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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2013

Krebs bei Jugendlichen

John Green: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", Hörbuch-Hamburg, Silberfisch, Hamburg 2012, 5 CDs

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Eine mit Krebs befallene Lunge - auch Jugendliche sind betroffen. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Eine mit Krebs befallene Lunge - auch Jugendliche sind betroffen. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

In dem Hörbuch "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" geht es um das schwierige Thema Krebs unter Jugendlichen. Die Hörbuch-Debütantin Anna Maria Mühe, die selbst auf tragische Art mit diesem Thema zu tun hat, liest das Buch.

Das Buch, in dem es um das schwierige Thema Krebs unter Jugendlichen geht, wird von der 27-jährigen Hörbuch-Debütantin Anna Maria Mühe gelesen, die selbst auf tragische Art mit diesem Thema zu tun hat. Ihre Eltern starben beide früh an Krebs. Edelgard Abenstein hat für uns reingehört.

"Krebsbücher sind doof,"

- stellt Hazel schon zu Anfang mit aller Entschiedenheit fest. Denn was sie am allerwenigsten leiden kann, ist Mitleid. Mitleid macht schwach. Hazel ist 16. Seit drei Jahren hat sie Schilddrüsenkrebs. Tag und Nacht ist sie an eine Sauerstoffflasche gefesselt.

"Der Grund, weshalb ich zur Selbsthilfegruppe ging, war derselbe, weshalb ich Krankenschwestern erlaubte, mich mit Medikamenten mit exotischen Namen zu vergiften. Ich wollte meine Eltern glücklich machen. Denn es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist als mit 16 an Krebs zu sterben. Und das ist: ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt."

In der Selbsthilfegruppe begegnet sie Augustus Waters. Der 17-jährige Basketballspieler sieht fabelhaft gut aus, ist blitzgescheit und hat wie Hazel einen Hang zum Sarkasmus. Auch er hat Krebs. Aber von nun an kennt er nur noch ein Ziel: Er will Hazel für sich gewinnen, mit Charme, Witz und einem unbändigen Glauben an das Leben.

"Ich mochte Augustus Waters. Ich mochte seine Stimme. Ich mochte, dass er eine Professur im Fachbereich Leicht-schiefes Lächeln innehatte bei gleichzeitiger Lehrtätigkeit im Fach Stimme-bei-der-sich-meine Haut-mehr-wie-Haut-anfühlt."

Die beiden Teenager lesen die gleichen Bücher, sehen Filme, hören Musik, und sie verlieben sich ineinander. Was vollkommen unmöglich erscheint, setzen sie in die Tat um: todkrank reisen sie nach Amsterdam.

"Aus heiterem Himmel fragte Augustus: ‚Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?’ – ‚Ich glaube, ‘für immer’ ist ein inkorrektes Konzept’, antwortete ich. – Er grinste. ‚Du bist auch ein inkorrektes Konzept.’ – Ich weiß. Deswegen werde ich auch aus dem Umlauf genommen."

Bei allem Übermut, "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ist eine traurige Geschichte. Anna Maria Mühe liest sie mit der einzig richtigen Balance aus Gefühl und ironischer Distanz. Dass sie sich an den schwierigen Stoff herantraute, ist die eigentliche Sensation. Denn es ist auch ihre Geschichte. Ihre Eltern starben beide früh an Krebs. Zuerst, nach langem Leiden, ihre Mutter, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, ein Jahr später ihr Vater, Ulrich Mühe. Damals war sie 21 Jahre alt.

"Der Schmerz war immer da, er zerrte an meinem Inneren und verlangte, gespürt zu werden. Es war immer so, als würde ich aus dem Schmerz erwachen, wenn plötzlich irgendwas von außen meine Aufmerksamkeit oder mein Urteil verlangte."

Wie zu erfahren ist, empfand Anna Maria Mühe sich von Anfang an als die richtige Besetzung für diese Geschichte um ein kurzes Glück, das unrettbar im Unglück endet. Sie habe ohne Zögern zugesagt. Seit ihrem 15. Lebensjahr steht sie vor der Kamera, ihr erster Film hieß "Große Mädchen weinen nicht". Seither scheint sie auf komplizierte Rollen abonniert.

"Ich redete mir ein, dass es keinerlei Einfluss auf die nicht sichtbare Wirklichkeit in mir hätte, ob ich mir Metastasen im Hirn oder in der Schulter vorstellte oder nicht, und dass deshalb alle derartigen Gedanken vergeudete Momente meines Lebens waren, eines Lebens, dessen Momente gezählt waren. Ich versuchte mir sogar einzureden, dass ich mein bestes Leben heute leben wollte."

In über 40 Kino- und Fernsehfilmen spielte sie die Freundin chaotischer Freundinnen, den Heroin-Junkie, die Tochter gestörter Familien bis hin zum Sekten- oder Vergewaltigungsopfer. Sie kann herzzerreißend weinen oder schreien. Nichts davon in dem Hörbuch über eine grausam endliche Teenagerliebe. Immer hält sie wie selbstverständlich die Spannung aus verzweifelter Zuversicht und leiser Komik.

"Und dann küssten wir uns. Der Raum um uns verschwand, und einen merkwürdigen Moment lang mochte ich meinen Körper richtig gerne; dieses vom Krebs zerfressene Ding, das ich seit Jahren mit mir herumschleppte – plötzlich schien es all die Kämpfe wert zu sein, die Schläuche und Katheter und den unaufhörlichen Verrat der Metastasen."

Anna Maria Mühe hat sich das Spielen und Sprechen selbst beigebracht. Niemals hat sie eine Schauspielschule besucht, was man an ihrer mitunter tastenden Rhythmisierung merkt, der jede Art von Stolz auf den gelungenen Tonfall fehlt. Was sonst störend sein könnte, ist geradezu ein Vorteil für dieses Hörbuch, das mädchenhaft zart klingt, dann wieder von einer dauerverletzlichen Reife, einer Abgeklärtheit. Ergreifend.

"Ich vermisste ihn und dachte, dass ich vielleicht die letzte Chance verpasste, Augustus zu sehen, mich von ihm zu verabschieden und so. Ich begann mir die Fotos auf meinem Handy anzusehen, ein rückwärtslaufendes Daumenkino der letzten Monate. Es schien ewig her zu sein. Als hätten wir eine kurze und gleichzeitig unendliche Ewigkeit gehabt."

Besprochen von Edelgard Abenstein

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Gelesen von Anna Maria Mühe, Hörbuch-Hamburg, Silberfisch, Hamburg 2012, 5 CDs, 19,99 Euro

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