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Zeitfragen | Beitrag vom 23.09.2020

Kreatives EuropaSinn und Unsinn von Kulturhauptstädten

Von Robert B. Fishman

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Ein Plakat mit der Aufschrift "Force of Attraction - Anziehungskraft" zur Bewerbung Magdeburgs als Kulturhauptstadt Europas 2025. Magdeburg ist eine von fünf deutschen Bewerbern um diesenn Titel. (picture alliance / dpa / ZB / Ronny Hartmann)
"Force of Attraction": Magdeburg will mit Anziehungskraft gegen die Mitbewerber Chemnitz, Hannover, Hildesheim und Nürnberg punkten. (picture alliance / dpa / ZB / Ronny Hartmann)

Europäische Kulturhauptstadt 2025: Fünf deutsche Bewerber sind noch im Rennen um diesen Titel. Die Initiative hat sich immer wieder verändert. Kulturelle Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung und Bürgerbeteiligung sind heute wichtig für einen Erfolg.

"Wir sind hier im Stadtpark Rotehorn und sehen das gerade alles von oben", sagt Andrea Jozwiak. "Wir sitzen nämlich gerade in einem Riesenrad. Und man hat hier einen schönen Blick über ganz Magdeburg. Die Elbe liegt uns zu Füßen, das Stadthallenareal hinter uns, die Dom-Spitzen und auch die verschiedenen Bauten."

Andrea Jozwiak wirbt mit Begeisterung für ihre Wahlheimat Magdeburg. Geht es nach der Sprecherin des Magdeburger Bewerbungsbüros, dann wird natürlich Magdeburg 2025 Kulturhauptstadt Europas. Der Titel geht dann zum vierten Mal nach Deutschland.

Die EU-Kommission hat bis ins Jahr 2033 festgelegt, wann welches Land damit an der Reihe ist. In diesem Jahr sind es Galway in Irland und Rijeka in Kroatien, nächstes Jahr wären Temeschwar in Rumänien und Novi Sad in Serbien dran. Doch die Coronapandemie hat diesen Plan durcheinandergebracht. Darum werden voraussichtlich die Kulturhauptstadt-Programme in Kroatien und Irland ins kommende Jahr verlängert und die nachfolgenden dafür verschoben.

Potenzial statt Schönheit

Der Blick vom Riesenrad über die Elbe auf Magdeburg zeigt eine von der Geschichte geschundene Stadt: Brachflächen, zwei große Allerweltseinkaufszentren, Plattenbauten - dazwischen architektonische Perlen, wie die in den 1920er-Jahren aus rotem Backstein errichtete Stadthalle, der gotische Dom oder die renovierungsbedürftige Hyparschale. Sie entstand 1969 nach Plänen des international bekannten DDR-Architekten Ulrich Müther. Doch - Kulturhauptstädte Europas müssen nicht schön sein. Es geht um ihr Potenzial.

"Den Titel bekommt nicht die Stadt, die das schon damit verdient hat, was sie bisher geleistet hat", sagt Tamás Szalay, "sondern es geht vielmehr darum, wie viel sich die Stadt mithilfe des Titels weiterentwickeln kann und in Magdeburg gibt es eine sehr, sehr interessante und spannende Balance zwischen Potenzial und Bedürfnissen. Eine solche Geschichte oder solche Entwicklungen können einen Titel oder sogar schon eine Bewerbungsphase sehr, sehr schön voranbringen."

Er ist einer, der es wissen muss. Tamás Szalay hat vor zehn Jahren das Kulturhauptstadt-Programm in Pécs geleitet. Das ungarische Städtchen war damals zusammen mit Essen und dem Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. Seitdem ist Szalay - wie viele ehemalige Kulturhauptstadt-Manager - ein gefragter Berater.

