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Thema / Archiv | Beitrag vom 22.01.2014

Krieg in Syrien"Eine unglaubliche Wut"

NGO-Mitarbeiterin kritisiert die internationale Staatengemeinschaft für ihre Tatenlosigkeit in Syrien

Christin Lüttich im Gespräch mit Joachim Scholl

Junge Syrer, die mit dem Aufstand gegen das Assad-Regime zunächst große Hoffnungen verbunden hätten, seien enttäuscht über die mangelnde Unterstützung aus dem Westen, sagt Christin Lüttich von der Nicht-Regierungsorganisation Bidayyat. Dass Machthaber Assad jetzt sogar als Verhandlungspartner wieder salonfähig gemacht werde, sei sehr frustrierend für die Aktivisten.

Joachim Scholl: Die Welt blickt heute in die Schweiz, wo die Syrien-Konferenz beginnt, und welche Hoffnungen man in der Region an dieses Treffen knüpft, wollen wir von Christin Lüttich hören. Sie arbeitet für die syrische Nichtregierungsorganisation Bidayyat, die vor allem syrische Filmemacher in ihrem Bemühen unterstützt, authentisch vom Geschehen in Syrien zu berichten. Wir erreichen Christin Lüttich in Beirut. Guten Morgen!

Christin Lüttich: Schönen guten Morgen!

Scholl: Die Hoffnungen, Frau Lüttich, dass diese Konferenz in Genf eine Lösung des Konflikts bringt, die sind schon im Vorfeld vielfach gedämpft worden. Was erwarten Sie und Ihre Organisation?

Lüttich: Wir sind da leider auch nicht sehr optimistisch, weil leider doch ganz klar im Vorfeld sich schon abgezeichnet hat, dass die Grundvoraussetzung, nämlich der Abtritt Baschar al-Assads, gar nicht zur Diskussion steht und damit auch eigentlich das Grundproblem des ganzen Konfliktes nicht gelöst wird. Das ist nicht nur meine Einschätzung, sondern auch die Einschätzung vieler junger Filmemacher, mit denen wir hier arbeiten, die zum Teil in Syrien, zum Teil aber auch hier im Libanon oder in der Türkei mittlerweile leben, die sagen, solange dieses Regime noch weiter foltert, weiter Fassbomben auf die Städte wirft und ganz gezielt und systematisch wirklich ganze Stadtteile aushungert, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, wird sich auch in Montreux nicht viel ändern. Eigentlich reagieren viele mit Sarkasmus, sagen, wann fährt denn der Bus nach Genf II und können wir da auch in einem der Fünf-Sterne-Hotels mit absteigen, denn wir haben Hunger.

Scholl: Was erleben diese Filmemacher, die Sie unterstützen, Frau Lüttich? Was erzählen sie Ihnen?

Er hatte ein Stipendium für einen Film, wurde aber zu Tode gefoltert

Lüttich: Das ist sehr unterschiedlich. Es sind sehr viele sehr bewegende Schicksale dabei. Zum einen arbeiten wir mit Leuten zusammen, die noch in Syrien selbst leben, beispielsweise ein junger palästinensischer Filmemacher, der leider in den letzten Wochen und Monaten in den Schlagzeilen sehr bekannten palästinensischen Viertel gelebt hat, Yarmouk, einem Vorort von Damaskus, der einen Film drehen wollte über sein Leben dort und wie er von Stockwerk zu Stockwerk weiter runterziehen musste, weil er sich vor den Scharfschützen sichern wollte, und wollte einen Film über diese Erfahrungen drehen. Dazu kam er leider nicht mehr. Er hatte zwar von uns ein Stipendium erhalten. Er ist aber bei dem Versuch, aus dem Camp herauszugehen, leider verhaftet worden und, wie wir vor einem Monat erfahren haben, leider innerhalb von zwei Wochen zu Tode gefoltert worden.

Das sind sehr bewegende Schicksale. Wir haben aber natürlich auch positivere Beispiele, junge Leute, die sich aufgemacht haben in den Norden und dort versuchen, auch positive zivile kleine Initiativen zu dokumentieren, die beispielsweise Theaterkurse, Englischkurse anbieten. Also es gibt auch diese Ereignisse.

Scholl: Wie arbeiten Sie mit Ihrer Organisation von Beirut aus? Was können Sie tun, wie unterstützen Sie diese Filmemacher, wie müssen wir uns diese Arbeit vorstellen?

