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.04.2011

Kritiker: Ein Musical kann auch experimentell sein

Mit "Cats" begann vor 25 Jahren die Musical-Ära in Deutschland

Andreas Luketa im Gespräch mit Katrin Heise

Musical "Cats" gastieren wieder in Berlin - diesmal im Theaterzelt am Hauptbahnhof (picture alliance / dpa)
Musical "Cats" gastieren wieder in Berlin - diesmal im Theaterzelt am Hauptbahnhof (picture alliance / dpa)

Musicals mit unbequemen Themen oder atonaler Musik suche man hierzulande noch vergebens, sagt der Kritiker Andreas Luketa. Er lobt aber den "Gleichstand" zwischen erfolgreichen nationalen und internationalen Produktionen auf unseren Bühnen.

Katrin Heise: Nach klassischen Musicals von Bernstein und Gershwin und Rock-Musicals wie "Hair" war es das moderne Musical eines Andrew Lloyd Webber, das die Besucher bis heute zu Tausenden in die Musikarenen hineinlockt. Was in New York und London funktioniert, das könnte doch auch in Deutschland ein Erfolg werden – das dachte sich der Produzent Friedrich Kurz und holte das Musical "Cats" nach Hamburg, heute vor 25 Jahren ging es an den Start. 'Totengräber des Theaters' wurde er darauf von Kritikern genannt, ein Vierteljahrhundert später laufen weitaus mehr Stücke in ganz Deutschland.
Und jetzt habe ich einen Liebhaber und Experten des modernen Musicals am Telefon, der Kritiken und Bücher über Musicals schreibt, ein entsprechendes Plattenlabel gegründet hat, ein Musicalfachgeschäft betreibt und Konzertveranstalter ist. Guten Morgen, Andreas Luketa!

Andreas Luketa: Guten Morgen, Frau Heise!

Heise: Ihre Leidenschaft – so kann man es ja wirklich nur noch nennen, wenn man das alles aufzählt, was Sie mit Musicals zu tun haben – hat vor 23 Jahren so ungefähr begonnen, mit "Starlight Express" in Bochum. Da lief "Cats" bereits zwei Jahre, mit wachsenden Zuschauerzahlen. Können Sie sich noch erklären, warum selbst Andrew Lloyd Webber nicht an diesen Erfolg in Deutschland geglaubt hat?

Luketa: Nun ja, man hat sich natürlich damals auf ein unerforschtes Territorium gewagt, denn hier in Deutschland, im Gegensatz zu New York und London, gab es ja noch keine Musicalkultur in diesem Sinne. Es gab einige Musicalproduktionen im Stadttheaterbereich, da lief der "Anatevka"- und "My Fair Lady"-Boom nach wie vor, man versuchte mit Klassikern wie "West Side Story" das Publikum glücklich zu machen. Was auch gelungen ist, aber es gab halt keine Theater mit 1000 oder 1200 Plätzen, wo ein Musical so wie am Broadway oder im West End en suite, also für einen längeren Zeitraum mehrere Wochen, Monate, Jahre an einem Ort zu sehen ist. Und das war natürlich für alle Beteiligten erst mal ein Wagnis: Können wir das deutsche Theaterpublikum oder überhaupt die Deutschen für diese Form des Theaters, die kommerziell angelegt ist und die breite Masse begeistern sollte, können wir die dafür gewinnen? – Das hat ja ganz gut funktioniert!

Heise: Lassen sich denn Musicals, die in New York oder London funktionieren, einfach so nach Deutschland übertragen, ist das so ohne Weiteres möglich?

Luketa: Nein, ohne Weiteres ist das nicht möglich, weil man muss immer schauen, wie sind die Musicals angelegt zum Beispiel vom Humor her. Bei Comedy-Musicals muss man schauen, trifft dieser Humor, der vielleicht in Großbritannien die Leute entzückt, trifft der den Geschmack der Deutschen? Oder aber auch vom inhaltlichen Sujet her, also in London und New York hat ja Musical eine mehr als 100 Jahre lange Tradition, da sind sozusagen die Fortgeschrittenen, die ins Theater gehen und auch ins Musical gehen, da gibt es Musicals mit recht unbequemen Themen, es gibt Musicals mit atonaler Musik, mit experimentellen Elementen. So weit sind wir hier in Deutschland noch nicht.

Heise: Entwickeln wir uns dahin oder bleiben wir konventioneller?

Luketa: Wir entwickeln uns langsam dahin, weil die Tradition des Musicals, die natürlich durch die großen Theater entfacht worden ist oder begonnen hat, entwickelt sich jetzt immer weiter auch in die kleineren Theater. Also man sieht, immer mehr Stadttheater, immer mehr unabhängige Produktionsfirmen gehen mutige Schritte, bringen bekannte, in New York bekannte Komponisten wie Stephen Sondheim oder Michael John La Chiusa auch einfach mal nach Deutschland, in kleineren Hallen, um einfach zu sehen, wie funktioniert das. Wir sind da auf dem richtigen Weg, müssen natürlich momentan, wenn wir kommerziell denken, weil Shows, die in so einem großen Rahmen laufen, kosten halt sehr, sehr viel Geld ... In dem großen Bereich wird es noch ein bisschen dauern, bis wir da die richtig anspruchsvollen Kracher aus Amerika und London bekommen, aber wir sind auf dem richtigen Weg, das denke ich schon.

Heise: Aber müssen wir denn eigentlich immer aus Amerika oder Großbritannien importieren, oder wie laufen rein deutsche Musicals?