In der Elbe spiegeln sich die Lichter der Straßenlaternen, dahinter ist der Magdeburger Dom zu sehen.  (picture alliance / dpa / ZB / Stephan Schulz)Magdeburg und sein 500 Jahre alter Dom: Eine spannende Balance zwischen Potenzial und Bedürfnissen, sagt Tamás Szalay. (picture alliance / dpa / ZB / Stephan Schulz)

Manche der Kulturhauptstädte der Vergangenheit haben viel Geld verbrannt. Schon nach Monaten war nicht mehr viel zu sehen vom teuren Feuerwerk der Kultur. Weil die Magdeburger keinen dieser Fehler machen möchten, haben sie sich Szalay geholt. Seit vier Jahren leitet er den Bewerbungsprozess um den Titel 2025.

Großer Gewinn für die Stadtentwicklung

Der Titel "Kulturhauptstadt Europas" sei kein Preis für eine besonders schöne, kulturreiche Stadt, sondern ein "Stipendium für Stadtentwicklung", betont auch Ulrich Fuchs, der von Anfang 2014 bis Ende 2019 in der europäischen Auswahljury für die Kulturhauptstädte Europas saß.

Der Theater-Dramaturg managte unter anderem die Kulturhauptstadtprogramme in Linz und Marseille-Provence.

"Sie können die Chance wirklich ergreifen und sagen, ich gewinne mit dem Projekt zehn Jahre Stadtentwicklung", sagt er. "Wenn das ein Bürgermeister reflektiert und auch kapiert, welche Chancen in dem Projekt stecken, dann rede ich den Städten zu. Wenn ich den Eindruck habe, da ist doch jemand mehr an den nächsten drei Jahren und dem Wahlkampf interessiert, dann sage ich, lassen sie es."

Die Idee der Kulturhauptstadt war eine andere: 1985 schlugen die griechische Kulturministerin Melina Mercouri und ihr französischer Kollege Jacques Lang das Projekt vor: Europa sei doch auch eine Gemeinschaft der Bürger und der Kultur. Um dies zu würdigen, solle jedes Jahr eine andere Stadt den Titel "Kulturstadt Europas" tragen. Später wurde daraus die Kulturhauptstadt Europas.

Athen machte 1985 mit einem überschaubaren Sommer-Festival den Anfang. 14 Jahre später, 1999, hieß es in Weimar: "Wir begrüßen sie in der Kulturstadt Europas 1999."

Die 60.000 Einwohner kleine geschichtsträchtige Stadt der deutschen Klassik lockte in nur einem Jahr mit einem großen Kulturprogramm rund sieben Millionen Touristinnen und Touristen an - und hinterließ dennoch ein Defizit von 13 Millionen Mark, das schließlich der Freistaat Thüringen bezahlen musste.

"Wir denken in Prozessen"

Im Folgejahr teilten sich mehrere Städte den inzwischen begehrten Titel, darunter die isländische Hauptstadt Reykjavik. Deren Programmdirektorin Törun Sugardottir sagte einen Schlüsselsatz, der Leitlinie für alle Kulturhauptstädte Europas werden sollte:

"Wir denken nicht in Begriffen von Highlights. Wir denken in Prozessen. Wir haben das Gefühl, dass der Begriff der Kulturstadt sehr weit gefasst werden muss", sagt sie. "Es sollen nicht nur künstlerische Ereignisse sein, weil dann die Idee hinter der Kulturhauptstadt ist, eine Art Mauer um die künstlerischen Ereignisse zu bauen, sie abzutrennen. Das wollen wir nicht. Wir wollen die Kunst als einen Teil der Gesellschaft sehen."

Geklappt hat das nicht immer, aber im Laufe der Jahre immer besser.

Die einst größte Steinkohlegrube Europas, die Zeche Zollverein, musste 1986 schließen. 2001 zum Weltkulturerbe erhoben, entstand hier eine Event-Location und Gedenkstätte. Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 bekommt das Revier dann auf dem Gelände ein Museum seiner selbst.

Museumsleiter und Ruhrgebietskind Theo Grütter erinnert sich: "Und seit der Kulturhauptstadt hat das Ruhrgebiet ein Museum seiner eigenen Geschichte, das es vorher über 150 Jahre niemals gab. Unsere historische Identität, unser historisches Bewusstsein ist im Jahr der Kulturhauptstadt und durch die Kulturhauptstadt in Stein gegossen worden, indem dieses wunderbare Museum eröffnet wurde."

