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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.01.2019

Kristen Roupenian: "Cat Person"Bizarre Verschiebungen der Gefühle

Von Ursula März

Buchcover: "Cat Person" von Kristen Roupenian (Blumbar Verlag/Unsplash, Bony Mathew)
Ein Klima des Unheimlichen durchzieht die Texte in "Cat Person“ von Kristen Roupenian. (Blumbar Verlag/Unsplash, Bony Mathew)

Vor einem Jahr wurde Kristen Roupenian mit ihrem Text über einen missglückten One-Night-Stand zum Literaturstar. Die Kurzgeschichte war im "New Yorker" veröffentlicht worden und bewegte Tausende Menschen. Nun erscheint ihr erster Sammelband.

Eigentlich keine weltbewegende Geschichte: Die 20-jährige Margot lernt an der Kinokasse den fast eineinhalb Jahrzehnte älteren Robert kennen. Ein paar Wochen lang flirten sie per Textnachrichten, treffen sich schließlich zum ersten realen Date. Margot merkt schnell, dass Robert ihr körperlich widerstrebt. Dennoch hat sie mit ihm noch in der gleichen Nacht Sex, äußerlich bereitwillig, innerlich befremdet. Als sie ein paar Tage später den Kontakt abbricht, beginnt Robert, ihr nachzustellen.

Alle sprachen über Roupenians "New Yorker"-Story

"Cat Person", so der Titel der Kurzgeschichte der Amerikanerin Kristen Roupenian, erzählt von einem missglückten One-Night-Stand , wie er sich häufiger zutragen dürfte: Unschön, aber keine Tragödie. Nichts, das die Welt bewegen müsste. Genau dies aber tat die Short Story der bis dahin vollkommen unbekannten Autorin. Unmittelbar nach der Veröffentlichung im "New Yorker" im Dezember 2017 entwickelte sich "Cat Person" zum Viralhit des Jahres und zum Politikum.

Hören Sie auch unser "Breitband"-Interview mit der Philosophin und Digitaltheoretikerin Christiane Frohmann über den Viralhit "Cat Person":

Der Text wurde in den sozialen Medien tausendfach geteilt, auf Partys, in Bars und in Internetforen diskutiert. Frauen berichteten unter Hashtags von ähnlichen Sexerlebnissen, Männer wehrten sich gegen ihre vermeintliche Abwertung. Literatur und Realität griffen so eng ineinander wie selten. Das Debattenfeuer, das die Kurzgeschichte einer literarischen Newcomerin zu entfachen vermochte, verdankte seine Hitze der #MeToo-Bewegung, die sich im Winter 2017 auf ihrem Höhepunkt befand.

Mit einem einzigen Text zum Literaturstar

Die Geschichte vom missglückten One-Night-Stand durchkreuzt allerdings das Täter-Opfer-Muster des #MeToo-Aktivismus. Robert mag ein mehr als unsensibler Liebhaber sein. Aber sexueller Missbrauch lässt sich ihm schwerlich anlasten. Er verletzt keine Grenze – da Margot keine zieht. Sie ist gefügig, dies jedoch nicht nur aus Wehrlosigkeit, sondern auch getrieben von jenem weiblichen Narzissmus, der das Ziel, von Männern gemocht und begehrt zu werden, bedeutsamer macht als das eigene Begehren. "Cat Person" beleuchtet somit einen Graubereich der Sexualität, vor dem Frauen gern die Augen verschließen, und die 36-jährige Kristen Roupenian wurde mit einem einzigen Text zum Literaturstar.

Ein Klima des Unheimlichen

Nun erscheint international ihrer erster Prosaband, der außer der Titelgeschichte "Cat Person" noch zehn andere Stories enthält, womit sich automatisch die Frage stellt, ob es sich bei der literarischen Senkrechtstarterin um ein One-Hit-Wonder oder um eine viel versprechende Schriftstellerin handelt. Wohl letzteres. Kristen Roupenians Geschichten spielen im Milieu junger Mittelschichtsamerikaner, die für die erotische Freiheit ihrer digitalen Kontaktpflege mit bizarren Verschiebungen ihres Gefühlslebens bezahlen.

Sie fühlen sich sicher, wenn sie nicht lieben. Und wenn sie lieben, verlieren sie jeder Orientierung. Das Klima des Unheimlichen durchzieht die Texte. Es ist das Unheimliche von Menschen, die sich verhalten als würden sie ferngesteuert durch sich selbst. Mit diesem Paradox trifft Kristen Roupenian einen empfindlichen Nerv gegenwärtiger Mentalität.

Kristen Roupenian: "Cat Person"
Aus dem Amerikanischen von Nella Beljan und Friederike Schilbach
Blumenbar Verlag, Berlin 2019
281 Seiten, 20,00 Euro

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