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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2015

Krachts "Imperium" am Thalia TheaterNiedliche Flucht in die Südsee

Von Michael Laages

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Szene aus "Imperium" am Thalia Theater (picture alliance / dpa - Markus Scholz)
Szene aus "Imperium" am Thalia Theater (picture alliance / dpa - Markus Scholz)

Der Regisseur Jan Bosse hat Christian Krachts vieldiskutierten Roman "Imperium" als Bühnenstück am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Doch das Aussteiger-Märchen entwickelte bei seiner Uraufführung keine zwingende Bühnenwirkung.

Ein kleiner Skandal entspann sich um den vierten Roman des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht – "Imperium", so heißt der 2012 veröffentlichte Text, berge potenziell nationalistisches, gar tendenziell nationalsozialistisches Gedankengut. Und da geriert sich der heimische Kulturbetrieb gern besonders empfindlich; und das mit prinzipiell gutem Grund. Der Komiker Dieter Hallervorden, tendenziell keiner rechten Gedanken verdächtig, hat diese erhöhte Sensibilität gerade wieder ausgetestet; mit den erwartbaren Folgen. Krachts "Imperium" las die Jury des Wilhelm-Raabe-Preises vom Deutschlandfunk schon genauer – und rühmte die forciert farcenhafte Fabel einer radikalen Welt- und Zivilisationsflucht, die auch in der Gegenwart recht vertraut ist. Das Hamburger Thalia Theater zeigt jetzt eine Theaterfassung vom "Imperium".

Da will uns wohl jemand ein politisches Programm andrehen ... Europa, Nordamerika sind Riesen-Irrtümer, sagt er, sind Milliarden-Enttäuschungen, sind Eintagsfliegen der kosmischen Geschichte! "Wir sind Europa müde, deswegen geben wir Europa auf" – schließt das Pamphlet. Als ziemlich spinnerter Uhu begegnet uns August Engelhardt, 1875 in Nürnberg geboren, schon im Foyer des Theaters; vom Biertisch aus breitet er oberlehrerhaft seine wilden Theorien aus darüber, dass alle Probleme der Menschheit zu lösen seien mit Hilfe der Äquatorsonne und der Kokospalme – nichts als die braucht laut Engelhardt der Mensch zum Überleben. Essen und Trinken sichert die Nuss, für sicheren Wohn- und Lebensraum im Alltag gibt's Stamm und Blätter. Und die Energie bezieht soll der moderne Mensch schon 1902 (als Engelhardt in die Südsee flieht) durch die Sonne beziehen – wenn wir nur lernten, Luft und Licht zu "essen", also Energie aufzunehmen per Schnapp-Atmung, mit Haaren und Haut, wären wir bald unser eigenes Sonnenkraftwerk.

Schräger Schrat mit Methusalem-Bart

Mit 27 schon ein schräger Schrat mit Methusalem-Bart, zieht dieser August Engelhardt los in Christian Krachts kolonialhistorischer Roman-Fantasie. Er landet auf Kabakon, einer winzigen Insel nicht weit von "Herberts-höhe" – so heißt die Hauptstadt vom deutschen Schutzgebiet. Als Gründer des "Sonnenordens" legt er alles Zivilisatorische, vor allem die Kleidung, gleich ab und findet (als neuer Robinson) auch gleich einen Eingeborenen, einen Freitag (hier: Makebe), der ihm treu ergeben bleibt bis zum Schluss. Auf seiner Insel wird der historische Engelhardt 1919 tot aufgefunden.

Kracht fügt die Geschichte amerikanischer GIs hinzu, die 1945 in Engelhardts historischer Nähe einen Eremiten entdecken, der (wie der deutsche Sonderling) nur mit Natur pur auf dem Speisezettel Jahrzehnte überlebt hatte – ihm zeigen die Soldaten das wahre "Imperium". Ein anderes hatte der europamüde Zivilisationsflüchtling im Roman im Sinn.

Weil hier aber nichts dokumentiert werden soll, setzt Jan Bosses Hamburger Fassung den deutschen Sonderling zum einen in den Lehnstuhl und lässt ihn vorlesen: aus Krachts Roman. Zum anderen finden sich auf einem kleinen sandigen Insel-Rund fünf junge Leute ganz von heute ein, pastell-bunt gekleidet wie in der Schickimicki-Bar irgendeines Szene-Viertels. Reihum übernehmen sie Engelhandts Insulaner-Part, kenntlich immer dadurch, dass sie den Methusalem-Bart umhängen.

Fünf junge Besucher übernehmen Engelhardts Part

Fremde treffen ein – der erste Jünger stammt aus Helgoland, ist aber vor allem schwul und will das endlich auch ausleben in der Südsee. Außerdem ist der Helgoländer offenbar Antisemit – als er Häuptling August zu sehr bedrängt, schlägt ihm Makebe-Freitag den Schädel ein. Der nächste Besuch ist gefährlicher: ein erfolgloser Musiker aus Berlin, der einen Häufen künstlerischer und politischer Rosinen im Kopf hat und Engelhardts Insel zur Touristenattraktion aufmöbelt. Daran geht sie fast zu Grunde, der Musiker wird nach Hause geschickt und fällt ebenfalls dem getreuen Makebe zum Opfer. Engelhardt selbst kommt zusehends herunter; todgeweiht holt er den Vorleser, sein Alter Ego samt Lehnstuhl in den eindrucksvollen Kokosnuss-Palast auf Stephane Laimés Bühne.

Zum Schluss sieht sich zwar auch Engelhardt bei Kracht vom "Weltjudentum" verfolgt; aber politisch korrektes Gezeter hat die Theaterfassung auf keinen Fall verdient. Sie ist charmant, bleibt aber auch eher niedlich; zumal Regisseur Bosses Team ganz darauf verzichtet hat, Krachts erzählende Sprache zu dialogisieren. Auch darum wirkt das Märchen aus uralt-deutschen Zeiten nicht wirklich zwingend auf der Bühne: eine Südsee-Fantasie über die Sehnsüchte all jener Zivilisationsmüden von heute – und ist sie auch nicht wahr, so war sie gut erfunden.

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