Kulturhauptstädte, sagt Grütter, sind erfolgreich, wenn sie über das Feier-Jahr hinaus nachhaltig wirken:

"Das heißt, man muss Einrichtungen schaffen, die über dieses Jahr hinaus existieren. Natürlich sind da Museen, Theater, andere offizielle Kultureinrichtungen bieten sich an. Aber es gibt auch eine ganze Menge andere Formen, also gerade Kommunikationszentren, multifunktionale Areale, wo auch junge Leute ihre Möglichkeiten finden. Das muss man schaffen. Auf der anderen Seite muss man die Bevölkerung mitnehmen, also eine Kulturhauptstadt, die nicht aus der Region erwächst, sondern von oben oktroyiert wird, wird verpuffen. Das heißt, man muss den Menschen ihre Chancen lassen. Man muss auch wirtschaftliche Impulse dadurch setzen. Das heißt, man muss Gastronomen, Start-ups einbinden und die Möglichkeit geben, neue Existenzen zu gründen."

Im Ruhrgebiet ist diese Rechnung zum großen Teil aufgegangen. Zahlreiche neue Museen und andere Kulturorte sind entstanden. Kulturschaffende loben die verbesserte Zusammenarbeit der Städte des Ruhrgebiets.

Nachhaltige Konzepte lohnen sich

Anfang der 2000er-Jahre gab die Europäische Kommission eine Studie in Auftrag, die aus den bisherigen Erfahrungen mit den Kulturhauptstädten Verbesserungsvorschläge für das Konzept erarbeiten sollte. Die Bewerberstädte müssen seitdem eine langfristige Strategie vorlegen. Damit sollen sie zeigen, wie sie sich eine dauerhafte, nachhaltige Zukunft für ihre Stadt vorstellen.

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Nachweisen müssen sie in ihren Bewerbungsschreiben - den sogenannten Bidbooks - außerdem, wie sie die Bürgerinnen und Bürger an den Plänen für das Kulturhauptstadtjahr und die Zeit danach beteiligen. Gefordert wird darüber hinaus eine "europäische Dimension" des Programms.

Die Jury möchte zum Beispiel eine Antwort auf die Frage haben, was andere europäische Städte von dem jeweiligen Konzept lernen können. Erwartet wird auch eine Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern in anderen Ländern.

Sylvia Amann leitet derzeit die Auswahljury der EU: "Auch: Wie spricht man ganz speziell ein europäisches oder internationales Publikum an. Also wie geht man also auf diese spezifischen Zielgruppen zu und wie kann man eventuell auch neue Formate finden. Was wir uns auch wünschen ist der Mut, etwas Neues zu wagen, auch wirklich dadurch breitere Diskussionsprozesse in der Gesellschaft, in der Stadt, aber auch mit internationalen Partnern anzustoßen."

Steigende Bekanntheit und Imagewandel

Viele bisher kaum bekannte europäische Städte haben sich mithilfe des Kulturhauptstadt-Titels einen Namen in Europa gemacht- oder haben sich - wie Liverpool 2008 - von ihrem Negativ-Image befreit.

Unter dem Motto "Die Welt in einer Stadt" wandelte sich die nordenglische Industriestadt vom heruntergekommenen Armenhaus zu einer angesagten Städtereise-Destination - und zu einem der kreativsten Pflaster Englands.

Paul Thompson arbeitet in der 2017 eröffneten British Music Experience. Das Museum erzählt an interaktiven Stationen die Geschichte der britischen Rock- und Popmusik.

"Verändert hat sich die Stadt nicht so sehr im Kulturhauptstadtjahr, sondern in der Folge", erklärt er. "Die Matthew Street, wo die Beatles groß geworden sind, wurde zum Touristenmekka. Bis 2008 haben wir unsere Musikgeschichte kaum genutzt. Das hat sich mit der Kulturhauptstadt geändert. Entstanden sind daraus Orte wie dieser hier. Ohne die Kulturhauptstadt gäbe es uns wahrscheinlich nicht."

