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Interview | Beitrag vom 06.05.2020

Kriegsende vor 75 Jahren Das Ringen um die Erinnerung

Max Czollek im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Porträt von Max Czollek. (Laif / Amin Akhtar)
Max Czollek, Autor des Buches "Desintegriert euch", spricht vom "Gedächtnistheater". (Laif / Amin Akhtar)

Die Erinnerungskultur rund um den 8. Mai 1945 bewertet der Publizist Max Czollek kritisch. Er mahnt eine stärkere Berücksichtigung anderer Perspektiven an.

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Ein Satz dazu hat sich in der bundesdeutschen Erinnerungskultur festgeschrieben: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalistischen Gewaltherrschaft", sagte der damalige Bundespräsident  Richard von Weizsäcker 1985 bei der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag und löste damals große Debatten aus.

"Im Sinne einer Multiperspektivität war der 8. Mai natürlich ganz viele verschiedene Dinge", sagt dazu der Lyriker und Publizist Max Czollek. Für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sei es ein Tag der Niederlage gewesen. Die meisten Deutschen hätten schließlich die Nationalsozialisten unterstützt.

Andere Form der Erinnerung 

Aber Weizsäcker habe 1985 gegen ein bestimmtes rechts Narrativ ansprechen wollen und eine andere Form der Erinnerung etablieren wollen. "Mitte der 80er-Jahre war der Satz ein wichtiger Satz", so Czollek.

Gleichzeitig sehe man heute mit etwas Abstand, was dieser Satz in Deutschland damals alles ausgelöst habe. "Er stand am Anfang einer Entwicklung, die man als Normalisierung eines deutschen Nationalstolzes bezeichnen könnte, nämlich zu sagen, endlich kann man wieder stolz sein auf Deutschland, weil Deutschland erinnert so toll."

Kritik an Befreiungsnarrativ

Kritisch äußerte sich Czollek auch darüber, dass im Zusammenhang mit dem 8. Mai auch von der Befreiung Europas die Rede sei. Das finde er interessant, denn plötzlich würden die deutsche Aggression, der deutsche Nationalsozialismus quasi in die Gesamtbefreiung Europas eingeordnet. Dabei sei Europa von Deutschland befreit worden.

Die Funktion dieses Befreiungsnarrativs sei es, sich von der Verantwortung zu distanzieren, die man eigentlich für den Nationalsozialismus hatte, Czollek. Da setze seine Kritik an, nochmal zu fragen, wie eigentlich die Übernahme von Verantwortung funktioniere, wenn dieses Befreiungsnarrativ im Zentrum stehe und Erinnerung permanent an Versöhnung gekoppelt werde. Das habe man so auch in der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gehört. Es gehe dabei vor allem um ein deutsches Bedürfnis, versöhnt zu werden und sich befreit zu fühlen, kritisierte Czollek.

Verschiedene Perspektiven wichtig

Das sei eine sehr deutsche Perspektive aus einer "Opferperspektive", sagt der Publizist über den Wunsch nach einem Ende des Erinnerns. "Diese Frage kann man nur stellen, wenn man selber das Gefühl hat, das ist eigentlich kein Thema mehr und irgendwie lästig." Die Pointe der Kritik müsste deshalb eigentlich sein, unterschiedliche Erinnerungsperspektiven aufzunehmen und eben nicht immer nur das Bedürfnis einer deutschen Mehrheit in der Dominanzposition zu bedienen, sondern auch das Bedürfnis von verfolgten Minderheiten zum Beispiel."

Sein neues Buch "Gegenwartsbewältigung" werde an sein erstes Buch "Desintegriert Euch" anknüpfen. Darin frage er danach, ob eine wehrhafte Demokratie in Deutschland ihre Kraft nicht viel stärker aus einer radikalen Vielfalt der Perspektiven schöpfen sollte statt aus einer dominanten Position, die immer sage: "Integriert Euch mal, orientiert Euch mal an der Leitkultur."  

(gem)

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