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Buchkritik | Beitrag vom 08.09.2020

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"Endlich ein Museumsfördervereinsroman

Von Thorsten Jantschek

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(Kunstmann Verlag / Deutschlandradio)
Prestige ist alles: Kristof Magnusson wirft in "Ein Mann der Kunst" einen Blick hinter die Kulissen eines Kunstfördervereins. (Kunstmann Verlag / Deutschlandradio)

In "Ein Mann der Kunst" gelingt es Kristof Magnusson, den Förderverein für ein privates Kunstmuseum zum unterhaltsamen Romanstoff zu machen. Erst beim Akt der Kunstzerstörung kommen sich die Mitglieder näher.

Unzählige Künstler- und Kunstszeneromane, in denen sich abgründige Künstlergenies, gierige Sammlerinnen, durchtriebene Museumsdirektoren oder schillernde Galeristinnen die Klinke in die Hand geben. Der Kunstbetrieb scheint literarisch ausgeleuchtet.

Doch nicht ganz. Dass eine scheinbar so langweilige Institution wie der Förderverein eines privaten Sammlermuseums bei Kristof Magnusson zum überaus unterhaltsamen Romanstoff wird, ist überraschend und bestätigt, was der Philosoph Walter Benjamin dereinst sagte, dass nämlich Langeweile ein warmes graues Tuch ist, das mit dem glühendsten Seidenfutter ausgeschlagen ist.

Psychologin brennt für Werk des Malers

Tatsächlich gelingt Magnusson die Erzählung des warmen grauen Tuchs der gediegen-bürgerlichen Vereinigung von Liebhabern, deren Beschäftigung mit Kunst intellektuelles Vergnügen und die Anhäufung sozialen Kapitals gleichermaßen ist, ebenso vortrefflich wie das glühende Seidenfutter, das vor allem durch die Charaktere entsteht, die diesen Roman bevölkert.

Allen voran die Vorsitzende des Fördervereins, die Psychologin Ingeborg, die für das Werk des Malers KD Pratz brennt und eine, nämlich ihre große Chance wittert, als das Museum Wendevogel in Frankfurt am Main ein benachbartes Grundstück erbt, mit der Auflage, dort innerhalb von fünf Jahren einen Erweiterungsbau zu errichten. Natürlich, so der Plan, für KD Pratz, der publikumsscheu und öffentlichkeitswirksam zurückgezogen auf einer Burg im Rheingau lebt.

Dumm für die Vorsitzende, dass sie an einem entscheidenden Treffen mit kulturpolitischen Vertretern von Land und Bund kurzfristig verhindert ist. Sie schickt ihren Sohn, den Architekten Konstantin, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird.

Der stolpert von einer Baustelle direkt in eine Sitzung, in der sich Land und Bund im Blick auf ein prestigeträchtiges Privat-Public-Partnership-Projekt in den jeweilig bereitgestellten Förderungssummen überbieten. Die Sache hat nur einen Haken: Der Förderverein muss die lächerliche Summe von 500.000 Euro beisteuern und für das KD-Pratz-Museum gewonnen werden.

Wie soll das nur gelingen bei einem Haufen von kunstbeflissenen Individualisten? Am besten mit einer Kunstreise.

Bildungsbürgerliches Milieu präzise beschrieben

Magnusson beschreibt das in einen Reisebus gepferchte, bildungsbürgerliche Milieu so präzise, dass man fast den Eindruck hat, er sei seit vielen Jahren Mitglied in drei Kunstvereinen und vier Fördervereinen. Da gibt es etwa den finanzstarken, aber wenig feinsinnigen Herrn von Drübber, vom Erzähler nur "das Einstecktuch" genannt, oder die esoterisch angehauchte Personalberaterin, die immer ihr Skizzenbuch dabei hat, oder das pensionierte, kunstsinnsuchende Pastorenehepaar. Flankiert vom Museumsdirektor, der, seine ins Straucheln geratene Karriere fest im Blick, alles, was ihm unterkommt, in die Kunstkauderwelschsprache "kuratorisch" übersetzt.

Dem gegenüber steht der Malerfürst KD Pratz, der im Roman "detailverliebter als Gerhard Richter ist, archaischer als Anselm Kiefer und expressiver als Georg Baselitz". Dieser KD Pratz lässt während der wenigen Zusammenkünfte mit "seinem" Förderverein keine Chance aus, dessen Mitglieder vor den Kopf zu stoßen.

Zwei Welten treffen aufeinander. Wo sie sich berühren, da fliegen Funken, ohne dass Wärme entsteht. Dies alles erzählt Magnusson als dauerndes Wechselspiel von Hoffnung und Enttäuschung, stets mit einem untrüglichen Sinn für Pointen, ohne dabei jedoch seine Figuren bloßzustellen.

Sehnsucht nach dem authentischen Werk

Aber ihm gelingt noch mehr. Er stellt den Gründungsmythos der Kunstwelt selbst infrage. Wenn KD Pratz anstatt den Förderverein in ein Museum für mittelalterliche Kunst zu begleiten, ihn in eine Bäckerei führt, in der seit über 200 Jahren noch nach denselben Rezepten "echtes" Brot gebacken wird und zur Bekräftigung der Bedeutung all dessen bekundet, hier hätte auch Goethe sein Brot kaufen können, lenkt der Autor die Aufmerksamkeit seiner Leserinnen und Leser auf das geheime Zentrum, das die Welt der Kunstenthusiasten mit der Welt des Künstlers verbindet: die Sehnsucht nach dem authentischen Werk.

Weil das schon in der Bäckereimanufaktur nicht funktioniert, weil dort in der Backstube des Guten, Wahren und Schmackhaften bärtige Hipster die Erzeugnisse alter Rezepte fürs neue Instagram fotografieren, lässt Magnusson diesen ganzen Mythos zerplatzen wie eine Seifenblase. Just nämlich, als die Fördervereinsmitglieder endlich an dem heiligen Ort, wo all dies zusammenkommt, angekommen sind: im Atelier des Künstlers.

Dort, wo sie auch noch eine völlig neue Werkserie entdecken dürfen, lässt der Autor das Geschehen kippen. Nicht in der Kunst kommen Künstler und Förderverein sich näher, sondern in einem monströsen Akt der Kunstzerstörung.

Bilder werden im Rhein versenkt

In einer Art ikonoklastischem Happening werden die neuen Bilder, schwarz gemalte Porträts von Schwarzsehern wie Peter Sloterdijk oder Martin Heidegger, von der Burg hinunter zum Rhein geschleppt und im Fluss versenkt. Das Happening wird gefilmt, das Video geht viral, die Berühmtheit des Künstlers steigt ins Unendliche.

Am Ende findet sich der gesammelte Förderverein bei der Vernissage der großen KD-Pratz-Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum und in einer Realität eines Kunstbetriebs wieder, in dem mediale Aufmerksamkeit mehr bewirken kann als die Aura der Kunst oder ein Museumserweiterungsbau. Der nämlich ist noch nicht entstanden.

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"
Kunstmann Verlag, München 2020
237 Seiten, 22 Euro

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