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Zeitfragen | Beitrag vom 11.02.2020

Krise der AutoindustrieElektromobilität macht Zulieferern zu schaffen

Von Thomas Wagner

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Schnellladesäule mit CCS Stecker in Dresden. (imago images/Rainer Weisflog)
Mehr e-Autos in Zukunft bedeutet aber auch weniger Benziner und das wird wohl Folgen für manchen Zulieferbetrieb haben. (imago images/Rainer Weisflog)

Die schwache Konjunktur und die Umstellung auf Elektromobilität beeinträchtigt die Autoindustrie. Tausende Jobs stehen bei den Autokonzernen auf der Kippe. Und vor allem bei den Zulieferbetrieben.

Einblick in die alte, klassische Welt der Automobilindustrie – Werk zwei des Autozulieferkonzerns ZF in Friedrichshafen am Bodensee:

"Wir sind hier in Friedrichshafen in der Getriebemontage. Am Standort werden um die 200. 000 Getriebe jährlich montiert für Busse und LKW. Das sind hier ganz überwiegend noch für verbrennungsmotorischen Antrieb."

Einblick in die neue, Zukunftsweisende Welt der Automobilindustrie – unterwegs auf dem Testgelände, nur einen Steinwurf vom ZF-Getriebe-Montagewerk entfernt:

"Wir sind hier mit einem rein elektrisch angetriebenen Bus unterwegs. Das ist Zukunftstechnologie einerseits, andererseits auch schon Realität: ZF ist mit 2000 Bussen europaweit unterwegs. Wir sind Marktführer bei e-Bussen. Die Busse fahren von Stuttgart über Hamburg und Berlin."

Damit, so ZF-Sprecher Andreas Veil, folgt der Konzern einem Markttrend: Sei es bei Bussen, bei LKW im Stadtverkehr, bei Lieferwagen oder bei PKW: Elektroantriebe sollen den klassischen Diesel- oder Benzinmotor ersetzen. Nur so, sagen viele Experten, lassen sich die Schadstoffemissionen, die vom Straßenverkehr ausgehen, nachhaltig senken. Nur: Die Sache hat einen Haken.

"Man geht davon aus, dass sich 70 Prozent der Arbeitsplätze total verändern, nicht mehr vorhanden sind, neue Arbeitsplätze entstehen", so Achim Dietrich, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei ZF. 

Bis 2030 könnten 410.000 Jobs wegfallen

Für die Herstellung eines e-Autos braucht es, da sind sich die Fachleute einig, deutlich weniger als für den Bau eines Fahrzeuges mit Verbrennungsmotor. So könnten nach einer Studie der Nationalen Plattform Zukunft zur Mobilität bis 2030 um die 410.000 Jobs in der deutschen Autoindustrie wegfallen – in etwa jede zweite Stelle. Die Studie ist nicht unumstritten. Aber dennoch komme man um eine Erkenntnis nicht herum:

"Natürlich fällt Wertschöpfung weg mit großem Maße. Wir haben das ja kürzlich einmal dargelegt: So ein Getriebe hat 800 Teile. Und so ein e-Antrieb vielleicht nur 70, 80, die da verbaut sein müssen. Und da ist die Frage: Was produziert man selber? Aber es fallen natürlich erhebliche Arbeitsvolumen in den Fabriken weg. 

Und das hat Folgen: So will Bosch in den kommenden zwei Jahren 2000 Stellen allein in Deutschland streichen, der Zulieferer Conti plant bis 2025 den Abbau von gleich 5000 Jobs. Diesen Weg möchte ZF allerdings zumindest an seinen europäischen Standorten nicht mitgehen, betont ZF-Vorstandsvorsitzender Wolf-Henning Scheider:

"Wir gehen, was wir den ZF-Weg nennen, und das bedeutet: Sämtliche Flexibilisierungsmaßnahmen, die uns zur Verfügung stehen, die nutzen wir, vor allem in den Ländern, in denen wir diese Möglichkeit haben, und dazu zählt: Deutschland!"

Auch e-Autos brauchen Achsen und Stoßdämpfer

Eine Erhöhung der Werkschließtage, Abbau von Überstunden auf Zeitkonten, das Angebot von flexibleren Beschäftigungsmöglichkeiten wie Teilzeit – damit will ZF, ohne Stellenstreichungen, zunächst kurzfristige konjunkturelle Einbrüche parieren, so der ZF-Vorstandschef kürzlich vor Journalisten des baden-württembergischen Wirtschaftspresseclubs in Stuttgart. Das Unternehmen tut sich damit auch leichter als viele Mitbewerber: Das klassische Getriebegeschäft, das direkt am Verbrennungsmotor hängt, macht nur etwa 20 Prozent des Umsatzes aus. Der Rest der Produktpalette – Achsen, Stoßdämpfer, Elektronik – ist auch bei Fahrzeugen mit e-Antrieb gefragt.

