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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2017

Kritik an Camorra-SerieKlischee vom Goldkettchen-Gangster überholt

Von Thomas Migge

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Farbfoto eines jungen bärtigen Mannes mit Mütze in einem dunklen Hausflur. Es ist der italienische Journalist und Buchautor Roberto Saviano (Imago/ Zuma Press)
Roberto Saviano, Autor des Bestsellers "Gomorrha" 2014 in Mexiko (Imago/ Zuma Press)

Auf Sky Italia wird gerade die dritte Staffel von "Gomorrha" ausgestrahlt, eine Geschichte über Bosse der neapolitanischen Mafia, der Camorra. Anti-Mafia-Ermittler werfen Bestseller-Autor Roberto Saviano und den Produzenten der Serie vor, die Mafia zu verherrlichen.

Harte kriminelle Kerle. Coole Typen und betont weibliche Frauen. Kitschig-neobarocke Luxuswohnungen und minimalistische Apartments. Prostitution, Drogen, Schmiergeldzahlungen...

Auch die dritte Staffel der erfolgreichen italienischen Fernsehserie "Gomorrha", die seit Kurzem ausgestrahlt wird, erzählt die Machenschaften eines Clans der Camorra, wie die organisierte Kriminalität im Großraum Neapel genannt wird.

"Gomorrha" ist seit 2014 eine Erfolgsgeschichte, auch international. Bis heute haben Fernsehzuschauer in 170 Ländern die Geschichte um die Bosse Neapels gesehen – und sich so eine Idee von jener kriminellen Organisation gemacht, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Banditentum entstand und seit den 1990er-Jahren ganze Stadtteile Neapels kriminell unter ihrer Kontrolle hat.

Scharfe Kritik von Anti-Mafia-Ermittlern

Der Inhalt der dritten Staffel von "Gomorrha" wird von Anti-Mafia-Staatsanwälten wie etwa Catello Maresca scharf kritisiert:

"Ich fände eine Parodie zum Thema Gomorrha angemessener, denn die Bosse sind weder so reich noch so langlebig wie in dieser Serie. Was dort gezeigt wird, entspricht nicht der Realität mafiösen Lebens in Neapel und im Umland. Und wenn so ein Boss reich ist, wie im Film geschildert, dann lebt er versteckt oder auf der Flucht, wie etwa der Bosse Michele Zaccharia, der in einem Loch acht Meter unter der Erde lebte."

Und von dort aus seinen Clan und seine kriminellen Aktivitäten steuerte.

Maresca und immer mehr seiner Kollegen werfen der Serie "Gomorrha" eine Idealisierung der Camorra vor, mit Mafiosi, die als ungemein coole Typen präsentiert werden, die, so meinte vor wenigen Tagen Federico Cafiero De Raho, oberster Anti-Mafia-Staatsanwalt, von vielen jungen Leuten als kriminelle Vorbilder akzeptiert werden, denen es nachzueifern gilt.

Saviano will keine Ästhetisierung der Gewalt

Der Fernsehserie liegt eine Idee von Roberto Saviano zugrunde. Sein 2006 erschienenes Reportagebuch "Gomorrha" wurde ein Weltbestseller. Das Buch führte zur Fernsehserie, an der Saviano mitbeteiligt ist. Saviano kann die immer lauter werdende Kritik durch Anti-Mafia-Ermittler nicht nachvollziehen:

"Ich glaube, dass man dieses kriminelle Phänomen nur dann richtig verständlich machen kann, wenn die Camorra so haargenau beschrieben wird wie das in der Serie 'Gomorrha' der Fall ist. Wenn man mir vorwirft, ich würde übertreiben, kann ich nur sagen: Diese Bosse sind charismatisch, denn das sind ja Machtmenschen."

Saviano wehrt sich auch gegen den Vorwurf einer, so schrieb etwa die Tageszeitung "La Repubblica", "Ästhetisierung camorristischer Gewalt". Die Camorra müsse offen und schonungslos dargestellt und beschrieben werden – auch deshalb, meint der Journalist, weil immer noch zu wenig gegen die Camorra unternommen werde.

Die Camorra, so der Journalist, sei ja immer noch so gefährlich, weil der Staat immer noch zu wenig präsent ist, und soziale Alternativen jenen anbietet, vor allem jungen Menschen, die aus Verzweiflung und Not kriminelle Karrieren einschlagen:

"Ich will diese Realität nicht interpretieren. Ich will nicht sagen, das ist gut und das ist schlecht. Ich will nur beschreiben, was Sache ist. Klar, dass das zu einer Beurteilung führt. Doch ein solches Urteil muss sich der Zuschauer selbst bilden."

Camorra wandelt sich zu einer Managermafia

Mit so einer Argumentation mache er es sich zu leicht, so Savianos Kritiker. Italiens Anti-Mafia-Ermittler verweisen auch auf einen anderen und ihrer Meinung nach ebenso gravierenden Kritikpunkt bezüglich der neuen Staffel von "Gomorrha": Sie werfen dem Journalisten und den Produzenten der Serie vor, die jüngste Evolution der Camorra zu ignorieren.

Ähnlich wie die sizilianische Cosa Nostra wandle sich auch die neapolitanische Camorra hin zu einer Managermafia, mit Bossen, die im eleganten Zweireiher auftreten, um ihre Geschäfte zu betreiben. Der coole, breitbeinig daherkommende und mit Goldketten behangene Boss mit düsterem Blick werde verdrängt von unauffälligen und freundlichen Managertypen, die wie ganz normale Geschäftsleute wirken. Tatsache ist, dass solche neuen Bosse in "Gomorrha" nicht auftauchen, die Serie also anscheinend der mafiösen Realität hinterher hinkt.

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