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Alltag anders / Archiv | Beitrag vom 25.09.2020

Korrespondenten berichten über Wartezimmer

Von Matthias Baxmann

Kranke Frau im Wartezimmer bei Arzt  (imago images/ Ikon Images)
Wartezimmer sind selten schöne Orte, aber während dort oft Menschen auf ihre Handys starren, kommt man in Spanien immerhin ins Gespräch. (imago images/ Ikon Images)

In der Türkei ergibt sich schnell ein Gespräch, in China würde man noch nicht mal Hallo sagen. Alle gucken auf ihr Handy. In Singapur sind Wartezeiten selten. So geht es in Wartezimmern weltweit zu.

Karin Senz aus Istanbul:

"Erstmal sind die Wartezimmer bei den Ärzten, die nichts kosten, generell voll. Das erträgt der Türke in der Regel mit Geduld. Man versucht immer irgendwie zu drängeln und als erster dran zu sein. Aber wenn man sich dem Schicksal ergeben hat, dann guckt man auch mal in eine Zeitschrift, aber es ergibt sich auch sehr schnell ein Gespräch: Was haben Sie? Bei welchem Arzt sind Sie denn? Allerdings hat in der Türkei auch das Zeitalter der Handys Einzug gehalten. Das wird stark genutzt. Und zwar deutlich intensiver als in Deutschland. Natürlich surfen viele Menschen gern mal im Handy."

Axel Dorloff aus Peking:

"In China ist die Atmosphäre der Wartezimmer ungemütlich. In China würde man noch nicht mal Hallo sagen, wenn man in ein Wartezimmer kommt. Die Leute kommen, setzen sich hin, sagen kein Wort und gucken auf ihr Handy. Wenn Sie in China mit 20 Leuten im Wartezimmer sitzen, gucken 19 auf ihre Handys. Oft sind die Wartezimmer auch gar keine Zimmer, sondern nur der Flur im Krankenhaus."

Oliver Neuroth aus Madrid:

"In Spanien sind Wartezimmer nicht wirklich schön, zumindest bei Ärzten, die zur normalen Krankenabsicherung gehören. In spanischen Wartezimmern kommt man ganz gut ins Gespräch mit dem Nachbarn. Man plaudert so ein bisschen über Land und Leute, über die Politik und das Wetter. Der Spanier ist ein großer Smalltalker. Im Wartezimmer geht das in Spanien. Da ist Plauderatmosphäre angesagt. In Madrid habe ich auch ein Wartezimmer, das ich oft aufsuchen muss. Das ist das Wartezimmer meiner Postfiliale. Da sind acht oder neun Schalter. Meistens sind alle geöffnet. Trotzdem kommen so viele Menschen, dass man immer warten muss. Man muss auch wie im Rathaus so eine Nummer ziehen. Dann kommt man irgendwann dran."

Ivo Marusczyk aus Buenos Aires:

"In Argentinien gibt es eine große Wartezimmerkultur, aber zu meiner Überraschung gibt es beim Arzt keine Wartezimmer. Beim Arzt gibt es vielleicht eine Bank, wo man mal fünf Minuten warten kann, aber dass man eine Stunde warten muss, das gibt es nicht. Dafür muss man hier in Argentinien an Stellen warten, wo man es in Deutschland nicht gewohnt ist: bei der Bank. Wenn ich in eine Bank gehe, muss ich eine Nummer ziehen und das kann schon mal eine Stunde dauern, bis ich drankomme. Das ist auch streng reguliert. Wehe man wagt es, eine Frage dazwischen zu stellen oder man wagt sogar das Handy rauszuholen, um sich die Zeit zu vertreiben. Das ist streng verboten."

Lena Bodewein aus Singapur:

"Wartezimmer in Singapur sind meistens funktional. Es ist maronenbraun gestrichen, es ist beige, es gibt vielleicht einen Wasserspender und eine Kiste abgegrabbeltes Spielzeug. Außer wenn man zum Hautarzt geht. Dann wird gern für die Schönheitsoperationen geworben. Also wann, wo, wie und wo überall. Und dass man ganz klar weißere Haut braucht. Da gibt es viele Werbebroschüren und ganz viele schöne Menschen auf den Werbeplakaten. In Singapurer Wartezimmer sind oft gar keine Menschen da. Weil das Arztsystem meistens so effizient geregelt ist, dass man keine Wartezeit hat. In den seltensten Fällen habe ich länger als fünf Minuten warten müssen."

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