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Zeitfragen | Beitrag vom 07.05.2019

Kreuzfahrtschiffe unerwünschtBarcelona kämpft gegen Tagestouristen

Von Marc Dugge

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Demonstranten halten Banner hoch auf denen steht, dass die Kreuzfahrtschiffe "Barcelona töten". (picture alliance / SOPA Images via ZUMA Wire / Victor Serri)
"Kreuzfahrtschiffe töten Barcelona": Heftiger Protest gegen die Besuchermassen. (picture alliance / SOPA Images via ZUMA Wire / Victor Serri)

Barcelona ist eines der beliebtesten Reiseziele deutscher Kreuzfahrt-Touristen. Einige Unternehmer und Geschäftsleute dort freuen sich über deren Kauflust an Land. Viele Einheimische fühlen sich wegen der Besuchermassen aber zunehmend unwohl.

11 Uhr im Hafen von Barcelona. Busse warten mit laufenden Motoren. Sie bringen die Touristen ins Zentrum, für den Tagesausflug. Ein Ehepaar aus Friedrichsroda in Thüringen wollte nicht so lange warten. Die beiden sind schon früh an Land gegangen, in bester Ferienstimmung.

"Wir sind in Genua gestartet – über Rom, dann nach Palermo, Valetta, heute in Barcelona, morgen in Marseille und am Samstag wieder in Genua. Wir waren schon mal in Barcelona, haben schon mal die Sehenswürdigkeiten gesehen und sind auf eigene Faust noch mal losgegangen."

Millionen Touristen auf Stippvisite

Um zu shoppen: In ihrer Hand baumelt eine Tüte einer spanischen Modefirma. Fünf Stunden haben die beiden noch Zeit – dann müssen sie wieder auf dem Schiff sein. Der Städtebesuch ist für die meisten Kreuzfahrttouristen nicht mehr als eine kleine Stippvisite.

Mehr als drei Millionen Besucher sind im vergangenen Jahr mit ihren Schiffen im Hafen von Barcelona ein- oder ausgelaufen - gut zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Das finden nicht alle gut – und nicht nur der Umweltverschmutzung wegen. Maria García von der Umweltschutzorganisation "Ecologistas en Acción" kritisiert, dass der Massenansturm Barcelona letztlich wenig bringt:

"Das Konzept der Kreuzfahrtschiffe heißt: Alles an Bord. Ob Gastronomie oder Unterhaltung. Die Menschen verbringen nur wenige Stunden in der Stadt – sie lassen uns mit den Schadstoffen und den Kosten allein, der Bürger hat keinerlei Nutzen davon. Dieser Tourismus verändert die Stadtviertel und vertreibt deren Bewohner, die Mieten steigen. Die Stadt ist zu Diensten eines Massentourismus, der nicht nachhaltig ist."

Plage oder Segen für die Metropole?

In den vergangenen Jahren gab es in Barcelona schon vereinzelt Proteste von radikalen Gruppen. Sie stürmten im vergangenen Sommer etwa einen Touristenbus, hingen ein Protestplakat auf – und zündeten Leuchtfeuer.

Andere preisen dagegen die positiven Effekte für die lokale Wirtschaft. So etwa der frühere Chef des Hafens von Barcelona, Carles Domingo. In einem Interview mit der Zeitung "La Vanguardia" sagte er schon vor einigen Jahren: "Das sorgt für Einkünfte für die ganze Stadt. Angefangen mit den Taxis, gefolgt von den Limousinen-Services und den Ausflugsanbietern. Und dann sind da die Geschäfte und Hotels!"

Kritiker bestreiten, dass diese Rechnung aufgeht. Axel Friedrich vom Naturschutzbund NABU zum Beispiel. Er forscht seit Langem, wie sich der Kreuzfahrtourismus auswirkt: "Die Schiffe bringen weniger Geld in die Stadt hinein als sie an Schäden verursachen. Selbst ein einfacher Rucksacktourist bringt mehr Geld in die Stadt als ein Tourist auf einem Kreuzfahrtschiff." Eben weil sie alles an Bord bekämen, so Friedrich.

Touristen gehen am 21.07.2017 durch die Einkaufsstraße La Rambla in der Innenstadt von Barcelona (Spanien).  (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)Besuchermassen auf Las Ramblas: Die Einheimischen werden zum Fremdkörper. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Schon morgens schieben sich Touristengruppen über Barcelonas berühmte Flaniermeile, die Ramblas – und die angrenzende Altstadt.

