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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.02.2009

Kraft des Archaischen

Der japanischer Trommler Masakazu Nishimine

Von Anke Wiebersiek

Der Japaner Masakazu Nishimine kam nach Deutschland, um Musik zu studieren. Zunächst wurde er im Klarinetten-Unterricht geschult, dann wechselte er zur Pauke. Erst über diesen Weg entdeckte er seine Liebe zur "Taiko", einer traditionellen japanischen Trommel.

Es geht einem durch Mark und Bein, wenn Masakazu Nishimine die Trommel schlägt. Der Japaner übt an diesem Abend zusammen mit vier Mitgliedern seiner Trommel-Gruppe "Masa Daiko" – zu Deutsch: Masas Trommel - ein neues Stück ein. Breitbeinig stehen die Musiker vor großen, runden Fasstrommeln, in jeder Hand einen Schlegel. Mit weit ausholenden Bewegungen schlagen sie die "Taiko" – kraftvoll und energisch. In der großen Spiegelwand entgeht dem Meister nichts – nicht die kleinste falsche Bewegung. Denn schließlich soll es nicht nur gut klingen, sondern auch noch gut aussehen.

Zum japanischen Trommeln gehört auch eine gute Körperbeherrschung. Fast mutet es ein bisschen wie Karate an, wenn die Musiker mit viel Körpereinsatz die Schlegel auf die Trommel hauen. Kraft und Konzentration ist auch nötig, denn im Shintoismus, der alten japanischen Religion, wurden schließlich mit dem Klang der Trommeln die Götter angerufen. Im alltäglichen Leben trommelten die Jäger, um Tiere aufzuscheuchen und die Bauern, um eine gute Ernte zu erbitten. Und heute, so Masakazu Nishimine:

"Heutzutage, die Leute wollen gerne so was haben, nicht nur Computer, nicht nur Technik, (…) diese gewisse archaische Kraft … das ist dieser Gegenpol, den die Leute vermissen."

Diese archaische Kraft des Trommelns entdeckte der Japaner für sich erst in Deutschland. Wenngleich seine Leidenschaft für die Musik schon in der Kindheit erwachte. Geboren und aufgewachsen ist Masakazu in Kotchi, einer Stadt direkt am Pazifischen Ozean. Mit sechs Jahren bekam er Klavierunterricht – auch wenn das für den Vater, der ein kleines Lederwarengeschäft führte, finanziell nicht leicht war. Als jüngster Spross von vier Kindern genoss Masakazu eben viele Freiheiten. Spätestens als der begabte Junge das Blasorchester der Schule leitete, war klar, dass er Musiker werden will. Zum Studieren ging er nach Tokyo.

"Tokyo ist ja recht große Stadt, alles neu, alles groß, alles geht ja so schnell. Ich habe ja als kleiner Junge einen Traum oder Wunsch gehabt, aber konkret, was man dafür tun muss, das hat man ja nie gewusst. Und dadurch meine Studienzeit ging ja sehr schnell vorbei. Und dann bei uns ist normal, Junge, du hast ja jetzt genug studiert, jetzt musst du arbeiten."

Eine Arbeit konnte sich der klassisch ausgebildete Musiker aber noch nicht vorstellen. Lieber wollte er noch ein bisschen mehr studieren – eben perfekter werden. Und so überredet er seinen Vater, ihn zu einem Studium nach Deutschland reisen zu lassen. Am Konservatorium in Bremen wird damals Klarinette sein Hauptfach. Doch dann bekommt der Musiker gesundheitliche Probleme. Sein Lehrer empfiehlt ihm deshalb auf ein anderes Instrument umzusatteln.

"... war ein ganz witziger Lehrer gewesen, er gesagt, wenn du einmal Pauke haust, kriegst schon Geld (…) also, da brauchst du nicht soviel zu lernen. Es ging sehr schnell, halbes Jahr später saß ich im Orchestergraben."

Und zwar als Paukist im Orchestergraben des Bremer Theaters. Dort lernt der Musiker auch seine damalige Frau kennen, eine Pianistin. Längst hat sich der Japaner entschieden, in Deutschland zu bleiben. Bald schon leitet Masakazu seine eigene Percussion-Gruppe. Bei Auftritten spielen die Schlagzeuger auch manchmal japanische Taiko-Stücke.

"Das kam sehr gut an als Zugabe, dann noch mal eine Zugabe, da habe ich nur japanische Trommel gespielt, da kam ja 'juhu', da dachte ich, das ist ja erstaunlich, das kommt ja sehr gut an, ja, natürlich du bist ja Japaner."

Immer mehr Konzertbesucher sind so beeindruckt von dem packenden Trommelfeuerwerk, dass sich bald auch Schüler finden, die lernen wollen, wie man die Taiko schlägt. Seitdem gibt Masakazu regelmäßig Workshops und Kurse im japanischen Trommeln. Schließlich gründet er mit einigen Schülern 1996 die Formation "Masa Daiko". Die Gruppe wird viel gebucht auf Konzerten, Festivals und Tourneen im europäischen Ausland. Traditionelle japanische Stücke gehören zu ihrem festen Repertoire.

Der Multipercussionist Masakazu Nishimine komponiert aber auch eigene Stücke:

"… meine sind unterschiedlich, sehr emotionell (…) zum Beispiel mein eines Stück "Morgendämmerung" heißt das, es fängt sehr düster an, dann geht die Sonne auf."

Einmal im Jahr fährt der 54-Jährige mit seinen beiden Töchtern nach Japan, um sich dort selbst im Trommeln fortzubilden. Die zwei Mädchen, neun und elf Jahre, sind zwar sehr musikalisch, mit dem Getrommel ihres Vaters hatten sie bisher aber nicht viel am Hut. Masakazu hat deshalb einen Deal mit ihnen verabredet:

"Ich habe im Oktober gesagt, ich kaufe Weihnachten dieses Karaoke-Spiel mit Playstation, dafür müsst ihr trommeln, ja ja, das machen wir! Aber mindestens ein Jahr müsst ihr einmal in der Woche trommeln!"

Nicht einfach, seinen eigenen Vater zum Lehrer zu haben, gibt der ehrgeizige Mann zu. Aber schließlich sollen die Töchter etwas von dem erben, was mittlerweile zum Lebensinhalt ihres Vaters geworden ist. "Masa Daiko" heißt nämlich nicht nur "Masas Trommel", sondern auch die "wahre Trommel".

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