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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.12.2015

Kriminalpsychologie"Es gibt keinen Menschen, der ungefährlich ist"

Der Psychologe Rudolf Egg im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Eine Mann droht einer Frau mit der Faust. (picture alliance / dpa)
Gewaltpotential steckt in uns allen - meint der Psychologe Rudolf Egg (picture alliance / dpa)

Gutachter sind keine Richter, doch vor Gericht hat ihr Wort zunehmend Gewicht. Eine gefährliche Entwicklung, meint der Psychologe Rudolf Egg - die manchmal auch mit der Bequemlichkeit der Gerichte zusammenhängt.

Sie sind zwar keine Richter, aber ihr Wort hat Gewicht: Ob ein Prozess mit Gefängnis oder Freispruch endet, hängt oft von psychologischen Gutachtern ab. Sie beurteilen, ob ein Zeuge glaubwürdig ist – und mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mörder später wieder eine Straftat begehen kann. Jeder Mensch sei potenziell gefährlich – aber von psychologischen Tests, um potenzielle Täter noch vor ihrer Tat finden, hält er "gar nichts".

Rudolf Egg: Die (un)heimlichen Richter (Promo)Rudolf Egg: Die (un)heimlichen Richter (Promo)

"Es gibt keinen Menschen, der ungefährlich ist – niemand." Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg arbeitet als Gutachter etwa nach Morden und Sexualstraftaten. Sagt ein Zeuge die Wahrheit? Wird ein Vergewaltiger später erneut zum Täter? Mit solchen Fragen befasst er sich seit vielen Jahren.

Gegen psychologische Tests im Vorhinein

Die Aussagekraft solcher Prognose-Gutachten sei begrenzt, stellt Rudolf Egg klar. Zwar könne ein Sachverständiger mit Blick auf die Vorgeschichte, auf die vergangene Tat und auf das Verhalten in der Haft eine Rückfall-Wahrscheinlichkeit prognostizieren. "Die Frage, ob man den nun entlassen soll, wie man ihn entlassen soll – vielleicht mit einer elektronischen Fußfessel oder einer besonders strengen Führungsaufsicht – oder ob man das nicht machen soll, das ist etwas, wozu ein Psychologe oder Psychiater gar nichts sagen kann oder sagen sollte. Das muss die Justiz entscheiden."

Von psychologischen Tests, um potenzielle Attentäter oder Mörder zu erkennen, rät Egg kategorisch ab: "Davon halte ich gar nichts." Wer tatsächlich so eine Tat plane, könne sich durch solche Tests "wegducken". "Und wir würden viele Menschen in Verdacht bringen, die nie etwas anstellen würden."

Immer wieder handwerkliche Mängel

Oft wird Rudolf Egg zu Strafverfahren hinzugeholt, wenn ein erstes Gutachten in Zweifel gezogen wird. Und immer wieder stellt er handwerkliche Mängel fest. Haben also Angeklagte, die aufgrund eines ersten Gutachtens verurteilt werden, manchmal schlicht Pech? "Ich hoffe nicht, aber ich kann auch nicht ausschließen, dass es so etwas gibt." Es gebe zwar Regeln, wie ein seriöses Gutachten aufgebaut sein müsse und welche Methoden angewandt werden dürfen, doch die würden nicht immer eingehalten.

Rudolf Egg kritisiert die Praxis mancher Gerichte, immer mit demselben Gutachter zu arbeiten. "Den nimmt man, egal, ob er für diese Frage zuständig ist, weil man weiß wie lange der in etwa braucht. Das führt dann dazu, dass solche Sachverständigen zu heimlichen oder gar unheimlichen Richtern werden."

Rudolf Egg: Die (un)heimlichen Richter
Wie Gutachter die Strafjustiz beeinflussen
Verlag C. Bertelsmann
287 Seiten, 17,99 Euro

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Sachbuch - Zeichen der Wahrheit
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 24.01.2014)

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