Ob das reicht, um Stellenstreichungen zu vermeiden, ist unklar. Denn einen Teil der neuen Zukunftstechnologien baut auch ZF dort auf, wo es günstiger ist als in Deutschland. Zum Beispiel in Serbien.

Pancevo, ein Vorort der serbischen Hauptstadt Belgrad: Der serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic kommt höchstpersönlich zur Eröffnung des neuen ZF-Werkes für Elektromobilität, das der Konzern für etwa 160 Millionen Euro ganz bewusst in einem osteuropäischen Schwellenland außerhalb der EU hochgezogen hat. Michael Hankel, Mitglied des ZF-Vorstandes, ist bei der Eröffnung mit dabei:

"Wir produzieren jetzt schon die Elektromotoren für komplette Hybridapplikationen, aber auch Elektroschalter, Mikroschalter. Aber wir werden hier auch rein elektrische Antriebe, elektrische Achsantriebe produzieren. Ein Grund ist natürlich die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften."

Gewerkschaften pochen auf Standortsicherung

…in einer Region, in der die Arbeitslosigkeit bei etwa 18 Prozent liegt, und in der die Löhne bei einem Bruchteil dessen liegen, was in Deutschland gezahlt werden muss. Zwar unterhält ZF an seinem Standort Schweinfurt auch in Deutschland einen Entwicklungs- und Produktionsstandort für die e-Mobilität. Dennoch sieht ZF-Betriebsratschef Achim Dietrich die Investition in Serbien mit Sorge.

"Wir stehen jetzt vor einer Phase, in der wir Überkapazitäten haben. Und das ist natürlich schon eine Phase, wo man natürlich fragt: Warum jetzt zusätzliche Werke aufbauen, wo andere Werke nicht ausgelastet sind? Und das hat aus unserer Sicht nur einen Grund: ZF geht dorthin, wo es günstiger ist, vermeintlich, und sucht die Niedriglohnländer. Das ist natürlich ein Problem für die deutschen Standorte." 

Auch Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, sieht das kritisch:

"Es sind diese Maßnahmen, die wir sehr kritisch sehen. Wenn es schon zu Beginn dieser Transformation solche Maßnahmen gibt, wie wird es dann erst, wenn es Ernst wird. Und das ist auch ein Kritikpunkt an verschiedenen Unternehmen, die jetzt genau sagen: Ja, wenn es jetzt die Gelegenheit des Wandels gibt, komm, dann ziehen wir gleich mit dem Teil der Karawane nach Osteuropa."

Der Gewerkschafter hat zu Stellenabbau und Produktionsverlagerung einen Gegenentwurf parat: Gerade jetzt, in Zeiten des Wandels, müssten die Autozulieferer in ihr Personal investieren – vor allem in Fort- und Weiterbildung, um die technologischen Herausforderungen des Wandels zu stemmen. Aus diesem Grund hat die IG Metall für die bevorstehende Tarifrunde das Wörtchen "Standortsicherung" ganz oben auf ihre Forderungsliste geschrieben – und keine konkrete Lohnforderung formuliert.

"Wir wollen Sicherheit im Wandel, Sicherheit für die Beschäftigten. Beschäftigte müssen sich qualifizieren. Es fallen Jobs weg, es wird neue Jobs geben. Das muss alle gestaltet werden. Aber bitte mit uns Beschäftigte und nicht gegen uns."

"Viele kleinere Lieferanten werden sich sehr schwer tun"

In der Autoindustrie werden viele Jobs wegfallen. Aber es werden auch viele neue entstehen, sagt ZF-Vorstandschef Wolf-Henning Scheider. Für ihn ist das fast schon ein "Nullsummenspiel":

"Das ganze Batteriesystem bringt ja eine riesige Wertschöpfung in die Automobilindustrie hinein. Darüber hinaus wächst kontinuierlich der gesamte Elektronikbereich im Fahrzeug. Das sind zusätzliche Komponenten, die hineinkommen. Deswegen gehe ich in der Gesamttransformation davon aus, dass das arbeitskräftemäßig gleich ist. Aber die Kompetenzen verlagern sich dramatisch, für einen Systemlieferanten wie ZF beherrschbar. Aber es gibt viele kleinere Lieferanten – die werden sich sehr schwer tun in den nächsten Jahren. Und da erwarte ich eine kräftige Veränderung und dass es viele Unternehmen gibt, die diesen Weg nicht schaffen!"

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