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Fazit | Beitrag vom 13.07.2020

Kritik an Manuel Neuer Nationalistisches Urlaubslied

Danijel Majić im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Fußballnationaltorwart Manuel Neuer bedankt sich bei den Anhängern. (Michael Weber / imagebroker / imago-images)
Fußballnationaltorwart Manuel Neuer hat im Kroatien-Urlaub für Wirbel gesorgt. (Michael Weber / imagebroker / imago-images)

Deutschlands Fußballnationaltorwart Manuel Neuer sorgt für Aufsehen - dieses Mal allerdings nicht mit sportlichen Leistungen. Während des Urlaubs sang er ein Lied eines rechten kroatischen Rockstars. Der Journalist Danijel Majić erläutert den Hintergrund.

Das problematische an dem Lied, das der deutsche Fußballnationaltorhüter Manuel Neuer in seinem Kroatien-Urlaub gesungen hat, sei vor allem der Sänger, der es verfasst hat, sagt der Journalist Danijel Majić.

"Marko Perković alias 'Thompson' ist der erfolgreichste Musiker Kroatiens - und meiner Einschätzung nach ein Faschist. Das Lied, um das es jetzt geht, und das sagt vielleicht auch ein bisschen etwas über die kroatische Gesellschaft aus, nennen manche die inoffizielle Nationalhymne des Landes."

Thompsons Nimbus der Unberührbarkeit

Es handele sich um ein kitschiges und patriotisches Lied, in dem die Schönheit Kroatiens besungen werde. Der Nationalismus komme an der Stelle zum Tragen, an der eine Region namens Herceg-Bosna besungen werde.

"Dieses Stückchen Erde liegt nicht in der Republik Kroatien, sondern im Staat Bosnien-Herzegowina, auch wenn es größtenteils von Kroaten bewohnt wird. Jeder versteht, worum es geht, wenn da ein Teil eines Nachbarlandes einfach mitgezählt wird - weil es der nationalistischen Agenda von Thompson entspricht. Das ist mehrheitsfähig in Kroatien, dass dieser Teil eigentlich auch zu Kroatien gehören sollte."

Perković habe sich seinen Ruf in den 90er-Jahren erarbeitet, sagt Majić, "als Frontkämpfer und als jemand, der immer Kriegslieder gesungen hat". 

Ein Lied, in dem Perković den Kampf gegen die Serben besingt, beginnt mit dem faschistischen Ustascha-Gruß "Za dom spremni":

"Er hat einen Nimbus der Unberührbarkeit, weil er sich als großer Patriot verkauft. Und die Inhalte seiner Texte werden im Zweifel nicht großartig diskutiert." 

Nicht aufgearbeitete Kriegszeit

Obwohl das Neuer-Management mitgeteilt hat, dass der Torwart kein Kroatisch spricht und demzufolge auch gar nicht verstehen könne, worum es in dem Lied gehe, stellt Danijel Majić eine "erstaunliche Textsicherheit" fest:

"Ich weiß nicht, wie viel Schuld Herr Neuer trägt, aber er ist ein erwachsener Mann und er kann sich ja mal schlau machen. Als Fußballer hat er vielleicht mitgekriegt, dass Herr Thompson schon länger umstritten ist. Als Kroatien 2018 im WM-Finale stand, wurde auch schon darüber geredet, wie verbandelt die Nationalmannschaft mit einem faschistischen Rockstar ist."

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Es sei ein Problem der kroatischen Gesellschaft, dass die Kriegszeit immer noch nicht aufgearbeitet sei, sagt Majić - und Thompson sei ein Produkt dieser Zeit.

"Jeder Versuch, das aufzuarbeiten oder kritisch zu sehen, wird abgewehrt. Ich weiß nicht, wie weit die Fußballer das überhaupt reflektieren, was sie da machen. Aber es gab ja auch Aufnahmen, damals aus der Kabine (bei der Fußball-WM 2018), wo kroatische Fußballer das Kriegslied 'Bojna Čavoglave' singen. Dieser Krieg, der 25 Jahre vorbei ist, der ist so wichtig, dass er sogar während des größten Triumphs immer noch beschworen wird. Alle, die sich mit Kroatien befassen, wissen, welche Ansichten Thompson in seinen Liedern vertritt, wissen, wie er in den 90er-Jahren mit Ustascha-Devotionalien und mit Ustascha-Bildern posiert hat, dass er in Interviews ganz offen erklärt hat, dass er kein Problem mit den Ustascha hat und dass er denen freundlich gegenübersteht."

Die Aggressoren sind die anderen

Es gebe in Kroatien ein nationales Narrativ, das nicht angefasst werden dürfe, so Majić. "Dieser Krieg darf nur als Befreiungskrieg, nur als gerechtfertigter Krieg Kroatiens für die eigene Unabhängigkeit und Selbständigkeit gegen eine Aggression von außen gesehen werden. Alles, was das irgendwie anrührt, das ist nicht diskutabel, zumindest für große Teile der kroatischen Gesellschaft."

(rja)

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