Lüttich: Es ist natürlich nur ein ganz bescheidener Beitrag im Rahmen von vielen Projekten, die momentan versuchen, Kunst und Kultur zu unterstützen, weil uns auch ganz wichtig ist zu sagen, es geht hier nicht nur um humanitäre Unterstützung, sondern auch darum, dass die Menschen einen Sinn in ihrem Leben haben und das auch verarbeiten können, und da ist natürlich Filmemachen ein wichtiger Bestandteil. Es ist ein syrisches Projekt, das ist mir ganz wichtig. Ich bin die einzige Ausländerin, die in dem Projekt hier arbeitet, dadurch, dass ich mehrere Jahre auch in Syrien gelebt habe.

Wir haben eigentlich drei Formen der Unterstützung, die wir anbieten. Zum einen haben wir Filmmaterial, was wir den Leuten ausleihen können, Kameras, Tontechnik und so weiter. Wir geben kleine Stipendien, dass die Leute auch für längere Projekte, Filmprojekte, größere Dokumentarfilme arbeiten können und sich diesen widmen können, da ja ganz viele ihre Heimat, ihre Wohnung, ihre Familie, viel verloren haben und auch sehr prekär in den Ländern, in die sie geflüchtet sind, leben, oder auch in Syrien selbst. Es gibt ja kaum Einkommensquellen mehr in dem Land, was vom Bürgerkrieg wirklich gezeichnet ist.

Zum dritten versuchen wir vor allem aber auch eine Debatte anzuregen. Sprich: Wir organisieren Workshops und Ateliers, wo die Leute nicht theoretisches Wissen erwerben, sondern an ihren ganz konkreten Filmprojekten arbeiten, und versuchen, sie da im Austausch mit professionellen Dokumentarfilmemachern aus der Region zusammenzubringen, so dass sie auch etwas reflektieren über das, was sie da in dem Film darstellen wollen, und auch eine gewisse Distanz gewinnen.

Scholl: Die Situation in Syrien aus dem Blick von Christin Lüttich von der syrischen Nichtregierungsorganisation Bidayyat. Wir telefonieren hier im Deutschlandradio Kultur nach Beirut, wo Christin Lüttich lebt und arbeitet. – Die politischen Koordinaten, die sind ja gänzlich durcheinander, und die Freiheitsbewegung gegen Assad ist gespalten. Die verschiedenen Fraktionen haben kaum demokratische Interessen. Deshalb ist ein Eingreifen von außen inzwischen ja auch völlig vom Tisch. Und der einzig herrschende Konsens im Westen ist eben die Verbesserung der humanitären Situation. Was bedeutet das aber, Frau Lüttich, konkret auch für Ihre Arbeit und die der syrischen Filmemacher? Können denn die Berichte auf der politischen Ebene noch irgendetwas bewegen?

Lüttich: Man muss ganz klar sagen: In den zwei Jahren, in denen wir jetzt in dem Projekt arbeiten, herrscht eine große Frustration unter den jungen Leuten, weil ganz viele wirklich in der Hoffnung waren im ersten und zweiten Jahr der Revolution, dass sie in ihrem Land endlich was bewegen können, dass sie sich endlich frei ausdrücken können und dass auch gerade das Verbot, was früher in Syrien geherrscht hat, jetzt endlich zu liften ist und sie durch kreative Arbeit ganz viel bewegen können.

Das ist jetzt natürlich der Enttäuschung und Desillusion gewichen, dass es kein Eingreifen gibt. Die Leute ziehen sich zurück, viele ins Persönliche. Das haben wir ganz klar bemerkt. Viele mussten auch aus Syrien fliehen. Wir hatten vor einem Jahr noch wesentlich mehr Menschen, die in Syrien selbst Filme gedreht haben. Das ist mittlerweile ganz stark reduziert worden. Viele sind auch psychologisch durch alles, was sie erlebt haben, Verwandte, die sie verloren haben oder die verhaftet wurden, Freunde, die verschwunden sind, nicht wieder aufgetaucht sind, sehr stark gezeichnet.

Andererseits gibt es aber auch eine unglaubliche Wut auf die internationale Gemeinschaft und man sagt, es kann doch nicht sein, dass mittlerweile Assad schon wieder fast rehabilitiert wurde. Gerade nach dem Giftgasanschlag im Sommer 2013 war das für viele Syrer wirklich zynisch zu sagen, man nimmt dem Mörder zwar die Mordwaffe weg, indem man ihm die chemischen Waffen wegnehmen möchte, doch für den Mord selbst oder für die Verbrechen, die er begangen hat, wird er nicht verurteilt. Diese komplette Straffreiheit und dass Assad jetzt sogar wieder als Verhandlungspartner salonfähig gemacht wird, ist doch sehr frustrierend, so dass sich die meisten Aktivisten und Filmemacher, mit denen wir arbeiten, nichts mehr vom Westen erhoffen.