Thompson, ein sympathischer, lockerer Typ Ende 50, kennt seine Heimatstadt noch aus den Zeiten, als sich kaum ein Auswärtiger nach Liverpool getraut hat.

"Die meisten Liverpooler hielten die Ankündigung der Kulturhauptstadt für einen Witz", erinnert er sich. "Liverpool war heruntergekommen. Da konnte kaum jemand glauben, dass wir eine Kulturhauptstadt werden sollten. Dann hat es einige Monate gedauert, bis sich Leute hinter dieser Idee versammelten, aber am Ende des Jahres 2008 stand die ganze Stadt dahinter. Das hat zu 100 Prozent funktioniert."

Kevin Mac Manus, heute Leiter des British Music Experience, war damals im Team, das die Bewerbung Liverpools um den Titel ausarbeitete.

"Letztlich geht es um ganz einfache Dinge", sagt er. "Für viele ist eine Reise in die Innenstadt zu teuer oder zu weit. Du besuchst die Leute deshalb in ihrem persönlichen Umfeld, fragst, was sie beschäftigt, was ihnen fehlt. Dann hatten wir ein kleines Budget für Projekte in den Stadtteilen. Wir haben die Schulkinder gebeten, Flaschenpost-Botschaften zu schreiben, in denen sie in wenigen Worten sagen konnten, was Liverpool für sie bedeutet. Ich bin in die Schwarzen Gemeinden gegangen, habe gefragt, was sie über die Stadt denken und habe geschaut, wie wir sie am Bewerbungsprozess beteiligen können. Ich bin ein ganz normaler Liverpooler. Das hörst du an meinem Akzent. Die Leute haben gemerkt, dass wir ihnen nicht irgendetwas verkaufen wollen und dass ich einer von ihnen bin."

Beteiligung der Einheimischen ist wichtig

Die Menschen mitnehmen. Eine gelungene Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ist seit 2015 eines der entscheidenden Kriterien für die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas. Liverpool und auch das niederländische Leeuwarden gelten hier als Vorbilder. Die rund 100.000 Einwohner kleine Hauptstadt der Provinz Friesland holte sich vor zwei Jahren mit dem Motto "offene Gemeinschaft" den Titel.

Jahrhunderte lang trotzten die Friesen auf ihrem kargen Boden als starke Gemeinschaft Sturmfluten und anderen Widrigkeiten. Ihre lange als hinterwäldlerisch geschmähte Sprache unterrichten sie heute wieder in den Schulen. Noch in den 1950er-Jahren sollte ein Bauer Strafe zahlen, weil er seine Milchkannen auf Friesisch statt auf Niederländisch beschriftet hatte.

Erst ein Proteststurm brachte die Behörden zum Einlenken. Inzwischen ist Friesisch offizielle Sprache der Provinz mit ihren 635.000 Einwohnern.

Auch Zuwanderer aus anderen niederländischen Provinzen lernen inzwischen Friesisch. Als Gemeinschaft gewannen die Friesen den Kulturhauptstadt-Titel und gemeinsam gestalteten sie 2018 das Programm.

Bürgermeister Ferd Crone lobt das Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger: "Es ist die Kombination von Professionellen und den Leuten, die das als Freiwillige tun. Und das ist das Geheimnis. Wir haben sehr viele Projekte und das kommt von der Bevölkerung und nicht vom Bürgermeister."

Blick auf die die historische Ratswaage in Leeuwarden am Abend. (imago/ ecomedia/ Robert Fishman)Historische Ratswaage in Leeuwarden: Viele Einheimische gestalteten die Kulturhauptstadt-Projekte mit. (imago/ ecomedia/ Robert Fishman)

30.000 der etwa 650.000 Friesinnen und Friesen hätten die Kulturhauptstadt-Projekte mitgestaltet: Konzerte, eine Ausstellung zum Wandel der Städte und Lebensräume, ein Land der Sprachen, in dem die Besucher die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten entdecken und viele Details, die das Städtchen mit ironischer Leichtigkeit und Lebensfreude füllten.

