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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.01.2013

Kriegsführung per Fernbedienung

Armin Krishnan: "Gezielte Tötung. Die Individualisierung des Krieges", Berlin 2012, 270 Seiten

Ein Soldat montiert eine Drohne vom Typ "Luna". (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Ein Soldat montiert eine Drohne vom Typ "Luna". (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Der US-Sicherheitsexperte Armin Krishnan hat mit "Gezielte Tötung" einen klarsichtigen Essay über avancierte Militär-, Aufklärungs- und Überwachungstechnik vorgelegt. Eine alptraumhafte Lektüre, die viele Fragen aufwirft - politische wie moralische, meint Thomas Wörtche.

Der Untertitel des Buches "Die Individualisierung des Krieges" (der mit dem Untertitel auf dem Umschlag des Buches: "Die Zukunft des Krieges" nicht ganz kongruent ist) führt ein wenig in die Irre. Denn um regelrechte Kriege, wie sie Staaten gegen Staaten führen, geht es hier weniger: Staaten befinden sich oft aus unterschiedlichen Gründen in Konflikten mit nicht-staatlichen Strukturen, die auf dem Territorium anderer souveränen Staaten operieren, mit denen sie nicht identisch sind (Al Kaida in Pakistan), oder mit nicht-staatlichen Strukturen, die man – je nach point of view – dem "Terrorismus", dem "organisierten Verbrechen" (zum Beispiel die mexikanischen Drogenkartelle) etc. zurechnen möchte.

Um solche Konflikte möglichst ohne eigene Verluste führen zu können, werden zunehmend Drohnen eingesetzt, um "Feinde" auszuschalten. Individuen, also Chef-Ideologen, masterminds, Spezialisten, operative Führer und auch einfache "Fußsoldaten" können mit der entsprechenden Technologie (Lenkwaffen) getötet werden, nachdem sie vorher mit immer perfekterer Überwachungstechnologie (Satelliten, Minidrohnen etc.) identifiziert und lokalisiert worden sind. Solche Tötungen können "reaktiv" oder "präventiv" sein. Die Definitionsmacht liegt bei den Staaten, die zu solchen Aktivitäten in der Lage sind.

Da liegen die Probleme, die Krishnan diskutiert. Denn was bei einzelnen Menschen wie bin Laden angemessen und vernünftig scheint, birgt eine Menge juristischer und moralischer Probleme: Sind solche Tötungen politische Morde, Attentate, gar Staats-Terrorismus oder legitime und legale Instrumente der offiziellen Politik souveräner Staaten? Und was, wenn im Westen unbeliebte Staaten wie der Iran zu solchen Mitteln griffen? Wer kontrolliert und begründet die Auswahl der Ziele, wer liefert den moralischen Rahmen für "präventive Maßnahmen" und, vor allem, wer kontrolliert die Tötungsaktionen, die ja, auf der Höhe der Technik, umso effektiver sind, je unbeobachteter und je unnachweisbarer sie ausgeführt werden?

Krishnan ist skeptisch, ohne mehr als nur ein bisschen in verschwörungstheoretische Fahrwasser zu geraten: Die politische Attraktivität der drone strikes stimmt unbehaglich. Inwieweit solche Technologien zur Überwachung der eigenen Bevölkerung eingesetzt werden können, ist angesichts der Perfektion und der Unauffälligkeit von kleinen Drohnen eine keineswegs akademische Frage. Allerdings: Wenn, wie im Falle der privaten Militärfirma Xe, letztere schon outgesourcet im Auftrag, aber ohne Verantwortung geheimer Dienste der USA, tötet, könnten Diskussionen, wie das technisch Machbare demokratisch wirksam kontrolliert werden könnte, längst zu spät kommen. "Gezielte Tötung" ist ein Alptraum-Essay.

Besprochen von Thomas Wörtche

Armin Krishnan: Gezielte Tötung. Die Individualisierung des Krieges
Matthes & Seitz, Berlin 2012
270 Seiten, 17,90 Euro


Gespräch mit dem Buchautor auf dradio.de:
Die gezielte Tötung als Illusion vom "sauberen" Krieg - Zukunft des Krieges

Mehr auf dradio.de:
Der Drohnenkrieg und seine ethischen Probleme - Armin Krishnan: "Gezielte Tötung - Die Zukunft des Krieges"

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