Die Einheimischen fühlen sich fremd

"Vor einigen Jahren hat es mich überrascht, wenn ich Gruppen von 25 Touristen zusammen gesehen habe", sagt Jordi Teixidó: "Wie kann denn das sein? 25 zusammen! Aber jetzt sind es auf einmal 50! Du gehst durch die Straßen – und vielleicht ist es dein Viertel, deine Straße – aber auf einmal bist du der Fremdkörper. Der Seltsame bist du!"

Jordi Teixidó arbeitet hier im Viertel. Der Charakter der Stadt habe sich durch die Touristen verändert, erzählt er. Wo früher kleine Geschäfte und Familienbetriebe waren, sind heute Souvenirläden und großen Ketten eingezogen:

"Barcelona wird zur Kulisse, voll von Touristen. Wenn die Geschäfte, die es früher gab, weg sind – welchen Charme hat die Stadt dann noch? Du hast dann Mango, Zara, H&M. Die gibt es überall. Wenn du nachts unterwegs bist und die Fassaden nicht siehst, könntest du denken, du bist auch in Paris oder Rom."

Aber es gibt Orte, die gibt es eben nur in Barcelona. Die Boquería zum Beispiel. Eine große Markthalle, direkt an den Ramblas. An den Ständen türmen sich frische Erdbeeren und Oliven, in den Auslagen schillern Fische, Botifarras, katalanische Würste, sind appetitlich angerichtet. Ein Fest für die Sinne - und ein Magnet für Kreuzfahrttouristen.

Dennoch: Oscar Ubide, Sprecher der Händler der Boqueriá, kann sich nicht so ganz über die zusätzliche Kundschaft freuen:

"Vor ein paar Jahren ist uns klargeworden, dass es gerade am Wochenende ein Problem gibt, wenn die Einheimischen hier einkaufen. Manchmal sind hier Touristengruppen von bis zu 80 Personen aufgetaucht, die hinter jemandem mit einer kleinen Fahne hinterherlaufen, um den Markt zu besuchen. Sie störten die Verkäufer und die Kunden – und für sie war es auch nicht angenehm, denn sie konnten den Markt so gar nicht genießen."

Die Händler baten das Rathaus um Hilfe, um die Zahl der Touristen zu beschränken. Mit Erfolg. Am Freitag und Samstag bekommen Gruppen mit mehr als 15 Personen ein Zeitfenster, in dem sie den Markt besuchen können. Die Besucher müssen sich dann selbst organisieren, allein durch den Markt streifen – und sich dann an einem Treffpunkt wieder einfinden.

Die Kreuzfahrttouristen machen Umsatz

Dass Kreuzfahrttouristen nichts kaufen, kann Oscar Ubide nicht bestätigen. Im Gegenteil: Sie leisten sich einiges, sagt er.

"Besonders Fleischwaren werden gekauft. Jedes Geschäft hier hat eine Maschine, um Produkte luftdicht zu verpacken, die Leute können jetzt fast alles mitnehmen. Gut, Fisch vielleicht nicht. Aber Schinken bleibt luftdicht verpackt drei Monate frisch – ohne Kühlschrank. Ich habe in dieser Woche sogar Leute gesehen, die eine komplette Schinkenkeule gekauft haben. Sie haben den Schinken vollständig zerlegen lassen und ihn mitgenommen."

Der Kreuzfahrttourismus sorgt in Barcelona vereinzelt doch für volle Kassen - aber auch für Frust. Das wissen auch die Kreuzfahrtanbieter. Monika Griefahn ist heute Umweltdirektorin von AIDA und bemüht sich, mit den Städten ins Gespräch zu kommen.

"Natürlich haben wir Diskussionen über Städte, die besonders besucht werden wie Venedig, Barcelona oder Dubrovnik. Aber auch da gibt es inzwischen sehr gute Kooperationen, wo Regulierungen eingeführt werden wie in Dubrovnik. Dort dürfen in diesem Sommer nur zwei Schiffe pro Tag anlanden. So ist es ja auch sinnvoll: Dass man sich gemeinsam an einen Tisch setzt und sagt: Wie machen wir es, dass die Menschen leben können dort - aber dass die Gäste auch diese Ziele sehen können."

Von solchen Beschränkungen ist in Barcelona bisher noch nichts zu hören. Im Gegenteil: Im dortigen Hafen wird derzeit ein neues Terminal gebaut. Es soll das "modernste Europas" werden, auch die größten Dampfer sollen dort anlegen können: Schiffe, die mehr als 6000 Passagiere an Bord haben. Plus Besatzung.

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