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Sein und Streit | Beitrag vom 05.07.2020

Kritik der karpologischen VernunftÄpfel mit Birnen vergleichen? Das geht!

Von Arnd Pollmann

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Äpfel und Birnen auf einer alten Waage. (Picture Alliance / DPA / Keres / Helga Lade)
Äpfel und Birnen kann man sehr wohl vergleichen, meint der Philosoph Arnd Pollmann - denn vergleichen kann man nur, was verschieden ist. (Picture Alliance / DPA / Keres / Helga Lade)

Endlich mal ein Kommentar, der nichts mit schwierigen Debatten zu hat - nichts mit der Vergleichbarkeit von historischem und gegenwärtigem Unrecht oder von Polizei und Müll. Hier geht’s einfach um Obst, oder? Eine kritische Karpologie, also Fruchtkunde.

Sicher, man sollte bei Vergleichen stets ein wenig vorsichtig sein. Wer hochgradig verschiedene Dinge in einen Topf schmeißt, bekommt in hitzigen Debatten rasch zu hören: "Man kann doch wohl nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!" Aber das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Denn natürlich kann man Äpfel mit Birnen vergleichen!

Fragen wir die biologische Fruchtkunde, die "Karpologie": Äpfel und Birnen gehören beide zur Pflanzensippe der Kernobstgewächse. Sie sind roh genießbar, trotz Schale. Äpfel haben oft mehr Vitamin C und weniger Kalorien, Birnen dafür einen geringeren Säuregehalt und mehr Mineralstoffe. Man kann aus beiden Früchten Saft und auch Schnaps machen. Der Apfel kommt viel häufiger in der Weltliteratur vor, die Birnenform dagegen im Innendesign. Übrigens gibt es auch eine Gesäßforschung, die vergleicht nicht nur Äpfel und Birnen, sondern gleich auch noch Hintern in Pfirsich-, Tomaten- und Kartoffelform.

"Gleichheit" und "Identität"

Wer Vergleiche dieser Art für anstößig hält, sollte wissen, dass ein Vergleich nicht schon impliziert, dass die verglichenen Phänomene gleich sind. Denn dann verwechselt man "Gleichheit" mit "Identität". Wann immer sich zwei Dinge derart ähneln, dass sie nicht bloß gleich, sondern miteinander identisch sind, gibt es keine Unterschiede mehr zwischen ihnen. Wenn es aber keine Unterschiede mehr gibt zwischen X und Y oder genauer zwischen X und X, dann kann man sie auch nicht länger "vergleichen".

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Eben das meint der Besserwisser, wenn er beim Party-Smalltalk darauf beharrt: "Das Gleiche" und "dasselbe" sind eben nicht dasselbe. Gleichheit setzt immer ein gewisses Maß an Verschiedenheit voraus, sie ergibt sich jeweils nur in besonderen Hinsichten und im Rückgriff auf das sogenannte tertium comparationis. Man braucht ein passendes Vergleichs­kriterium. Im Fall der Früchte: Vitamin C oder Destillierbarkeit. Aber Ähnliches gilt etwa auch für Eier, ob weiß oder braun, oder sogar für Zwillinge.

Fruchtlose Debatten

Folglich kann eine Debatte über Dinge, für die hier metaphorisch Äpfel und Birnen stehen, auf doppelte Weise verweigert werden: Man kann es sich zu leicht machen und behaupten, dass zwei Dinge strikt unvergleichlich sind, obwohl man sie sehr wohl vergleichen könnte. Und man kann beide Dinge allzu rasch in einen Topf werfen, um daraus rhetorisch Mus zu kochen und Unterschiede gezielt zu verwischen.

Beide Strategien – die Behauptung prinzipieller Unvergleichbarkeit ebenso wie die differenzblinde Gleichmacherei – mögen intellektuell für eine gewisse Entlastung sorgen. Aber, um im Bilde zu bleiben: Sie sind beide fruchtlos. Denn man beraubt sich des eigenen kritischen Urteilsvermögens.

Arnd Pollmann schaut freundlich in die Kamera. (privat)Arnd Pollmann ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. (privat)

Zumindest die Philosophie muss den Hang zur diskursiven Entdifferenzierung ebenso verdammen wie das Aufbauschen totaler Verschiedenheit. Die Philosophie beschäftigt sich mit Begriffen. Und Begriffe dienen nicht bloß der Benennung von Dingen, sondern vor allem auch ihrer Einordnung und Unterscheidung. Nur wer theoretisch zu unterscheiden vermag, kann auch Vergleiche anstellen, und nur wer vergleichen lernt, ohne gleichzusetzen, trainiert auch das Differenzieren.

Gleichheit trotz Differenz

Auf Latein heißt "unterscheiden" übrigens discriminare. Wenn es praktisch oder gar politisch wird, gilt Diskriminieren bekanntlich als schlecht. Gerade dann aber wird es wichtig: Nur wer eine gewisse Gleichheit zwischen X und Y zu erblicken vermag, kann auch deren Gleichwertigkeit behaupten. Nur wer deren Differenzen sieht, kann auch die differenzbasierte Abwertung des einen gegenüber dem anderen kritisieren. Wer nicht länger theoretisch diskriminiert, wird notwendig blind für praktische Diskriminierung. Und wer praktische Diskriminierung anprangern will, muss trotz aller relevanten Unterschiede stets auch die Gleichheit der Dinge im Auge behalten. Am Baum dieser Erkenntnis hängen Äpfel und Birnen.

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und Mitherausgeber des philosophischen Onlinemagazins Slippery Slopes.

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