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Buchkritik | Beitrag vom 14.11.2018

Kristina Aamand: "Wenn Worte meine Waffe wären" Der Wunsch, Brücken zu bauen

Von Sylvia Schwab

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Ein Pfeil zeigt auf einen rot-weißen Untergrund nach links. (Unsplash/ Samuel Zeller)
Eine Muslima muss sich in "Wenn Worte meine Waffen wären" entscheiden, welchen Weg sie in ihrem Leben einschlagen will. (Unsplash/ Samuel Zeller)

Die dänische Autorin Kristina Aamand beschreibt in ihrem Jugendroman „Wenn Worte meine Waffen wären“ das Leben der 17-jährigen Muslima Scheherazade, die ihren Weg zwischen Tradition und Moderne finden muss. Dabei hütet die junge Frau ein Geheimnis.

Die 17-jährige Scheherazade lebt mit ihren Eltern in Dänemark, seit sie ein kleines Mädchen ist.  Obwohl sie kaum Erinnerungen an die alte arabische Heimat hat, wird sie diesen Schatten der Vergangenheit nicht los. Ihr Vater, der als Dichter verfolgt, gefangen und gefoltert wurde, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und ihre Mutter lebt in Dänemark die muslimischen Traditionen immer rigoroser aus. 

Die Familie lebt in einem Beton-"Ghetto" und die Eltern haben große Erwartungen an ihre intelligente Tochter. Sie soll Ärztin werden, muss aber Kopftuch tragen und sich den traditionellen religiösen Regeln anpassen. Scheherazade wiederum hat andere Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie möchte Schriftstellerin werden wie ihr Vater, die Zwänge der muslimischen Tradition ablegen und frei ihre Liebe leben. Die 17-Jährige ist verliebt, in die blonde 18-jährige Dänin Thea.

Das Kopftuch als Fassade

Trotz ihrer Sehnsüchte trägt Scheherazade das Kopftuch auch bewusst. Es schützt sie vor den Blicken und Berührungen der Männer. Erst als sie herausfindet, dass ihre Mutter früher – in der alten Heimat – nie Kopftuch trug und sehr freizügig lebte, begreift sie, dass der strenge Glaube der Mutter eine Art Schutzwall vor der dänischen Freizügigkeit sein soll.

Das Kopftuch wird so in Kristina Aamands Roman zum Symbol für eine Fassade, die muslimische Familien gegen ihre westliche Umgebung aufbauen und hinter der sie alle Dramen verstecken, was nicht sein darf: Misshandlung von Frauen, Sex vor der Hochzeit, Homosexualität oder Selbstmord.

Gestaltung als Tagebuch

Wie Scheherazade gegen all dies aufbegehrt, davon erzählt Kristina Aamand mitreißend. Ungewöhnlich ist auch die Gestaltung, so lebt der Text von den eingebauten Collagen. Kleine eigenständige Geschichten, die aus Fotos, Zeichnungen, montierten Zeitungsausschnitten und handgeschriebenen Texten bestehen. Sie sind vier bis acht Seiten lang und erzählen von schlimmen Ereignissen, an die Scheherazade sich erinnert.

Diese Bild-Text-Collagen bilden eine Art Tagebuch, in dem das Mädchen zeichnend, schneidend, klebend und schreibend das verarbeitet, was sie tief verstört. Und da gibt es vieles zu entdecken, was Scheherazade nur in diesen Bildern zeigt, nicht in ihrer Ich-Erzählung. Für die deutsche Ausgabe waren diese Collagen sicher eine Herausforderung. Sie wurden von Sune Ehlers mit deutschen Aufklebern und Schlagzeilen eindrücklich nachgestaltet.

Zwischen Tradition und Moderne

"Wenn Worte meine Waffe wären" erzählt jungen Menschen viel über das Leben muslimischer Einwanderer in Europa. Was es heißt, an Traditionen festzuhalten und gegen sie aufzubegehren. Etwa dann, wenn Scheherazade auf eine traditionelle Verlobungsfeier, zu einem Frauentreffen geht oder an der Schule ausgrenzt wird und mit der strenggläubigen Mutter endlos diskusstiert. Unterstützung erfährt Scheherazade aber auch. Etwa bei der Familie ihrer Freundin, bei einzelnen Mitschülern, in einer Homosexuellen-Gruppe und schließlich sogar bei ihrem Vater.

Kristina Aamand hatte den Wunsch, eine Brücke zu bauen und Verständnis zu wecken: Mit ihrem Buch ist ihr das eindrücklich gelungen!

Kristina Aamand: "Wenn Worte meine Waffe wären"
Aus dem Dänischen übersetzt von Ulrike Brauns
Dressler Verlag, Hamburg 2018
272 Seiten, 16 Euro

Mehr zum Thema:

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