Im Prinzengarten schnarcht eine Parkbank, ein paar Meter weiter zaubert ein glucksender Baum Besuchern ein Lächeln ins Gesicht. Der Niederländer Oeds Westerhof war im Leitungsteam der Kulturhauptstadt Leeuwarden vor allem für die Nachhaltigkeit der Projekte zuständig - und für die Beteiligung der Einheimischen.

"Erstens muss man sehr klar sein, was die Leute erwarten können und was sie nicht erwarten können", sagt er. "Zweitens: Zu sagen, man kann etwas beitragen und dies ist ein Weg, um etwas zum beizutragen. Dann haben wir Unterstützung gegeben, um Ideen und Pläne zu verbessern. Da haben wir eine Struktur dafür eingerichtet. Und viertens, was sehr wichtig ist, wir haben einen Fonds, wo man bis ungefähr 30.000 Euro für Projekte bekommen kann und es gibt eine unabhängige Kommission, die das beurteilt. Meistens geht es um 1000 oder 1500 Euro. Und danach haben die gesagt, wir möchten gerne in ihren Kalender kommen und unser Kalender war offen."

Die Menschen machen mit, wenn sie sich eingeladen und ernst genommen fühlen.

"Was hier wirklich funktioniert hat, ist, dass wir Leuten selbst die Verantwortlichkeit für ihre Projekte gegeben haben. Was man sieht, ist der Effekt davon, dass sie alle etwas gemacht haben, was größer ist als alles, was sie je gemacht haben."

Oeds Westerhof aus Leeuwarden berät jetzt die Stadt Hannover bei ihrer Bewerbung um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025.

Große Resonanz in Magdeburg

Der Magdeburger Stadtrat hat die Bewerbung schon 2011 beschlossen. Seitdem laufen die Vorbereitungen. 2018 rief die Stadt ihre Bürgerinnen und Bürger auf, Projektvorschläge einzureichen.

Kulturhauptstadt-Projektleiter Tamás Szalay ist von der Resonanz beeindruckt: "Wir waren wirklich überrascht, es kamen über 130 Projektvorschläge. Wir haben so mit 30, 40 gerechnet. Und daraus haben wir Projekte ausgewählt. Das war sehr, sehr schwierig, weil es sehr viele gute Ideen waren." 

Besonders berührt hat ihn ein Vorschlag: "Das war für mich auch sehr emotional und sehr bewegend: Eine Gruppe von syrischen Migranten hat sich beworben und sie hatten unterschiedliche gastronomische und andere Kulturprojekte. Sie haben sich nicht deswegen beworben, weil sie Geld haben wollten, sondern weil sie schon seit Jahren hier in Magdeburg leben. Sie wollten sich einfach bei der Stadtbevölkerung bedanken, dass sie so herzlich aufgenommen worden sind und die Integration so gut gelungen ist."

Kulturhauptstädte Europas sollen gerade auch schwierige Themen ansprechen, Gäste und Einheimische mit Unbequemem konfrontieren.

Schwierige Themen nicht aussparen

Kulturhauptstadt-Experte Ulrich Fuchs nennt Beispiele: "Und natürlich ist das etwas, was äußerst wichtig ist, dass sich jede Kulturhauptstadt auch mit den versteckten Flecken seiner Stadtgeschichte auseinandersetzt. Liverpool hat das mit der Sklaverei gemacht. Marseille hat es mit dem Algerienkrieg gemacht, Riga hat es mit den KGB-Gefängnissen gemacht und Linz hat den Nationalsozialismus als Thema bearbeitet, eben und auch auf eine Art und Weise, die provozierend und schwierig war."

"Mal schaun, wer was davon hat", sang die oberösterreichische Raggae-Gruppe Rastafahnda in den 2000ern über die Linzer Kulturhauptstadt-Pläne. Die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz war 2009 Kulturhauptstadt Europas. Adolf Hitler ist im nahen Braunau aufgewachsen. Linz nannte er "seine Vaterstadt". Sie sollte "Kulturstadt" des Nazi-Reichs werden.

Direkt an der Donau versperrt ein gewaltiger Steinriegel den Blick in die restaurierte Altstadt: Ein klotziger Bau, in dem heute Läden und die Kunstuniversität untergebracht sind. Das "Brückenkopfgebäude" haben die Nazis der Stadt hinterlassen.