Scholl: Aber genau diese politische Frustration, Frau Lüttich – vorhin sagten Sie auch, dass Sie und Ihre Kollegen jetzt auch wenig Hoffnung auf eine Lösung dieser Konferenz hätten -, wie steht man denn selbst politisch in diesem Spagat zwischen dem Assad-Regime und den Rebellen? Das eine verwirft man, aber die Rebellen, die ja doch durchaus andere Interessen haben, als eine Demokratie in Syrien zu errichten, für die kann man auch nicht sein. Wie hält man das aus?

"Man muss vor allem die zivilen Kräfte vor Ort in Syrien unterstützen"

Lüttich: Na ja, das will ich ein bisschen nuancieren wollen. Ich denke, das kann man so nicht stehen lassen. Wenn man sagt, die Rebellen, dann suggeriert man natürlich, dass das eine einheitliche Gruppe wäre. Dem ist natürlich nicht so. Das macht es ja auch gerade so kompliziert in Syrien, dass man so viele kleine Splittergruppen hat.

Ich denke, was ganz wichtig ist, was uns auch ganz viele junge Filmemacher sagen, die ja sehr auch in engem Kontakt gerade zum Beispiel zur bewaffneten Opposition in Syrien leben und auch oftmals Porträts über diese Gruppen anfertigen, ist zu sagen, wir stehen mittlerweile eigentlich mit dem Rücken zur Wand. Zum einen wurden wir und werden wir teilweise noch vom Assad-Regime verfolgt, zum anderen aber auch durch die extremistischen Kräfte, die im Norden im Rahmen dieses Machtvakuums ihre Plätze eingenommen haben, unter anderem die Islamistische Front oder auch die islamistischen Kämpfer, die el-Kaida nahe sind.

Man lässt die Leute sehr allein und was mir viele Leute sagen und schildern ist, dass diese Abwarte- und passive Politik des Westens in den drei Jahren eigentlich nur dazu geführt hat, dass die extremistischen Kräfte unterstützt wurden, denn die erfahren bedingungslose Unterstützung durch Katar und Saudi-Arabien, während die zivilen Kräfte damit zu kämpfen haben, dass sie Antragsformulare auf Englisch ausfüllen müssen, dass sie, wenn sie nicht registriert sind, von den Organisationen keine Unterstützung erhalten.

Wir sind der Ansicht und auch die jungen Leute sagen das ganz oft: Es gibt Alternativen. Das ist keine selbsterfüllende Prophezeiung, dass das so passieren muss in Syrien, sondern man könnte ganz gezielt – und das muss man dann aber auch bis zum Ende durchstehen – die bewaffneten moderaten Gruppen unterstützen, man muss die politische Opposition, sprich den Nationalrat und die Nationalkoalition ausstatten mit wirklich Geld und Unterstützung. Das ist bis heute eigentlich nicht der Fall. Und man muss vor allem auch die zivilen Kräfte vor Ort in Syrien selbst unterstützen mit kleinen Mitteln.

Scholl: Frau Lüttich, was macht Ihnen denn noch Mut, weiter zu arbeiten?

Lüttich: Mich beeindrucken wirklich die jungen syrischen Filmemacher selbst. Sie sind unheimlich determiniert und entschieden, dass sie sagen, wir werden unser Land nicht aufgeben. Das ist unsere Heimat, sie gehört uns und wir wollen in Freiheit leben, in Pluralismus leben, wir wollen in einem Land leben, was weder religiös, noch säkular als Diktatur funktioniert, sondern wirklich in einer Demokratie, wo alle ihren Platz haben.

Ich finde es unheimlich beeindruckend, dass trotz all des Leides und all der Zerstörung, die diese jungen Menschen erlebt haben, sie weiterhin Filmprojekte anleiern, künstlerische Projekte anleiern, weiterhin so frohen Mutes sind und auch immer wieder nach Syrien zurückkehren. Solange das noch der Fall ist und sie sich nicht komplett abwenden, habe ich noch große Hoffnung für das Land.

Scholl: Am Tag der Syrien-Konferenz die Meinung von Christin Lüttich aus Beirut, wo sie für eine syrische Nichtregierungsorganisation arbeitet. Danke Ihnen, Frau Lüttich, für das Gespräch und alles Gute.

Lüttich: Sehr gerne. Danke schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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