Luketa: Ja also momentan haben wir da so einen ganz guten Gleichstand, finde ich, was ich sehr, sehr erfreulich finde. Also wir haben einige Hits nach wie vor aus Amerika und Großbritannien, die hier sehr, sehr erfolgreich sind, "Tarzan" oder "Starlight Express", "Wicked – Die Hexen von Os", oder "Lion King", also "Der König der Löwen". Aber wenn wir so ein bisschen genauer hinschauen, gibt es auch viele Hits, die aus deutschen oder österreichischen Landen stammen, also zum Beispiel "Ich war noch niemals in New York", was ja sehr, sehr erfolgreich ist in Stuttgart und Wien gerade, "Tanz der Vampire", was wirklich ein Phänomen ist seit vielen, vielen Jahren, "Hinterm Horizont", das Udo-Lindenberg-Musical bricht da auch glaube ich alle Verkaufsrekorde, wie ich gehört habe. Und "Elisabeth", das Musical über die Kaiserin Sissi, ist auch ebenfalls seit über zehn Jahren ein großer Erfolg und wird jetzt auch wieder demnächst auf Tournee gehen. Also es gibt da glaube ich gerade einen Gleichstand, was ich auch ganz gut finde und wichtig finde für unser eigenes Bewusstsein, denn immer nur importieren und nicht selber machen ist irgendwie feige.

Heise: Die deutsche Musical-Ära begann heute vor 25 Jahren mit der "Cats"-Aufführung in Hamburg, wir erinnern uns mit dem Konzertveranstalter Andreas Luketa. Herr Luketa, 'Totengräber des deutschen Theaters', so wurden Musicalproduzenten damals genannt. Aber statt Theatertod ist ja eine ganze Industrie daraus entstanden, in Hamburg ganze Hallen, in Köln, auch in anderen, in Bochum. Wie schnell ist dieser Markt eigentlich gewachsen?

Luketa: Der Markt ist eigentlich relativ schnell gewachsen und auch am Anfang ein ganz klein bisschen zu schnell gewachsen. Also so eine Goldgräberstimmung bringt natürlich auch immer negative Elemente mit. Also es gab zum einen Firmen, die ernsthafte Produktionen aufgebaut haben, aber es gab natürlich auch viele, die irgendwie gedacht haben, wir können jetzt mal mit ein paar Investoren richtig schnell richtig viel Geld machen. Und das hat natürlich nicht funktioniert. Und damals war es halt so, dass ... Einige Musicals waren sehr erfolgreich und wurden also auch entsprechend wahrgenommen, aber jeder Flop, der sich abzeichnete, also wenn mal irgendein Musical nicht funktioniert hat, wurde dann auch direkt dann sehr, sehr gerne vom Feuilleton her das Musical in Deutschland wieder totgeschrieben. Es gab dann wirklich immer ganz große Artikel: Ist das Musical am Ende? – Und das lag natürlich darin begründet, dass wir damals, als diese Welle vor 25 Jahren losging, wir so in Deutschland hier mitten im Regietheater standen, der Regisseur war also der Held des Theaters, der durfte seine Visionen, unabhängig ob das Publikum das mochte oder nicht, durfte das umsetzen, und das traf halt nicht immer so den Geschmack des Musicals. Und darunter litten auch so ein bisschen die Besucher, ich erinnere mich, damals gab es immer viel Tumulte, weil in jeder Oper irgendein Nackter über die Bühne rennen musste, damit man in ist. Und das war so ein bisschen am Publikum teilweise auch vorbei gedacht. Und ich glaube, diese Aufregung damals gründete auch darin, dass die Produktionen, die halt importiert wurden, da gab es halt keine Freiheit für den Regisseur. Die waren von A bis Z komplett durchdesignt und die wurden halt sozusagen geklont nach Deutschland gebracht. Und viele haben damals halt nicht gesehen, dass die Möglichkeit, einfach mal eine kommerzielle Art des Theaters nach Deutschland zu bringen, auch ganz, ganz viele tolle neue Möglichkeiten bringt – zum Beispiel Millionen Menschen die Angst überhaupt vor einem Theaterbesuch nimmt. Ich glaube, ganz viele Leute, wenn man jetzt eine Umfrage machen würde, waren zum ersten Mal in einem Musical bei ihrem Theaterbesuch und haben dadurch aber auch überhaupt diesen Bereich des Theaters für sich entdeckt. Und ich finde das sehr, sehr schön und sehr, sehr wichtig.

Heise: Und gleichzeitig haben sich die Städte dann aber auch irgendwann richtig darauf verlassen, die Touristen busseweise zu bekommen. Das ist natürlich dann auch nicht ganz so einfach, sich da immer zu einigen?

Luketa: Nein, das ist nicht so einfach gewesen und es gab ja irgendwann auch so eine Art Überangebot. Und das ist ja auch der Firma Stella damals dann nicht so gut bekommen, die Firma Stella ist ja insolvent gegangen, und das war natürlich damals hier in Deutschland ein Schock, weil das frische Pflänzchen, was so wunderbar gedeiht ist, war dann plötzlich gar nicht mehr da. Und glücklicherweise hat die Firma Stage Entertainment die meisten Theater der Stella übernommen und sozusagen den Weg weitergeführt und dahingeführt, dass wir jetzt hier in Deutschland, wie ich finde, eine recht gesunde Musicalstruktur haben, die wunderbar aufgewirrt ist zwischen großen Produktionen und immer spannender werdenden kleinen Produktionen, die das ganze Bild so ein bisschen bunter machen. Das ist fein.

Heise: Andreas Luketa, Konzertveranstalter, Musicalkritiker und Fachgeschäftbetreiber, was Musical betrifft. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Herr Luketa, schönen Tag noch!

Luketa: Ja gerne, Ihnen auch, Frau Heise, danke!

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Rockoper Jesus Christ Superstar
Knallharte Story, watteweiche Musik <br> Das "schöne" Unglück in Stephen Sondheims Musical "Passion"

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