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Zeitfragen | Beitrag vom 11.03.2020

Kosmopoliten vs. KommunitaristenEin konstruierter Kulturkampf?

Von Stefanie Oswalt

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Eine Illustration zeigt einen Mann und eine Frau, die auf stützenden Händen stehend diskutieren. (imago images / Ikon Images / Gary Waters)
Die Rede von Kosmopoliten und Kommunitaristen kritisch hinterfragen, dazu rät der Politologe Wolfgang Merkel. (imago images / Ikon Images / Gary Waters)

Bürgerliche gegen Sozialisten war gestern: Heute werden Gewinner und Verlierer der Globalisierung in Stellung gebracht, Kosmopoliten gegen Kommunitaristen. Wie werden diese Zuschreibungen im politischen Diskurs verwendet und was ist daran gefährlich?

"Wenn wir von Kosmopoliten sprechen, sprechen wir von Personen in unserer Gesellschaft aber auch in anderen, westlich entwickelten Gesellschaften, von Personen, die den Nationalstaat für überholt erklären, die als Bezugspunkt ihres gesellschaftlichen Denkens gewissermaßen den Kosmos, oder wenn Sie so wollen den Globus, die Welt sehen. Grenzen sind etwas von gestern und es gebietet geradezu ein moralisches Denken, diese nationalstaatlichen Grenzen zu überwinden."

Eine Definition des Politikwissenschaftlers Wolfgang Merkel. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hat er mehrere Jahre lang ein Forschungsprojekt zur "politischen Soziologie des Kosmopolitismus und Kommunitarismus" geleitet.

Darin haben Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen das Ausmaß untersucht, in dem die Globalisierung eine gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen schafft: Zwischen jenen, die für uneingeschränkten Warenaustausch, offene Grenzen und Freizügigkeit sind – und jenen, die die Grenzen lieber geschlossen halten und rein nationalstaatliche Interessen vertreten.

Zwei Varianten von Kommunitaristen

Wie charakterisiert Merkel Kommunitaristen?

"Das ist ein sehr viel schwierigerer Begriff. Er ist auch zweigeteilt, wenn nicht in mehrere unterschiedliche Versionen auseinanderfallend. Es gibt zwei Varianten. Die eine, können wir sagen, das ist die normativ-anständige: Das sind die Sozialdemokraten der 40er-, 50er- und 60er-Jahre."

Menschen, so Merkel, die einen starken Sozialstaat aufbauen und Schwächere unterstützen wollen, dafür aber auch sichere Grenzen einfordern. Daneben stellt er aber eine weitere Ausprägung von Kommunitaristen fest:

"Das was wir heute vor allen Dingen sehen, ist eine normativ hoch problematische Richtung: Das sind Nationalisten, die häufig gegenwärtig im populistischen Gewand auftreten. Die sagen nicht: Wir brauchen nationalstaatliche Grenzen, um einen starken Sozialstaat aufzubauen, sondern die argumentieren ethnisch oder sogar rassisch – oder, wenn Sie so wollen: völkisch. Hier haben wir eine hochgradig problematische Mischung aus einer Sehnsucht nach ethnischer Homogenität und Ausgrenzung der Anderen."

Gibt es einen Kosmopolitismus "von unten"? Kommunitaristen wird unterstellt, sie seien weniger gebildet und weniger offen. Aber stimmt das überhaupt? Im Gegenteil, sagt der Historiker Bodo Mrozek. In der Bundesrepublik waren die unteren Schichten früher viel kosmopolitischer als die Elite. Hören Sie hier den Beitrag von Constantin Hühn.

Parteienlandschaft spiegelt Lager wider

Merkel sieht in der deutschen Parteienlandschaft einen Spiegel dieser Lagerbildung:

"Die Grünen sind gleichsam der parlamentarische Arm, die Partei der Kosmopoliten, während die nationalistischen Kommunitaristen häufig nicht in den alleruntersten Schichten, aber in der unteren Mittelschicht zu finden sind, und das ist die AfD – früher waren es die Volksparteien, früher war das die SPD und die CDU/CSU und diese ehemaligen Volksparteien können diese Schichten nicht mehr an sich binden."

In der öffentlichen Debatte sind die Begriffe Kosmopolitismus und Kommunitarismus inzwischen selbst umstritten. Beide, so der Politikwissenschaftler haben ihre Wurzeln in einer philosophischen Debatte, die sich in den 1970- und 1980ern in den USA entwickelt habe.

"Es gibt da einen ganz berühmten liberalen Philosophen und Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls", erklärt Merkel, "der auf dem Individuum basierend seine Gerechtigkeitstheorie entwickelt hat und das hat sehr rasch von einer anderen philosophischen Richtung Widerspruch erfahren – und das waren die sogenannten Kommunitaristen. Die basieren ihre Gesellschafts- und Gerechtigkeitsvorstellungen nicht auf das Individuum sondern auf die Gemeinschaft."

Vorsicht bei der Verwendung der Zuschreibungen

Seit den 1990er-Jahren werden diese Begriffe in der Politikwissenschaft benutzt, um globalisierungsfreundliche und globalisierungsskeptische Wertecluster zu umschreiben. Natürlich, räumt Wolfgang Merkel ein, müsse man bei der Verwendung dieser Zuschreibungen differenzieren:

"Wichtiger ist, ein Missverständnis in der Debatte aufzuklären: Das sind mit dem Soziologen Max Weber gesprochen 'Idealtypen'. Die findet man nicht unbedingt sofort wieder in der Realität. Sie müssen sich das so vorstellen, dass Sie eine Konfliktachse haben, an deren jeweiligen Enden – wir sagen Polen – haben Sie idealtypisch jemanden, der kosmopolitisch denkt und an dem anderen Pol eine Konstruktion, die idealtypisch für nationalistische Kommunitaristen steht.

Wir finden dann aber zum Schluss Lager und die sind nicht nur an dem Endpunkt. Und Sie können auch Kosmopolit sein und trotzdem für einen starken Sozialstaat eintreten – was nicht geht, ist, dass Sie Kosmopolit sind und Nationalist. Das sind Widersprüche. Aber es gibt welche, die in der Mitte stecken – und die Parteien auch."

"Kosmopoliten" als negativer Kampfbegriff

Vor allem der Begriff des Kosmopoliten wird von Rechtspopulisten zunehmend als negativer Kampfbegriff vereinnahmt, um vermeintliche Eliten zu kritisieren.

Der damalige AfD-Bundesvorsitzende, Alexander Gauland hat die "globalisierte Klasse" in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" so charakterisiert:

"Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Apartments, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen."

Nicht ohne Grund haben Kommentatoren in dieser Beschreibung eine Nähe zu Hitler-Reden ausgemacht, denn ohne dass das Wort "Jude" bei Gauland fällt, erinnert die Textpassage doch an nationalsozialistische Kampfparolen. Die hier den Kosmopoliten zugeschriebenen Eigenschaften bilden den Kern antisemitischer Klischees und sie tauchten nicht nur bei den Nationalsozialisten sondern auch in der Sowjetunion in der Stalinära immer wieder auf.

Parallelen zu antisemitischen Klischees

Juliane Wetzel, Historikerin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin:

"Ich denke, wichtig ist bei dieser Zuschreibung des wurzellosen jüdischen Kosmopoliten und des dann Imperialisten, auch immer diese Verbindung mit dem Antiamerikanismus, also mit dem sogenannten 'reichen Juden'. Also derjenige, der eben Macht hat, einerseits, weil er über die ganze Welt seine negativen Eigenschaften verbreitet. Aber eben auch weil er Macht hat, in Bezug auf Geld."

Von da sei es nur ein kleiner Schritt zu Verschwörungstheorien – etwa zu der Behauptung, die Juden bestimmten die Börsen, oder der amerikanisch-ungarische Philanthrop George Soros lenke absichtlich Flüchtlingsströme nach Europa, um das christliche Abendland zu zerstören.

"Das sind alles diese alten Stereotype", sagt Juliane Wetzel, "die man, wenn man die Geschichte des Antisemitismus nicht kennt, eben nicht unbedingt immer gleich identifizieren kann. Aber das ist eben auch das Phänomen Antisemitismus, das sich den Zeitläuften immer wieder anpasst und es ist deswegen auch kein neuer Antisemitismus, sondern es ist immer der alte, weil er eben diese Stereotype über Generationen immer wieder weitergibt."

Schwarz-Weiß-Begriffe tragen kaum zur Klärung bei

Wobei Juliane Wetzel einräumt, dass rechtspopulistische Parteien sich vordergründig oft juden- und israelfreundlich geben, weil ihre Hauptstoßrichtung antimuslimisch ist. Das zeigt aber auch: Vermeintlich klare Schwarz-Weiß-Begriffe wie Kommunitarismus und Kosmopolitismus kleistern die Differenzierungen, Widersprüche und Paradoxien meist eher zu, als dass sie sie klären.

So sind nationalistische und xenophobe Standpunkte auch in gebildeten Milieus anzutreffen – und natürlich pflegen rechtspopulistische Eliten globale Beziehungen – etwa zu rechtspopulistischen Parteien in Frankreich oder Ungarn.

Wolfgang Merkel wirbt vor allem bei seinesgleichen dafür, rhetorisch abzurüsten und die Rede von Kosmopoliten und Kommunitaristen im politischen Diskurs kritisch zu hinterfragen. Damit könne man zwar keine Gaulands und Höckes in die demokratische Mitte zurückholen, aber vielleicht doch manche Protestwählerinnen und -wähler, die darunter leiden, in den aktuellen politischen Debatten kaum Gehör zu finden, weil sie sich keinem der beiden vermeintlichen Lager zugehörig fühlen

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