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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.10.2008

Kriege und Katastrophen

Enzo Traverso: "Im Bann der Gewalt - Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945"

Rezensiert von Wolfgang Sofsky

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Drei Generationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs müht sich die Geschichtsschreibung noch immer, das Zeitalter des Schreckens in Gedanken zu fassen. Für den italienischen Ideenhistoriker Enzo Traverso, der an der Universität Amiens Politik unterrichtet, fügen sich die diversen Kriege und Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem einheitlichen Bild. Von 1914 bis 1945 habe ein 30-jähriger Bürgerkrieg Europa überzogen, der nicht nur Millionen Opfer kostete, sondern auch die Kultur der Bilder und Worte durchdrang.

"Er entstand aus einem klassischen Konflikt zwischen Großmächten um die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent, wurde dann nach 1917 zu einer Konfrontation zwischen Revolution und Konterrevolution, um 1941 in einen unbarmherzigen Krieg zwischen zwei unvereinbaren Weltanschauungen seinen Höhepunkt zu finden."

Im ersten Teil des Buches erinnert Traverso an die vielfältigen Konfliktlinien zwischen Staaten, politischen Religionen und sozialen Gruppen. Nach beiden Weltkriegen kam es zu lokalen
Cover: "Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt - Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945" (Siedler Verlag)Cover: "Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt - Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945" (Siedler Verlag)Bürgerkriegen: in Russland und im Baltikum, auf dem Balkan und in Griechenland. In Spanien erprobten die totalitären Diktaturen die Schlagkraft ihrer Verbände und Ideologien.

Umsiedlungen und ethnische Säuberungen vertrieben Millionen aus ihrer Heimat und ließen in Osteuropa homogene Nationalstaaten entstehen. Ganze Völkerschaften wurden verfolgt, deportiert oder systematisch ermordet. Aber lassen sich alle diese Feldzüge, Scharmützel, Massaker und Verfolgungskampagnen schlichtweg unter den Begriff eines kontinentalen Bürgerkriegs subsumieren?

"Der Bürgerkrieg zielt nicht auf einen gerechten Frieden mit einem legitimen Gegner, sondern auf die Vernichtung des Feindes ab... Die Gewalt ist niemals reines Werkzeug. Sie lädt sich vielmehr mit einer starken Symbolik auf, nährt sich aus sich selbst und nimmt eine Eigendynamik an, bis sie zum Selbstzweck wird...

Auf dem gesamten Kontinent nahm der totale Krieg die Merkmale eines Bürgerkriegs an, nicht weil sich hier feindliche Kräfte bekämpft hätten, die zur selben politischen Gemeinschaft, zum selben Staat gehörten, sondern weil dieser Krieg die Zivilgesellschaften aller beteiligten Länder zutiefst beeinflusste."

Um seine Generalthese zu begründen, rechnet Traverso alle Gewaltformen, die sich nicht dem völkerrechtlichen Idealbild des symmetrischen Staatenduells fügen, dem Bürgerkrieg zu. Dies ist wenig überzeugend. Zwar berichtet der Autor von zahlreichen Gewaltereignissen, die in der offiziellen Erinnerungspolitik hierzulande häufig übergangen werden. Aber die begriffliche Konfusion verzerrt die historische Realität. Der Nationalismus als kollektives Gewaltmotiv wird systematisch unterschätzt.

Auch reguläre Kriege pflegen die Zivilbevölkerung keineswegs zu verschonen. Der Bombenkrieg war ein Akt des Kriegsterrors und keine Bürgerkriegsstrategie. Russische Partisanen und Rotarmisten bekämpften die "deutsche Bestie", um die Heimaterde zu verteidigen, nicht um den internationalen Klassenfeind zu vernichten. Putschversuche, blutige Saalschlachten und Massenaufmärsche wie in der Weimarer Republik ergeben noch keinen Bürgerkrieg.

Die Völkermorde an Armeniern und Juden waren keine Bürgerkriegsverbrechen, sondern staatlich organisierter Verfolgungsterror gegenüber wehrlosen Opfern. Und seine Freiheit verdankt Westeuropa nicht den Aktionen italienischer oder französischer Widerständler, sondern der angelsächsischen Invasion in Sizilien und der Normandie. Als entscheidende Kriegspartei kommen die USA nicht vor. Sie passen offenbar nicht in das Konzept eines kontinentalen Bürgerkriegs. Ohnehin erfährt der Leser von der Militärgeschichte der Weltkriege, von den Feldzügen, Schlachten, Belagerungen und dem Alltag der Besatzung nur wenig.

Traversos einseitige Besichtigung des Zeitalters verdankt ihre Perspektive den intellektuellen Verlierern der Epoche. Bei Carl Schmitt und Walter Benjamin, bei Ernst Jünger, Leo Trotzki und vielen anderen Vordenkern der ideologischen Extreme glaubt er den Geist der Epoche erkennen zu können.

"Die Extreme berührten sich zwar nicht, aber ihre Opposition ging von denselben Feststellungen aus: Europa steckte in einer tiefen Krise, seine Ordnung war endgültig zusammengebrochen, und es war nötig, eine neue, radikale Lösung zu finden, wenn der Kontinent noch eine Zukunft haben sollte."

Im Detail verfolgt Traverso die Rhetorik der Angst und Verachtung, der Feindseligkeit, des Aktivismus, die Politisierung des Geistes und die Polarisierung der politischen Religionen. Im zweiten Teil des Buches erweist er sich als profunder Kenner der Diskurse der Zwischenkriegszeit. Aber auch hier verzerrt die Leitidee die Analyse. Das weite Mittelfeld der avantgardistischen Experimente und populären Moden, der traditionellen Lebensformen und religiösen Bindungen bleibt völlig ausgeblendet.

Die Kultur von Weimar, Rom, Paris oder Wien war keineswegs nur Kriegskultur. Und die Sozialfigur des Intellektuellen erschöpfte sich mitnichten im Parteigänger einer roten, schwarzen oder braunen Revolution.

Zu den Hauptmotiven Traversos gehört die Ehrenrettung des Antifaschismus. Bevor der Bolschewismus zur Volksfrontstrategie wechselte und die Reihen schloss, gab es bereits einen nichtkommunistischen Antifaschismus.

"Die simple Gleichsetzung von Antifaschismus und Kommunismus ist mehr eine nachträgliche Projektion antikommunistischer Historiker als ein Urteil, das sich auf eine kontextuelle Analyse stützen könnte... Letzten Endes war es der Faschismus, der die Einheit seiner Gegner zementierte... Aber man glaubte auch in Westeuropa, den Faschismus nicht ohne Unterstützung der Kommunisten und der Sowjetunion bekämpfen zu können."

Die Nachsicht gegenüber der roten Despotie und die Blindheit gegenüber dem Holocaust gehören zur Skandalgeschichte der antifaschistischen Intelligenz. Dessen ist sich Traverso wohl bewusst.

Dass es seinerzeit keine intellektuellen Alternativen gegeben habe, ist jedoch nichts als ein Mythos. Nur wer den Antitotalitarismus verachtet und dem Antiliberalismus seiner intellektuellen Gewährsleute aufsitzt, der hält für ein historisches Dilemma, was in Wahrheit nichts als politische Torheit und moralische Halbsichtigkeit war.


Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt - Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945
Aus dem Franz. von Michael Bayer
Siedler Verlag, München/2008

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