Seit 05:05 Uhr Studio 9
Montag, 30.11.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.10.2019

Kritik am NobelpreisMännlich, weiß und hochbetagt

Von Christine Westerhaus

Beitrag hören Podcast abonnieren
John B. Goodenough, Professor an der Cockrell School of Engineering an der University of Texas in Austin, ausgezeichnet mit dem Chemie-Nobelpreis 2019 (picture alliance/newscom/University of Texas)
Der US-Amerikaner John B. Goodenough, Professor an University of Texas, ausgezeichnet mit dem Chemie-Nobelpreis im Alter von 97 Jahren. (picture alliance/newscom/University of Texas)

Der Physiker John B. Goodenough ist mit 97 Jahren der älteste Nobelpreisträger überhaupt. Und doch ein typischer Kandidat: Hochbetagt, weiß und männlich – und aus den USA. Das sorgt für Kritik.

Der Start in die Nobelpreis-Woche war wie immer: Die Auszeichnung im Bereich Medizin geht an Männer, überwiegend kommen sie aus den USA. Auch die Preise für Physik und Chemie gehen ausschließlich an Wissenschaftler – immerhin: Mit Lithium-Batterien und Planetenforschung sind die für Forschungsgebiete einigermaßen verständlich.

Das sei eher die Ausnahme, meint Jan-Olov Johansson. Der ehemalige Chef der Wissenschaftsredaktion des öffentlich-rechtlichen schwedischen Radios verfolgt die Nobelpreisvergabe seit mehr als 20 Jahren. Oft hat er live von der Pressekonferenz der Bekanntgabe berichtet.

"Ich stand dann 20 Minuten lang da und hatte keine Ahnung, worum es ging. Vor allem beim Physik-Nobelpreis", erinnert sich der Journalist. Einmal habe er mit einer Mitarbeiterin der Pressestelle geplaudert und zu ihr gesagt: Wenn ein bestimmtes Thema gewinne, dann gehe er einfach. "Und dann wurde der Nobelpreis tatsächlich für dieses Thema vergeben."

Großes Interesse, wenig Verständnis

Gegangen ist Johansson zwar nicht, gesteht aber freimütig. Er habe sich schwer getan beim Berichten. Die Grundlagenforschung, die häufig mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wird, ist nicht immer einfach zu erklären.

Trotzdem ist der Nobelpreis in der Öffentlichkeit so beliebt, wie kein anderer Forschungspreis. Vor allem im Ausland genießt er ein hohes Ansehen. Diese Erfahrung hat auch Johansson bei einem Auslandsaufenthalt in den USA gemacht.

"An der berühmten Stanford Universität war das Einzige, worüber die Forscher geredet haben, der Nobelpreis", so der Schwede. Es sitze wohl einfach im Hinterkopf der Menschen, dass dieser Preis eine große Sache ist.

Vielleicht liegt das an der langen Tradition und der Geschichte. Der Schwede Alfred Nobel hat in seinem Testament verfügt, dass sein Vermögen in eine Stiftung fließen soll. Sie bezahlt seit 1901 das Preisgeld. Nobel verfügte, dass die Auszeichnung an Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler geht, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben.

Als Regel gilt, dass sich nicht mehr als drei Personen den Nobelpreis in einer Kategorie teilen dürfen. Doch das sei heutzutage nicht mehr zeitgemäß, findet Jan-Olov Johansson. Denn oftmals sind deutlich mehr Forscher an einer Entdeckung beteiligt: "Das bedeutet, dass viele Forschungsgebiete nicht ausgezeichnet werden, weil es mehr als drei Wissenschaftler gibt, die den Preis bekommen müssten." Nobel hat das so nicht verfügt, sondern die Regel hat das Nobelpreiskomitee selbst aufgestellt.

Forschungsergebnisse oft jahrzehntealt

Ein weiterer Kritikpunkt: Oft vergehen Jahrzehnte, bis eine Entdeckung ausgezeichnet wird. Die Preisträger haben ihre wissenschaftliche Karriere also meist schon hinter sich.

Auch der Schwede Arvid Carlsson war bereits 77, als er im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin bekommen hat. Trotzdem erinnerte er sich auch als über 90-Jähriger noch genau an den Anruf aus Stockholm. Er kam gerade aus einer Veranstaltung und war auf dem Weg zurück in sein Forschungsinstitut, als das Telefon klingelt. Um Veranstaltung in der Stadt ans Viertel nach elf. "An so was erinnert man sich. Wie spät es damals war", so Carlsson.

Der Pharmakologe starb im vergangenen Jahr im Alter von 95 Jahren. Bis an sein Lebensende forschte er. Der Nobelpreis, so erzählte er es vor einigen Jahren, habe in seinem Leben viel verändert. Man werde anders behandelt, die Aussagen bekämen ein größeres Gewicht. "Und es ist einfacher, am Telefon an der Sekretärin vorbeizukommen und zum Chef durchgestellt zu werden."

Doch Carlsson berichtet auch von Schattenseiten. Er bemerkte, dass sich andere Menschen besonders aufmerksam ihm gegenüber zeigten – nur um "selbst einen Vorteil davon zu bekommen." Details hat der Schwede für sich behalten.

Sexismus und Rassismus der Preisträger

Andere Nobelpreisträger sind da weniger bescheiden. Ein paar von ihnen haben sich durch zweifelhafte Äußerungen sogar regelrecht ins Abseits geschossen. Der Mit-Entdecker der DNA-Struktur James Watson beispielsweise hat behauptet, es gäbe biochemische Zusammenhänge zwischen der Hautfarbe und der Libido. Andere sind ebenfalls durch rassistische Äußerungen aufgefallen. Und auch frauenfeindliche Bemerkungen blieben nicht aus.

Der schwedische Wissenschaftsjournalist Johansson etwa erinnert sich an einen US-amerikanischen Preisträger. "Der meinte, jetzt könne er alle Frauen flachlegen." Aber diese sexistische Entgleisung sei die Ausnahme. Die meisten Nobelpreisträger dagegen wollten vor allem eines: "Einfach so weiter machen wie bisher und in ihren Laboren arbeiten."

Zeitfragen

Literatur und WissenschaftVom Leben der Häuser
Die Villa Riehl in der Spitzweggasse in Potsdam-Babelsberg wurde 1907 von dem Architekten Ludwig Mies erbaut, der sich später Mies van der Rohe nannte. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Können Häuser ein Eigenleben entwickeln, womöglich dem Leben seiner Bewohner schaden? In dem neuen Roman "Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer geht es um eine 1909 gebaute Villa, um den Architekten, die Bewohner und um ein dunkles Geheimnis. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur