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Studio 9 | Beitrag vom 14.11.2019

Kosten bei KulturprojektenMit ehrlichen Zahlen realistisch planen

Theresia Bauer im Gespräch mit Julius Stucke

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Blick auf das Kulturforum in Berlin. Zu sehen ist ein große Brache. (Imago / Schöning)
Hier soll es entstehen: das Museum der Moderne in Berlin. (Imago / Schöning)

Die Kosten bei Kulturbauprojekten steigen - oft scheinbar unerwartet. In Baden-Württemberg will man neue Wege gehen und veranschlagt bereits im Vorfeld hohe Zahlen. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer verteidigt dieses Vorgehen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters kann erleichtert sein. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat am Donnerstag die Kostensteigerung beim geplanten Museum der Moderne in Berlin durchgewinkt, von 200 auf rund 450 Millionen Euro.

Das Museum ist das ambitionierteste Vorhaben Grütters. Entstehen soll es am Berliner Kulturforum zwischen Philharmonie und neuer Nationalgalerie. Neben den Kosten wird zudem über den Entwurf der Architekten Herzog/de Meuron gestritten. Kritiker verspotten den geplanten Bau als "Scheune" und "größten Aldi von Berlin".

Forderung nach realistischen Zahlen

Vielen sei der Sinn nicht klar, so der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba: "Man muss in so eine Planung, Unternehmung hineingehen, indem man die Stadtgesellschaft mitnimmt und nicht wie ein Eigenheimbauer sagt: So, zum Richtfest lade ich euch dann ein."

Grütters verspricht, dass nun alles ehrlich gerechnet sei – und will die Kosten beim Museum der Moderne künftig genau kontrollieren. Ein ähnliches Ziel verfolgt die Landesregierung in Baden-Württemberg beim der Sanierung und Modernisierung der Staatsoper Stuttgart: Bis zu eine Milliarde Euro soll das Bauvorhaben bis 2029 kosten.

Theresia Bauer, Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, verteidigt diese hohe Zahl. Denn es passiere immer wieder, dass man bei Bauprojekten in einem sehr frühen Zeitpunkt mit einer Zahl in die Debatte einsteige, so die Grünen-Politikerin. "Natürlich mit einer Zahl, mit der man die Leute nicht erschrecken will."

Angst vor hohen Kosten

Doch setzte man damit einen Prozess in Gang, bei dem man sich permanent und "in schöner Regelmäßigkeit nach oben" korrigieren müsse. Damit würden die Menschen "strapaziert" und "die Glaubwürdigkeit der Politiker belastet", so Bauer.

Es sei die Kombination aus der Angst vor hohen Kosten, die gegenüber den Wählerinnen und Wählern erklärt werden müssten, und frühen Zahlen aufgrund rudimentärer Planungen, unterstreicht die Wissenschaftsministerin. Dies habe man in Stuttgart bei der Modernisierung der Staatsoper anders gemacht und sich bei der Planung und Prüfung viel Zeit gelassen. Das habe zu einer sehr hohen Zahl geführt, aber diese sei realistischer.

Die Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, Theresia Bauer, ist zu sehen. Sie trägt ein dunkles Jacket und breitet die Arme aus. (Imago / Arnulf Hettrich)Rechnet mit hohen Baukosten für die Staatsoper Stuttgart: Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. (Imago / Arnulf Hettrich)

Dies sei aber zunächst einmal "ungewohnt" und "erklärungsbedürftig", sagt Bauer. Denn die Kosten errechneten sich aus den Kosten bei Fertigstellung – im Fall der Staatsoper in Stuttgart also im Jahr 2029. So werde in Baden-Württemberg nun an viele Vorhaben herangegangen.

"Wir versuchen, insgesamt beim Thema Bauen und Sanieren ehrlichere Zahlen zugrunde zu legen, und hoffen dabei auf einen gewissen Lerneffekt, dass man die realen Dimensionen von Anfang an besser einordnen kann", unterstreicht die Wissenschaftsministerin.

Methode muss getestet werden

Das Argument, dass im Vorhinein hoch angesetzte Kosten dazu verleiten würden, nicht günstig zu bauen, weißt die Grünen-Politikerin zurück: Dies ließe sich erst im Nachhinein bewerten – also erst in rund zehn Jahren. Denn erst rückblickend könne festgestellt werden, "ob man mit dieser Methode besser durchkommt", sagt Bauer. Außerdem unterstreicht sie, dass es keine Puffer gebe, durch die sich Einzelfirmen bereichern könnten.

Nicht überall stießen die hohen veranschlagten Kosten indes auf Gegenliebe, räumt die Politikerin ein. Viele hätten zuerst schlucken müssen. Außerdem werde schnell mit anderen Projekten verglichen, unter anderem mit der Elbphilharmonie in Hamburg, für deren Bau 860 Millionen Euro ausgegeben wurden – zehnmal mehr als anfangs veranschlagt.

(rzr)

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