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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.01.2014

Kritik an Markus Lanz"Es ist schon eine massive Dimension"

Social Media-Experte über die Folgen eines Shitstorms

Bernhard Jodeleit im Gespräch mit Julius Stucke

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Fernsehmoderator Markus Lanz steht am 14.12.2013 in Augsburg (Bayern) vor Beginn der ZDF-Show "Wetten, dass..?" auf der Bühne. (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
Fernsehmoderator Markus Lanz musste in Sozialen Netzwerken massive Kritik an seinem Interview mit Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht einstecken. (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)

Mehr als 150.000 User haben eine Petition gegen Fernsehmoderator Markus Lanz unterzeichnet - wegen eines missglückten Interviews. Der Shitstorm sei so gewaltig, weil Massenmedien in die Berichterstattung eingestiegen sind, sagt Bernhard Jodeleit.

Julius Stucke: Morgen Abend steht er wieder vor der Kamera. Millionen Deutsche werden zuschauen wie immer: "Wetten, dass" mit Markus Lanz. Die eine oder andere Kritik gibt es nachher sicher auch, das ist nichts Ungewöhnliches. Aber diesmal fällt das mitten in einen Sturm der Entrüstung im Internet, einen Shitstorm sondergleichen. Der Stein des Anstoßes: Ein Interview in seiner Talkshow vergangene Woche mit der Linken Sahra Wagenknecht. Die Kritik: Er sei unsauber mit ihr umgegangen und habe sie nicht ausreden lassen.

Ob das ein sauberes Gespräch war oder nicht, darüber machen Sie sich, wenn Sie es nicht gesehen haben, am besten selber ein Bild. Aber über die Folge, über den Shitstorm wollen wir sprechen mit Bernhard Jodeleit, Fachmann für Social Media, Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur in Stuttgart. Guten Morgen, Herr Jodeleit!

Bernhard Jodeleit: Guten Morgen.

Stucke: Eine Online-Petition mit dem Titel "Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr", die hat jetzt schon mehr als 150.000 Unterzeichner. Überrascht Sie die Dimension dieser Entrüstung?

Jodeleit: Es ist schon eine massive Dimension und es ging auch sehr schnell. Aber dass es jetzt 160.000 bereits sind in den nächsten Stunden, wovon ich ausgehe, liegt auch daran, dass Reichweiten-Medien aufgesprungen sind und darüber berichtet haben.

Stucke: Das heißt, so ein Shitstorm ist häufig, höre ich daraus, ein kurzer Sturm. Aber wenn dann andere aufspringen und das zum großen Thema machen, dann …

Jodeleit: Das ist genau der Punkt. Jeder geht immer davon aus, dass ein Shitstorm auf Facebook, auf Twitter wahnsinnig schlimm sei für Unternehmen oder auch für Prominente. Meinungsforscher haben aber nachgewiesen, dass die repräsentative Meinung in der Bevölkerung durch so eine reine Online-Eskalationswelle gar nicht messbar, wirklich messbar beeinflusst wird. Der Knackpunkt ist, dass Journalisten heutzutage Social Media-Plattformen durchaus verfolgen, auch die Journalisten der führenden Titel, und so haben wir jetzt auch gesehen, dass über die Lanz-Geschichte große Medien berichtet haben. Das wiederum sorgt natürlich auch für Zulauf für die Petitionsplattform, die teilweise in den Online-Berichten dann auch verlinkt ist.

Stucke: Das heißt, es kommt darauf an, ob das ganze ein Problem ist oder nicht, ob große Medien darauf anspringen. Dementsprechend vermutlich auch unterschiedlich Ihre Antwort auf die Frage: Wie sollten Betroffene denn reagieren?

Jodeleit: Das ist richtig. Es ist ein Stück weit Kern meiner Tätigkeit, Unternehmen darauf vorzubereiten und zu diskutieren, was kann man tun, und oft kann man schon absehen, wie interessant das Thema für die Medien werden könnte, wie groß die Wellen schlagen könnten. Das ist natürlich wichtig, dass man sich im Vorfeld darauf vorbereitet. Jeder denkt nun, das sei was völlig neues; ist es aber nicht. Es gibt schon seit vielen, vielen Jahrzehnten die Disziplin der Krisenkommunikation. PR-Fachleute reden da von Issue Management und das ist eigentlich nichts anderes, als seine journalistischen Hausaufgaben zu erledigen, ganz ehrlich zu schauen, wozu kann ich stehen, was kann ich im Zweifel auch aussitzen oder mit stolz geschwellter Brust beantworten und sagen nein, das ist richtig, wie ich das mache - und wo muss ich im Zweifel, wenn bestimmte Meinungsbildner auf den Zug aufspringen, dann auch sagen, okay, ich habe mich ein bisschen falsch verhalten, oder okay, ich nehme das ganze zurück. Dementsprechend, das sieht man ja auch, haben sich Lanz und auch das ZDF jetzt bereits positioniert.