"Erbaut wurde es von Zwangsarbeitern aus Mauthausen mit oberösterreichischen Firmen, die heute noch in Oberösterreich existieren. Da hat eine Künstlerin vorgeschlagen, dass wir den Putz der Fassade abschlagen, um hinter die Fassade zu schauen - im bildlichen Sinne des Wortes - und eben auch erzählen, wer dieses Gebäude gebaut hat", berichtet Ulrich Fuchs, damals stellvertretender Intendant der Kulturhauptstadt Linz 2009.

Für das Projekt der Künstlerin Hito Steyerl und der Architektin Gabu Heindl schlugen Fachleute Teile der Fassade des Brückenkopfgebäudes ab. In einer Installation dokumentierten sie an der Fassade die Routen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die damals an der Errichtung des Gebäudes beteiligt waren. So entstand dort eine symbolische Landkarte der nationalsozialistischen Verbrechen in Linz.

"Diese Geschichte war damals hoch umstritten"

"Und ich habe eine Geschichte erlebt", erzählt Ulrich Fuchs, "dass im Sommer 2009 eine Gruppe von 80 israelischen Staatsbürgern nach Linz gekommen ist, vor diesem Gebäude stand und in Tränen ausgebrochen ist, weil sie alle aus Linz stammten und gesagt haben, ich sehe zum ersten Mal, dass meine Stadt anerkennt, was damals passiert ist. Diese Geschichte war damals natürlich hoch umstritten. Der Landeshauptmann und der Bürgermeister, beide sehr honorige Persönlichkeiten, haben Angst gehabt vor der Reaktion der Bevölkerung. Die war auch zum Teil heftig und vor allem natürlich von einschlägigen Parteien heftig und auch diskutiert, aber sie wirkte wie eine Befreiung, diese Debatte."

Ein Jahr später musste das denkmalgeschützte Brückenkopfgebäude in seinen Originalzustand zurückversetzt werden.

Typisch für fast alle bisherigen Kulturhauptstädte Europas sind die ungelösten Probleme aus Vergangenheit und Gegenwart.

Plowdiw zum Beispiel trug im vergangenen Jahr als erste Stadt in Bulgarien den Kulturhauptstadt-Titel. Am Rande der zweitgrößten Stadt Bulgariens liegt das größte Roma-Viertel des Balkans: Stolipinowo.

Viele der rund 50.000 Bewohnerinnen und Bewohner leben dort unter erbärmlichen Bedingungen in überfüllten, heruntergekommen Plattenbauhochhäusern und selbstgezimmerten Hütten. Kaum jemand aus Plowdiw fuhr jemals nach Stolipinowo und die sogenannten "Zigeuner" wollte man in der Stadt nicht haben.

Die für das Kulturhauptstadt-Programm gegründete Stiftung versuchte, mehrere Kunst- und Kulturprojekte genau dort zu organisieren. Viele davon scheiterten - manche aus mangelndem Interesse der Menschen in Stolipinowo, andere an politischen Widerständen in der Stadt. Wie überall auf dem Balkan gehen Politiker auch in Bulgarien mit Hetze gegen Roma auf Stimmenfang und blockieren Beiträge zu deren Integration.

Zwei Menschen lassen sich vor einem bunten Schild mit der Aufschrift "together" fotografieren, mit der die bulgarische Stadt Plowdiw für ihren Titel als europäische Kulturhauptstadt 2019 wirbt.    (dpa )Als erste Stadt in Bulgarien trug Plowdiw im vergangenen Jahr den Kulturhauptstadt-Titel. (dpa )

Kulturhauptstadt-Experte Ulrich Fuchs zieht dennoch eine durchwachsene Bilanz des ersten Kulturhauptstadtjahrs in Bulgarien.

