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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2012

Krebsbücher sind doof!

John Green: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter". Hanser Verlag 2012, 288 Seiten

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Der Tropf - eine ständige Erinnerung an die Krankheit (AP)
Der Tropf - eine ständige Erinnerung an die Krankheit (AP)

"Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ist die Geschichte von Hazel und Gus. Beide sind schwer krank. Aber ihre Liebe zieht der Krankheit, dem Krebs, den Stachel. Das Buch ist zum Lachen und zum Heulen schön. Und es versöhnt mit dem Tod. Und es tut nicht weh.

Hazel ist 16 und hat Krebs, ohne Beatmungsgerät kann sie nicht mehr leben. Sie weiß, dass sie nur noch wenig Zeit hat, aber Mitleid will sie auf keinen Fall. In einer Selbsthilfegruppe trifft sie auf Gus, auch er hat Krebs und durch die Krankheit ein Bein verloren. Sie verlieben sich ineinander trotz ihrer Handicaps. Hazels größter Wunsch ist, den Autor ihres absoluten Lieblingsbuchs über ein krebskrankes Mädchen kennen zu lernen. Gemeinsam mit Gus fliegt sie nach Amsterdam, doch der verehrte Autor entpuppt sich als zynischer Trinker. Als der Krebs bei Gus wieder ausbricht, haben die beiden nur noch ein paar Wochen miteinander. Wochen voller Liebe und Glück, voller Traurigkeit und voller Leben.

"Krebsbücher sind doof" - bis auf das eine - sagt Hazel am Anfang des Romans. Aber John Greens Krebsbuch ist nicht doof, sondern bewegend. Es gibt inzwischen viele Bücher über das Sterben von Jugendlichen, doch nur wenige, die so klarsichtig und zugleich humorvoll sind. Ganz konkret erzählt Hazel vom Kranksein, von der Angst, von seelischen und körperlichen Schmerzen und der Hässlichkeit des Sterbens. Und sie erzählt so ungeschminkt und offen, dass sie selbst dies Buch sicher auch gerne gelesen hätte.

Denn Hazel ist nicht nur intelligent, sondern auch selbstkritisch. Scharfsinnig, oft auch sarkastisch erzählt sie von ihrem eingeschränkten Leben, von Gus und ein paar krebskranken Freunden. Diese jungen Leute machen sich nichts vor, sie pfeifen auf den "Krebs-Bonus", sie sind skeptisch gegenüber jedem Mitgefühl und lachen über alle Klischees vom tapferen Krebs-Kranken. Ihre meist coole Haltung macht das schwierige Thema erträglich, und wenn sie einmal die Haltung verlieren, vor Schmerz laut heulen oder vor Wut alles kurz und klein schlagen, dann hat man als Leser kein Mitleid, sondern Respekt.

Vieles an diesem Jugendroman über das Sterben - und die Liebe zum Leben - ist eindrucksvoll: seine lässige und zugleich konzentrierte Sprache, sein ironischer und auch ernster Ton, sein zügiges Erzähltempo und seine krassen Sprüche. Dazu kommen kluge Beobachtungen und provozierende Thesen über das Gesund- und das Kranksein, über die Relativität allen Leids.

Trotz aller Qualitäten des Romans bleibt ein leiser Zweifel. Nicht nur, weil die Handlung mit dem Flug nach Europa ein wenig konstruiert wirkt. Auch, weil Gus ein wenig zu poetisch und humorvoll und Hazel etwas zu tapfer und einfühlsam ist. Der Schmerz, die Angst und die Wut der jungen Leute sind literarisch so gestaltet, dass sie den Leser zwar bewegen, ihn aber nicht schmerzen oder wütend machen. John Greens Krebs-Buch ist doch ein wenig zu schön, um wahr zu sein.

So paradox es klingt: Gerade die hohe literarische Qualität von John Greens "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" zieht dem bitteren Thema Krebs den Stachel. Das Buch ist zum Lachen und zum Heulen schön. Und es versöhnt ein wenig mit dem Tod. Aber es tut nicht weh. Wenn John Green das so wollte, dann hat er sein Ziel voll erreicht.

Besprochen von Sylvia Schwab

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Carl Hanser Verlag, München 2012, 288 Seiten, 16,90 Euro

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