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Profil / Archiv | Beitrag vom 24.04.2006

Kriminell und spirituell

Oliver Bottini mischt Krimis mit asiatischen Lebensweisen

Von Kim Kindermann

Der Tatort (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
Der Tatort (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Krimis boomen, Esoterik auch. Weshalb also nicht beides miteinander verbinden? Oliver Bottini, der selbst seit Jahren Qi Gong und Kung Fu praktiziert und einige Sachbücher zum Thema Buddhismus und Meditation geschrieben hat, landete gleich beim ersten Versuch einen Volltreffer: Für seinen Debütroman erhielt er 2005 den Krimipreis. Jetzt ist sein neuer Roman "Im Sommer der Mörder" erschienen.

Ein Feuerwehrmann wird zu einem Einsatz gerufen. Eine verfallene Scheune hat Feuer gefangen. Eigentlich Routine. Eigentlich ungefährlich. Bis eine gewaltige Explosion das Inferno ausbrechen lässt und einen Feuerwehrmann in den Tod reißt.

"Im Sommer der Mörder" beginnt wie schon der Vorgängerroman mit starken, eingängigen Bildern. Bilder, die mitreißen in die Hölle der Feuerbrunst, die symbolisch hinweist auf das Böse, das den Leser erwartet. Ihn in den Bann schlägt und ihn in die menschlichen Abgründe schauen lässt. Und mit ihm Louise Boni. Die Hauptkommissarin: Anfang 40. Klug, kämpferisch, eigensinnig und zäh. Dabei zugleich sensibel, verletzlich und oft verzweifelt. Ihre Ehe kaputt. Im Dienst hat sie einen Phädophilen erschossen. Ob absichtlich, bleibt unklar. Und sie hat ein Alkoholproblem.

"Ich will eine möglichst authentische Figur und ich möchte diese Figur sehr gut kennen. Und dann ist das egal ob Frau oder Mann. Und die Louise hat ja durchaus auch männliche Eigenschaften: Also, sie kann ja sehr aggressiv sein, sie hat sehr viel Mut, sie nimmt jeden Kampf an."

Die Untiefen seiner Hauptfigur kennt Oliver Bottini - dieser optisch unauffällig Mann, dessen Bücher aber alles andere sind - aus eigener Erfahrung: Der Sohn einer Buchhändlerin und eines IBM-Managers muss mit 13 Jahren erleben, wie die Ehe der Eltern scheitert. Er geht mit dem Vater. Seine Adoptivschwester bleibt bei der Mutter. Das ist ungewöhnlich. Zumindest für die damalige Zeit. Ende der 70er. Doch den Sohn treibt es weg von der Mutter. Sie sind uneins, streiten oft.

"Der Verfall der Familie, der hat mich in meinen 20er Jahren eingeholt. Ich bin dann für ein halbes Jahr nach Neuseeland und Australien gegangen, was sicherlich auch so ne Art Flucht gewesen ist. Ich hatte sehr starke Depression und Ängste. Wusste nicht mehr, wohin? Was machen? Wie ist mein Weg?"

Die Suche nach der Antwort führt ihn zunächst ins Hotel: Als Rezeptzionist hält sich der feinsinnige, dunkelhaarige Mann, der gerne Jeans und Sakkos trägt, über Wasser. Er traut seinem Instinkt nicht, der ihm rät zu schreiben. Dabei hat Oliver Bottini schon als Teenager unzählige Manuskripte produziert. Alle für die Schublade. Immer wieder kommt er ins Zweifeln, vergleicht sich mit den großen Literaten wie Henry Miller, Ernest Hemingway oder Gabriel García Marquez. Trotzdem: Er brennt innerlich.

"Das ist das, was mir unendlich viel gibt und für was ich große Leidenschaft empfinde und ich hatte damals das Gefühl, dass ich vielleicht auch nicht ganz so schlecht bin und dass das durchaus Entwicklungsmöglichkeiten hat."

Doch bevor Oliver Bottini richtig loslegt und eigene Bücher schreibt, geht er Umwege. Beginnt mit 27 Germanistik zu studieren, um anschleißend als freiberuflicher Lektor zu arbeiten. Redigiert das Werk anderer. Traut sich dann aber weiter: Er schreibt Sachbücher über Buddhismus, Meditation und Qi Gong. Aus Begeisterung. Schon lange ist er eingetaucht in die asiatischen Lebensweisen. Kung Fu und Qi Gong geben ihm Halt und innere Stärke.

"Ich finde, man kann viel lernen, ohne dass man gleich Buddhist wird oder ohne dass es esoterisch wird. Also im Buddhismus ist ja die Begierde die Ursache allen Leidens. Und man kann sich immer diesen Spiegel vorhalten: Ist das was ich will, etwas was ich brauche? Wohin führt mich das, wenn ich immer noch mehr will. Also, es sind so ganz wesentliche Fragen, auf die ich plötzlich noch mal ganz neue Antworten bekomme."

Und genau wie bei Louise, die einen Alkoholentzug in einem Zen-Kloster durchzieht und dort Antworten findet, führt auch für Oliver Bottini der Weg aus der Krise über diese östliche Lebenssicht. Wieder so eine Gemeinsamkeit. Einziger Unterschied: Oliver Bottini ist seit zwölf Jahren glücklich mit einer Italienerin zusammen. Chiara, der er alle seine Bücher widmet, unterstützt ihren Mann aktiv in seiner Lebensplanung. Trotzdem, den Durchbruch als Krimiautor verdankt er auch einem Zufall. Ein Verlag spricht ihn an. Fragt, ob er sich vorstellen könne, einen Krimi zu schreiben, der ein bisschen spirituell ist.

"Dann habe ich da angefangen und sehr schnell gemerkt, dass ich eine konkrete Vision habe von einem Krimi, der mir Spaß macht und den ich gerne schreiben würde, und das ist dann in dem Sinne kein spiritueller Krimi geworden, sondern einfach ein Kriminalroman, in der Spirituelle, der Buddhismus eine gewisse Rolle spielt."

Tatsächlich sind Oliver Bottinis Bücher frei von esoterischem Geschwafel. Lediglich dem Titel des ersten Buches - Mord im Zeichen des Zen - hängt etwas davon an. Ansonsten sind seine Bücher kraftvoll. Frei von Sentimentalität vermitteln sie profundes Wissen über asiatische Lebensweise. Einerseits. Andererseits behandeln seine Fälle beziehungsweise die von Louise immer wieder international, politisch-brisanten Themen.

Eineinhalb Jahre braucht Oliver Bottini für jedes seiner Bücher. Das passt irgendwie. Er, der mit seiner schlichten Brille so geordnet wirkt, recherchiert ausführlich. Oft im Internet. Dabei arbeitet er mit großer Selbstdisziplin. Und trotz Krimipreis immer noch mit viel Selbstkritik. Ein Ende ist glücklicherweise noch nicht in Sicht: Louise Bonis dritter Fall ist schon in Arbeit.

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