Unternehmen und Politiker sind am häufigsten betroffen

Stucke: Hätten sie sich aber auch, wenn ich das bei Ihnen so höre, besser vorbereiten müssen auf das, was da kommen kann?

Jodeleit: Nein, in dem Fall nicht. Ich beobachte häufig, dass Unternehmen unvorbereitet in so was reinlaufen und dann teilweise, muss ich augenzwinkernd sagen, entweder Glück oder Pech haben. Unternehmen sind davon eher betroffen oder Politiker auch mitunter. Aber Markus Lanz und das ZDF wissen durchaus routiniert damit umzugehen, denn – und das muss man auch fairerweise sagen – Herr Lanz ist ja tatsächlich schon seit längerer Zeit eine Art Hassobjekt in einer bestimmten Medienblogger-, Medienjournalisten-Szene im Internet und wird dort kontinuierlich sehr, sehr bissig aufs Korn genommen, und das nimmt sich übrigens auch nicht viel mit seiner Moderation in der Talkshow. Das Internet geht mit ihm auch nicht viel fairer um, als er dort in der Talkshow moderiert hat.

Stucke: … als er mit seinen Gästen. – Ist das denn typisch für so einen Shitstorm, dass es gezielt und dann massiv bestimmte trifft? Trifft es immer bestimmte?

Jodeleit: Es gibt durchaus natürlich die üblichen Verdächtigen. Das sind Unternehmen, die bestimmte Branchen tangieren. Beispielsweise im Bereich der Medien wird häufig und gern heftig kritisiert. Dann gibt es bestimmte sogenannte NGO's, das heißt Lobby-Organisationen, im Nachhaltigkeitsbereich insbesondere, die sich auf Unternehmen einschießen, die im Bereich Tierschutz, im Bereich Gesundheit, im Bereich Umweltschutz eventuell Defizite haben, vermeintlich oder tatsächlich, und das sind schon einige Beispiele für Unternehmen und Branchen, die besonders betroffen sind. Prinzipiell kann es aber natürlich auch durch einen kurzen Fehler jedes andere Unternehmen, jede andere Branche betreffen, denn es gibt einfach Fauxpas, die man in dieser Szene nicht machen sollte. Sonst wird man massiv angegangen, weil das einfach dort nicht mehrheitsfähig ist.

Stucke: Und bei Personen? Trifft es da immer eine ähnliche Gruppe von Personen?

Jodeleit: Ja. Das sind vor allem Personen, die sehr stark in der Öffentlichkeit stehen. Das können Prominente aus dem Unterhaltungsbereich sein, aus dem Showbusiness, das können aber auch Politiker sein, und zwar immer solche, die sich nicht virtuos auf dem Parkett von Twitter und Facebook bewegen.

Populismus und Schadenfreude spielen eine Rolle

Stucke: Herr Jodeleit, noch eine Frage zur Online-Petition. Die Initiatorin der Petition, Maren Müller, sie sagt mittlerweile selber, ihr sei das ganze unheimlich, sagt, sie kenne das Petitionsgeschäft und wisse, wie schwer es sei, für wichtigere Themen Unterschriften zu bekommen, und hier ginge es jetzt beschämend schnell. Zeigt diese Erkenntnis von Maren Müller, dass das ganze ein eher fragwürdiges Instrument ist?

Jodeleit: Das zeigt, dass durchaus Mechanismen von Kampagnenhaftigkeit, von einem gewissen Populismus und auch von einer gewissen Schadenfreude hier durchaus mitspielen. Ob man das jetzt verwerflich findet oder nicht, ist die Frage. Demokratisch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist es mit Sicherheit nicht, weil die Gesamtbevölkerung das mit Sicherheit nicht als so ein wahnsinniges Aufregerthema versteht, wie diese Gruppe von Bloggern, Multiplikatoren und Journalisten, die sich damit beschäftigen.

Und wenn ich das noch anfügen darf: Ich habe mir vorhin so ein kleines Schaubild auf einen Briefumschlag gezeichnet und da kam einfach heraus: Die wahrgenommene Reichweite dieses Shitstorms wird in Wirklichkeit primär durch diese wenigen großen Medien produziert, die darüber berichten, und das wirkt wie eine Lupe auf diese Szene von Internet-Leuten, die sich so wahnsinnig aufregen, wobei ich natürlich sagen muss, 150.000 oder 160.000 ist schon sehr viel, wenn sich über weitaus, sage ich mal, gemeinnützigere, "hochwertigere" Themen dann nur 15.000, 20.000 Menschen in so einer Petition auslassen. Da hat die Initiatorin schon recht, das ist schon beeindruckend. Ich würde es mal sehr frei "beeindruckend" nennen.

Stucke: Der Shitstorm, die Entrüstung im Netz – dazu Bernhard Jodeleit, Kommunikationsstratege für soziale Medien. Herr Jodeleit, danke und einen schönen Tag Ihnen.

Jodeleit: Wünsche ich Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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