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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2014

KriminalromanVom Berliner Krisenzentrum in die Wüste

Oliver Bottini: "Ein paar Tage Licht"

Von Knut Cordsen

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Algerische Sicherheitskräfte fahren mit zwei Autos durch die Wüste. (picture alliance / dpa)
Algerische Sicherheitskräfte bei ihrer Fahrt durch die Wüste. (picture alliance / dpa)

In 73 kurzen Kapiteln erzählt Oliver Bottini von der Entführung des deutschen Rüstungsmanagers Peter Richter in Algerien durch eine bis dato unbekannte Terror-Gruppe. Der Krimiautor glänzt vor allem durch seine genauen Recherchen.

Oliver Bottini ist der akribische Rechercheur unter den deutschen Krimi-Autoren: Das demonstriert allein schon das für dieses Genre eher ungewöhnliche 42-seitige Glossar, das er seinem jüngsten Roman "Ein paar Tage" angehängt hat: Lauter Erläuterungen landeskundlicher Art zu Algerien (etwa jene, dass sich hinter dem französischen Akronym AQMI die Terrorgruppe "Organisation al-Qaida au Maghreb Islamique" verbirgt) oder auch kurze Erklärungen zur Aufgabe und Zusammensetzung des deutschen Bundessicherheitsrats oder des Begriffs "Harki", mit dem Algerier bezeichnet werden, die sich zu Besatzungszeiten zur französischen Armee bekannten.

Man darf sich bei Bottini sicher sein, dass das, was er schreibt, Hand und Fuß hat, dass er sich auf Fakten stützt und diese mit stimmiger, realitätsnaher Fiktion ummantelt.

"Ein paar Tage Licht" nun spielt im Jahre 2012 und erzählt von der Entführung des deutschen Rüstungsmanagers Peter Richter in Algerien durch eine bis dato unbekannte Terror-Gruppe, die sich "Die Namenlosen" bzw. Mutaridu al-kuffar, "Vertreiber der Ungläubigen", nennt. Richter wird an einen unbekannten Ort in Nordafrika verschleppt und sofort läuten im Auswärtigen Amt in Berlin die Alarmglocken.

Ralf Eley, in Algier der Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes, versucht auf eigene Faust herauszubekommen, wo der im Auftrag eines deutschen Waffenproduzenten tätige Mann versteckt gehalten wird und warum zunächst gar keine Lösegeldforderungen erhoben werden. Hier ist seltsamerweise eben nicht "alles wie immer im islamistischen Entführungsbusiness".

"Die algerische Krankheit" 

Währenddessen sitzt im brandenburgischen Dorf Pessin im Havelland ein alter Algerier namens Youcef Benmedi, bemalt Wandkacheln mit seiner Kalligrafie und erwartet den Besuch seines Enkels Djemal, den er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Und ein baden-württembergischer Bundestagsabgeordneter trifft einen Lobbyisten der Waffenindustrie, der in seiner Villa in Berlin-Lichterfelde rauschende Feste feiert, auf denen sich das politische Establishment Berlins ein Stelldichein mit hochrangigen Interessenvertretern der Ökonomie gibt: In 73 kurzen Kapiteln wechselt Bottini geschickt immer wieder die Handlungsorte, wechselt vom Krisenreaktionszentrum in Berlin in die algerische Wüste und von dort wieder zu der idealistischen Ex-Botschafterin Katharina Prinz, die allein auf weiter Flur steht mit ihrem "Entsetzen darüber, welche geringe Bedeutung demokratische Grundwerte wie Menschenrechte, die Würde des Einzelnen, Freiheit, das Recht auf Meinungsäußerung in der alltäglichen deutschen Außenwirtschaftspolitik hatten, wenn Vertragsabschlüsse winken".

Ein politisch interessierter Leser bekommt durch diesen soliden Kriminalroman vor Augen geführt, was "die algerische Krankheit" genannt wird - und erfährt von jenen "ratissage" genannten Militäraktionen in Algerien, die hierzulande nur selten in der Berichterstattung Erwähnung finden.

Dass im Roman-Titel die für den gebürtigen Algerien-Franzosen Albert Camus so zentrale Metapher des Lichts aufscheint, mag Zufall sein, passt aber perfekt für dieses erhellende Buch.

Oliver Bottini: "Ein paar Tage Licht"
DuMont, Köln 2014
512 Seiten, 19,99 Euro
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