"Als eines der überraschend positiven Kulturhauptstädte in den vergangenen Jahren sehe ich durchaus das Projekt in Plowdiw - entgegen aller Unkenrufe, auch möglicher Klischees und Vorurteile, ist das in der Stadt selbst eigentlich recht gut gehändelt worden. Auch da ein ziemlich stabiles Team, von Anfang bis Ende eigentlich, und einen Vizebürgermeister für Kultur, der in verschiedensten Rollen als Bürgermeister und als Aufsichtsratsvorsitzender sich sehr gut und schützend vor das Projekt gestellt hat."

Auch politische Instrumentalisierung findet statt

Oft sind es Politikerinnen und Politiker, die engagierten Kulturhauptstadt-Gestalterinnen und Gestaltern einen Strich durch ihre an sich schlüssige Rechnung machen.

Ex-Auswahljury-Mitglied Ulrich Fuchs hat einschlägige Erfahrungen gemacht: "Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: La Valletta, Malta, 2018. Die haben im Wesentlichen den einen Aspekt, den Kulturhauptstadt auch hat, nämlich Ankurbelung des Tourismus, Imageaufbesserung, zu sehr in den Vordergrund gestellt. Sie haben das Programm darüber vernachlässigt und sie haben vor allem einen Fehler gemacht: Sie haben sich politisch instrumentalisieren lassen. Sobald Kulturhauptstädte die Unabhängigkeit von kurzfristiger, auch auf Erfolg von Wahlen hin orientierter Politik, sich darauf einlassen, dann gerät es in der Regel in die Schieflage. Das ist eben ein Kulturprojekt und kein Marketingprojekt. Es ist ein Stadtentwicklungsprojekt und nicht nur ein Imageprojekt."

Auch im bulgarischen Plowdiw haben einige Politiker versucht, auf dem begehrten Kulturhauptstadt-Titel ihr eigenes unappetitliches Süppchen zu kochen. Rechtsnationalistische Politiker wollten die künstlerische Leiterin Swetlana Kuyumdzhieva unter anderem deshalb feuern, weil sie ein Projekt mit Homosexuellen geplant hatte.

"Von der nationalen Politik haben wir kaum Unterstützung bekommen", erzählt sie. "Ich würde sagen, Bulgarien braucht ein Gesetz für das Management kultureller Einrichtungen und Projekte. Die Kulturhauptstadt Europas war ein Test, den die bulgarische Kulturpolitik nur teilweise bestanden hat. Konservative und nationalistische Politiker haben versucht, aus der Kritik an unserem Projekt politische Vorteile zu ziehen."

Trotzdem habe die Stadt sehr vom Kulturhauptstadtprojekt profitiert - auch langfristig: "Junge Leute sind wieder zurück nach Plowdiw gekommen. Und die Stadt hat viel internationale Aufmerksamkeit bekommen. Plötzlich hörten wir auf den Straßen ganz viele verschiedene Sprachen ausländischer Touristen, die die Geschichte und die Schönheit unserer Stadt entdeckt haben. Das war eine ganz neue Erfahrung."

Anstöße für Veränderungen

Kulturhauptstädte können viele Anstöße für Veränderungen geben - auch über das eigentliche Kulturhauptstadtjahr hinaus. Doch alle Herausforderungen einer Stadt können sie nicht lösen.

Nadja Grizzo war Mitarbeiterin im Team, das die Kulturhauptstadt 2010 in Essen und dem Ruhrgebiet organisiert hat. Seitdem hat sie zahlreiche Bewerberstädte beraten, aktuell auch Magdeburg.

"Kulturhauptstadt stößt natürlich auch an Grenzen", sagt sie. "Wenn es wirklich tief greifende gesellschaftliche Probleme gibt, wie zum Beispiel eben einer ausgegrenzten Minderheit, die von der Mehrheit nicht akzeptiert wird, wie die Roma zum Beispiel in Bulgarien. Da denke ich aber hat die Kulturhauptstadt Plowdiw doch eine Bresche in sehr verhärtete Fronten getrieben, auch wenn es aus vielerlei Gründen nicht immer so möglich war, die Bevölkerung direkt anzusprechen, weil auch da gibt es Clanstrukturen und die Clanchefs wollen auch nicht immer so, wie man vielleicht gerne will, und möchten ihre Bevölkerung da auch - in Anführungsstrichen – 'schützen'. Also ich denke schon, dass Plowdiw 2019 einen ganz klaren Anspruch hatte, das zu schaffen, also eine größere Offenheit bei der Mehrheitsbevölkerung herzustellen."

