Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 21.08.2014

Kriminalist Ernst Gennat"Buddha vom Alexanderplatz"

Der legendäre Berliner Kommissar gründete die erste ständige Mordkommission

Von Frank Kempe

Ausschnitt eines Plakates zu Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". (picture alliance / dpa / Nestor Bachmann)
Ausschnitt eines Plakates zu Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Mit dem Filmkommissar Karl Lohmann setzte der Regisseur Ernst Gennat ein Denkmal. (picture alliance / dpa / Nestor Bachmann)

Als Leiter der weltweit ersten ständigen Mordkommission revolutionierte Ernst Gennat die polizeiliche Ermittlungsarbeit und prägte den Begriff Serienmörder. Vor 75 Jahren starb er in Berlin.

Die goldenen 20er-Jahre in Berlin sind für Kriminalisten eine düstere Zeit. Denn nach dem Ersten Weltkrieg blüht das Verbrechen in der Vier-Millionen-Metropole.

Keine Woche vergeht ohne Mord und Totschlag. Es ist die Zeit, in der Ernst Gennat zur lebenden Legende wird: ein Kriminalbeamter mit phänomenalem Gedächtnis und viel psychologischem Gespür. Bärbel Fest, Leiterin der Polizeihistorischen Sammlung Berlin:

"Nicht umsonst sagt man ja heute: Gennat war der erste Profiler Deutschlands. Weil er sich wirklich auf die Täterpersönlichkeit gestützt hat und die als Ausgangspunkt genommen hat für seine Ermittlungen."

"Kriminalistik ist zu einem großen Teil Kunst der Menschenbehandlung", schreibt Gennat im "Handwörterbuch der Kriminologie": Er schaut nicht herab auf sein Gegenüber, egal, ob er es mit dem Frauenmörder Karl Großmann zu tun hat, bekannt als "Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof", oder einer Giftmischerin, die aus Habgier getötet hat. In seinem Büro im Polizeipräsidium am Alexanderplatz bringt er sie zum Reden, oft bei Kaffee und Kuchen. Essen ist praktisch sein einziges Laster. Fast drei Zentner Körpergewicht tragen ihm Spitznamen ein wie: "Buddha vom Alexanderplatz" und "Der volle Ernst".

"Durch seine Körperfülle ist er natürlich kein Ermittler gewesen, der durch die Gegend rennt, Trepp auf, Trepp ab, oder so. Aber die Kommissare erlebten ihn, wie er die Täter verhört. Und das lebte er ihnen auch vor. Man geht nicht mit Gewalt, man geht durch ruhige Befragung heran und versucht, die Verdächtigen dann eben so zu bewegen, die Wahrheit zu sagen."

Gennat ist Pendant bei den Ermittlungen

Ernst August Ferdinand Gennat kam schon früh mit dem kriminellen Milieu in Berührung. Geboren am 1. Januar 1880 in Berlin-Plötzensee, wuchs er hinter Gefängnismauern auf: Sein Vater war Oberinspektor der neu erbauten Haftanstalt. Die Familie wohnte auf dem Gelände. Nach der Schule und einem abgebrochenen Jura-Studium bewirbt sich der junge Gennat 1904 bei der Polizei. Die ersten Tatort-Erfahrungen sind ernüchternd: Viele Kollegen arbeiten planlos oder schlampig, verwischen Spuren, statt sie zu sichern. Gennat ist da Pedant, pocht auf systematische Beweisaufnahme. Noch heute gilt sein Leitsatz:

"Am Tatort wird nichts angeordnet, sondern bereits Angeordnetes durchgeführt."

1926 gründet er die "Inspektion M", die erste ständige Mordkommission der Welt. Er lässt ein Spezialfahrzeug mit Mini-Labor konstruieren, das sogenannte "Mordauto", und baut die zentrale "Todesermittlungskartei" auf, den Vorläufer einer polizeilichen Datenbank.

"Ob das total aufgeklärte Fälle waren, ob das Ansätze waren einer Aufklärung, bis hin zu Presseberichten hat er alles gesammelt, was mit Kapitalverbrechen zu tun hat."

Aufklärungsquote von fast 95 Prozent macht ihn zum Vorbild

Der Erfolg gibt ihm Recht: Eine Aufklärungsquote von fast 95 Prozent veranlasst Kollegen immer wieder, Gennat in schwierigen Fällen hinzuziehen. So verhört er in Hannover den Serienmörder Fritz Haarmann und später auch Peter Kürten, den "Vampir von Düsseldorf".

Das vermutliche "Original-Hackebeil" des Massenmörders Fritz Haarmann aus Hannover wird in einer musealen Polizei-Wachstube in Hameln vor einem Porträtfoto von Haarmann präsentiert. Durch das unglaubliche Ausmaß an Brutalität und Grausamkeit ist der Kriminalfall Haarmann in die Kriminalgeschichte eingegangen. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)Porträt von Fritz Haarmann: Auch diesen Serienmörder vernahm Ernst Gennat. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Kriminalisten aus aller Welt, unter anderem von Scotland Yard, kommen nach Berlin, um Gennat über die Schulter zu schauen. Trotzdem bleibt er bescheiden. Vergleiche mit Romanhelden behagen ihm nicht.

"Sherlock Holmes hat es leichter als sein staatlicher Kollege. Würde die kriminalistische Ermittlungsarbeit so nüchtern dargestellt, wie sie vielfach ist, so würde der Film, der Roman sehr bald langweilig werden."

"Hieraus ist er auf keinen Fall. Dann muss er auf dem Hof sein. Verdammt noch mal. Irgendwo muss doch der Kerl sein."

"M – Eine Stadt sucht einen Mörder". Mit dem Filmklassiker setzt Fritz Lang dem Kriminalisten Gennat ein Denkmal. Gennat steht Pate für den Filmkommissar Karl Lohmann:

"Moment mal: Ariston. Was war da doch gleich? Ich möchte die Akten aus der Mordsache Marga Perl haben."

Mit der Machtübernahme der Nazis wird es ruhiger um den "Buddha vom Alexanderplatz". Er geht auf Distanz zu den braunen Machthabern und ist deswegen kaum noch gefragt. Das neu geschaffene Reichskriminalpolizeiamt übernimmt SS-Sturmbannführer Arthur Nebe, ein Schüler Gennats. Er selbst erkrankt an Krebs und stirbt am 21. August 1939.

Ernst Gennats Beerdigung ist ein Großereignis. 2.000 Menschen erweisen ihm die letzte Ehre – dem Mann, der allein 298 Morde aufklärte.

 

Mehr zum Thema:

Kriminalistik - Den Tätern auf der Schliche (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 02.12.2013)
Kriminalistik - Fingerabdrücke sind nicht eindeutig (DRadio Wissen, Natur, 10.01.2012)
Kriminalistik - Die Spur des Bösen (DRadio Wissen, Kultur, 02.07.2010)

Kalenderblatt

Gioachino RossiniKomponist mit enormem Arbeitstempo
Gioachino Rossini (1792-1868) (imago/Leemage)

Gioachino Rossini gilt als einer der erfolgreichsten Komponisten der Musikgeschichte. Sein bekanntestes Werk, der "Barbiere di Sevilla", war schon fünf Jahre nach seiner Uraufführung mehr als 1.000 Mal aufgeführt worden. Er starb vor 150 Jahren in Paris.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur