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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.07.2013

Kosmische Veteranen

80 Raumfahrer treffen sich in Köln zum Weltkongress der Astronauten

Reinhold Ewald im Gespäch mit Korbinian Frenzel

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Der deutsche Astronaut Reinhold Ewald beim Training zu seinem Flug zur Raumstation "Mir" im Jahr 1997.
Der deutsche Astronaut Reinhold Ewald beim Training zu seinem Flug zur Raumstation "Mir" im Jahr 1997.

Nachwuchssorgen hat diese Berufsgruppe sicherlich nicht. Trotzdem wollen die 80 Raumfahrer, die sich gerade auf ihrem Weltkongress in Köln treffen, ihre Erfahrung an die junge Generation weitergeben. Man könnte so ein Rollenmodell abgeben, sagt der ehemalige Astronaut Reinhold Ewald.

Korbinian Frenzel: Es gibt Berufe, da wäre ein Weltkongress eine ziemlich große Veranstaltung, der Weltkongress der Lehrer zum Beispiel. Dieses Problem hat die Weltkonferenz der Astronauten nicht: 80 Raumfahrer kommen da in dieser Woche zusammen, in Köln findet sie statt. Und einen dieser exklusiven Teilnehmer haben wir jetzt am Telefon: Reinhold Ewald, Physiker und Astronaut. Er war in den 90er-Jahren auf der Raumstation "Mir". Guten Morgen, Herr Ewald!

Reinhold Ewald: Guten Morgen, Herr Frenzel.

Frenzel: Wie muss man sich denn so einen Kongress vorstellen? Ist das wie ein großes Familientreffen?

Ewald: Wenn es das nur wäre, na ja, das lohnt dann nicht die Mühe, die Astronauten zusammenzurufen. Was wir wollen ist natürlich, den Erfahrungsaustausch von den älteren an die jüngeren weiterzugeben. Wir wollen auch rausgehen, wir wollen diese Erfahrungen des Raumflugs mit jungen Professionellen, mit Studenten, mit Schülern teilen. Das haben wir am Mittwoch gemacht, an über 40 Orten überall in Deutschland waren meine Kollegen im Einsatz. Mit Hilfe von Dolmetschern oder direkt auf Englisch haben sie diese Berichte aus dem All direkt an die jungen Menschen herangebracht.

Frenzel: Ich habe in den Nachrichtenagenturen folgendes gelesen: Die ISS, die internationale Raumstation, bekommt heute eine Schwester auf der Erde, und zwar bei Ihrem Treffen in Köln. Was muss man sich denn darunter vorstellen?

Ewald: Das ist ein Höhepunkt dieses Kongresses. Mit diesen über 80 Kollegen wird im DLR in Köln-Porz eine Einrichtung eingeweiht, die genau die Umweltbedingungen erforschen soll, die Astronauten in der extremen Umwelt des Weltraums an Bord der Raumstation erleben. Natürlich können wir die Schwerelosigkeit nicht erzeugen auf der Erde, das ist dem Labor im All der internationalen Raumstation vorbehalten. Aber alles andere, Luftdruck, Strahlung, Tagesablauf, das kann man in diesen neuen Kammern der Einrichtung Envihab erforschen und systematisch dann auch anwenden. Vieles, was wir im Weltall erfahren, das ist neu, das verwundert die Wissenschaftler, und da wollen sie dann auf der Erde noch mal genauer hinschauen.

Frenzel: Das heißt, dann ist man schon mal ein bisschen vorbereitet. – Die Schwerelosigkeit, das ist ja nun das Faszinierende, auch gerade für Menschen, die diese Erfahrung nicht machen, die das immer nur aus Bildern sehen aus dem Weltall. Und dann gibt es auch immer diese praktischen Fragen, ich kann Ihnen das jetzt nicht ganz ersparen. Zum Beispiel diese Frage: Wie reinigt man sich eigentlich da oben, wie duscht man, duscht man überhaupt?

Ewald: Diese praktischen Dinge – tatsächlich werden wir im Training darauf hingewiesen: So ungefähr funktioniert das im Weltall. Da muss man die ersten Tage sich dann vortasten und selbst ausprobieren. Duschen gibt es nicht. Wasser strömt ja nicht, hat keinen Anlass, nach unten zu fließen, sondern bleibt am Körper kleben aufgrund der Oberflächenspannung. Man kann sich also mit einer Wasserhülle sozusagen umgeben, aber das reinigt natürlich nicht und gibt vor allen Dingen auch nicht dieses gute Gefühl, dass einem Wasser auf die Schultern prasselt. Man nimmt Tücher, feuchte Tücher, und das reicht auch entsprechend für die sechs Monate, dort ordentliche Hygiene herzustellen.

Frenzel: Und wie ist es mit dem Schlafen? Hinlegen geht ja nicht so richtig, oder?

Ewald: Das Schlafen – auch das kann in dieser "envihab"-Einrichtung erforscht werden – ist ja auch vom Biorhythmus abhängig. Das heißt: wie kommt man zur Ruhe, ist man da oben in der Lage, überhaupt bei diesen ungewöhnlichen Umgebungsbedingungen genügend erholsamen Schlaf zu finden? Ich zum Beispiel habe keine Schwierigkeiten gehabt, weil ich sehr viel Aktionen während des Tages hatte, die sehr unmittelbar aufeinander folgten. Dann war ich froh, wenn Abends mal ein bisschen dieser Arbeitsturnus, diese Anspannung vorbei war.

Frenzel: Ist es nicht wunderbar und herrlich ruhig da oben zum Schlafen?

Ewald: Nein, gar nicht, und auch da ist ein Stressfaktor, weil durch die Ventilatoren, die die Luft umwälzen, ein recht großer Grundgeräuschpegel an Bord der Raumstation ist. Die Astronauten können sich auf längere Entfernungen im Raum tatsächlich nur über diese Sprechfunk-Interkom-Einrichtungen verständigen und tragen auch Schall schluckende Kopfhörer.

Frenzel: Der Beruf Astronaut fasziniert ja auf jeden Fall. Sie werden – Sie haben es angesprochen – mit Ihren Kollegen nach dem Kongress auch noch Schulen besuchen in Nordrhein-Westfalen, von Ihren Erfahrungen erzählen. Das ist jetzt aber nicht, weil Sie Nachwuchssorgen haben, oder?

Ewald: Es geht um Inspiration, es geht um die Möglichkeit, mit jungen Menschen ihre Träume auch zu diskutieren. Viele wollen ja einen anspruchsvollen Beruf haben, sehen dann ein Rollenmodell vor sich und dann ist die Frage natürlich, wie bist Du dahin gekommen, muss man Superheld sein. Die Antwort ist nein. Man muss seine Dinge verfolgen, sagen wir den jungen Menschen, zu Ende machen mit ein bisschen Beharrlichkeit, vielleicht auch Freude an der Arbeit, und dann kann es für den einen oder anderen auch so weit sein, dass er mal Astronaut/Astronautin wird.

Die meisten aber kommen aus diesem Interesse zur Raumfahrt, zur Luft- und Raumfahrt in die technischen Berufe, und das ist ja auch schon für die Gesellschaft, die sich ja der Technik und dem Wissen verschrieben hat in Deutschland, ein großer Vorteil.

Frenzel: Jetzt würden wahrscheinlich aufmerksame Eltern an der Stelle fragen: Junge, ist das denn ein Beruf mit Zukunft? Wird es denn die bemannte Raumfahrt noch lange geben, oder ist das vielleicht auch irgendwann einfach zu teuer und bringt auch nicht so viel? Gibt es da Sorgen?

Ewald: Gott sei Dank nicht. Das ist eine gewisse Weitsicht auch in der Politik gewesen. Deutschland hat sich sehr engagiert für diese internationale Raumstation. Wir betreiben die zurzeit mit vielen, vielen Experimenten. Bis 2020 wissen wir auch schon, dass die Finanzierung gesichert ist. Darüber hinaus kann die Raumstation noch für andere Dinge dann vielleicht, die bis dahin aktuell werden, genutzt werden.

Also die bemannte Raumfahrt hat sich eigentlich etabliert, es ist aus einem Guss, man macht die Nutzanwendungen von Satellitenkommunikation, Navigation, Erdbeobachtung, aber auch diese Hochtechnologie-Anforderungen bemannte Raumfahrt und zeigt dadurch, wie zum Beispiel jetzt auch China begriffen hat, dass man mithalten kann im Konzert der fortschrittlichen Nationen in der Welt.

Frenzel: Eine Frage noch zum Schluss. Astronaut, Kosmonaut, die Chinesen sagen Taikonaut – haben Sie sich untereinander eigentlich auf einen Begriff geeinigt?


Der ehemalige ISS-Commander Chris Hadfield spielt in der Raumstation eine Coverversion von David Bowie's "Space Oddity"

Ewald: Bis auf die Sprache macht da eigentlich die genaue Bezeichnung nicht viel Unterschied. Diejenigen, die in Russland trainiert haben, werden gerne als Kosmonauten bezeichnet, diejenigen, die mehr in den westlichen Systemen sich auskennen, als Astronauten. Aber bei einem solchen Weltkongress sind wir alle Raumfahrer. Wir haben auf die Erde geschaut, wir haben diese Erfahrung gemacht. Und wie mein Kollege Chris Hadfield – der ist ja bekannt geworden mit seinem "Space Oddity", das er aus dem Weltall dann aufgenommen hat – sagte: Das ist eine Erfahrung, die ist viel zu gut, als dass man nicht darüber erzählen sollte.

Frenzel: Und das wird getan in und um den Weltkongress der Raumfahrer herum. Im Gespräch dazu war das der deutsche Astronaut und Physiker Reinhold Ewald. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Ewald: Gerne.

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