Wirtschaftlich haben fast alle bisherigen Kulturhauptstädte Europas vom Titel profitiert. Schätzungen zufolge generiert jeder investierte Euro allein im Kulturhauptstadtjahr Einnahmen von drei bis sieben Euro. Investitionen in die Infrastruktur bleiben den Städten zusätzlich erhalten.

Nachholbedarf als Chance

Magdeburg hat - wie viele ehemalige Kulturhauptstädte - bei der Stadtentwicklung großen Nachholbedarf, oder - positiv formuliert - großes Potenzial: reichlich freie Flächen und viele lee rstehende Gewerbebauten.

In einem davon hat sich das Kunst- und Kulturzentrum Basta angesiedelt: In einer unter Arkaden offenen ehemaligen Werkstatt serviert eine Weinbar edle Tropfen zu selbst gebackenem Flammkuchen. Draußen proben zwischen verwitterten Betonbauten aus der DDR Zeit junge Akrobaten.

Magdeburgs Stadtschreiber Jörg Menke-Peitzmeyer sitzt etwas abseits und beobachtet die zumeist jungen Leute auf dem kleinen Kulturfest. Der Westfale mag vor allem das Unfertige, Ungeschliffene in der Stadt.

"Also was mich vor allen Dingen hier anzieht, ist die Elbe, die Elblandschaft und dann dieser merkwürdige Kontrast aus Bauhaus, aus sozialistischer Brachialarchitektur, aber eben auch so Altbauviertel", sagt er.

Für seine Kulturhauptstadt-Bewerbung hatte sich Magdeburg anfangs das Motto "Out of the Void" gegeben, auf Deutsch etwa "Raus der Leere".

"Ich habe mich sehr gerieben an diesem Motto 'Raus aus der Leere', weil es ist gerade die Leere, die ich an der Stadt schätze, dass noch Platz ist, dass nicht alles schon vergeben ist, dass kein Hype da ist, sondern dass wirklich noch etwas Offenes da ist, in dem etwas entstehen kann, also die Leere. Das ist wirklich das, was ich schätze", sagt Jörg Menke-Peitzmeyer.

Die Anziehungskraft der Kultur

Inzwischen hat die Stadt ihre Bewerbung umbenannt. "Force of Attraction" - "Anziehungskraft" heißt sie jetzt.

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper mischt sich gerne wie hier im Kulturzentrum Basta unters Künstlervolk. Bürgermeister und Stadtrat wollen mit der Kulturhauptstadt-Bewerbung den Wandel voranbringen, der längst begonnen hat.

"Wenn wir jetzt hier in diese Richtung fahren würden, nach Buckau", sagt Lutz Trümper. "Das ist ein Stadtteil, der hatte ganz, ganz große Schwierigkeiten die ersten zehn Jahre. Die Industrie zusammengebrochen, die großen Betriebe, SKET, MAW mit über 20.000 Arbeitskräften waren weg. Die Leute sind aus dem Stadtteil weggezogen. Dann haben wir mit der Entwicklung einer Kulturmeile den Stadtteil wieder aufgegriffen. Das dauert aber 20 Jahre. Und jetzt möchten da alle wohnen."

Nun soll der Kulturhauptstadt-Titel helfen, die Innenstadt neu zu beleben, sagt Andrea Jozwiak. Man wolle sie schöner gestalten, verschiedene Orte schaffen, wo man sich aufhalten kann. "Wir wollen damit auch ermöglichen, dass man diesen Zugang zur Elbe erweitert und die Elbe in den Stadtkern bringt. Das ist so unsere grobe Idee für das Lost City Center in Magdeburg."

Viele Städte haben in den vergangenen 35 Jahren sehr vom Titel Kulturhauptstadt Europas profitiert. Andere haben nur viel Geld ausgegeben. Der Titel ist ein Werkzeug, mit dem man viel gestalten und bewegen kann.

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